Attachement Parenting: Verbunden oder angebunden ?

Bindungsorientierte Erziehung oder Attachment Parenting ist die Erziehungs­philosophie der Stunde. Kritiker des Prinzips zeichnen ein Bild von Müttern, die bis zur Erschöpfung jeden Wunsch ihrer Babys erfüllen wollen und dafür die eigenen Bedürfnisse weit hintanstellen. Ist das wirklich so?

Von Karin Dehmer (Text) und Matthias Leutwyler (Illustrationen)

Unlängst hat der frühere Kinderarzt Remo Largo in einem Interview der «ZEIT» erklärt, dass das heutige System der Kleinfamilie eine permanente Überforderung für Eltern darstelle: «Die Familie war in der gesamten Menschheitsgeschichte nie eine Insel, auf der die Eltern ihre Kinder allein aufzogen. Sie war eingebettet in eine Gemeinschaft, die sich gemeinsam um die Kinder kümmerte.» Largo ist der Meinung, dass Krippen, Kitas und später Schulen nur am Rand eine wirkliche Entlastung böten, weil deren finanzielle Ansprüche und die ganze dahintersteckende Organisation und Koordination trotzdem allein an den Eltern hängen bliebe. Er plädiert dafür, mit dem unmittelbaren Umfeld in Kontakt zu treten, wieder eine Art moderner Kommunen zu bilden und gemeinsam mit anderen Familien den Alltag zu planen. Largos erzieherische Idee ist nur eine unter vielen, und über den richtigen Erziehungsstil wird mittlerweile so erbittert debattiert wie über politische Ansichten. Natürlich möchte niemand zurück zur Härte und Strenge früherer Generationen, da sind sich hierzulande alle einig, und irgendwie ja auch darin, dass jede Familie es so handhaben soll, wie sie es für richtig hält. Dennoch verlieren sich junge Eltern – meist sind es die Mütter – in realen oder virtuell geführten Diskussionen übers Stillen, Schlafen und Schreien ihrer Babys und darüber, welches die einzig richtige Praktik sei, um Schwierigkeiten und Unsicherheiten erfolgreich zu bewältigen. Einer der zurzeit hochaktuellen und auch kontrovers diskutierten Erziehungsstile ist Attachment Parenting (engl. bindungsorientierte Erziehung). Kritisiert werden weniger die Inhalte und Prinzipien, die die Kinder betreffen, sondern die Folgen, die deren Anwendung für die Eltern nach sich ziehen. War man sich in den vergangenen vierzig Jahren nämlich mehrheitlich einig, Kinder müssten sich trotz der gesteigerten Beachtung und Hingabe ihrer Eltern an deren Leben anpassen, hinterlassen gewisse Empfehlungen von Attachment Parenting einen gegenteiligen Eindruck: Während der ersten Lebensjahre geht nichts über die Bedürfnisse der Kinder (die mehrheitlich von der Mutter erfüllt werden), und Väter werden nach all den geführten Kämpfen um Gleichberechtigung und geteilte Elternschaft im Extremfall wieder in die alleinige Ernährerrolle zurückgedrängt.

Ausgeglichene, glückliche Kinder
Attachment Parenting wurde in den 80er- und 90er-Jahren vom US-amerikanischen Kinderarzt William Sears und seiner Frau Martha geprägt. 2001 erschien ihr Buch «Attachment Parenting». Das Prinzip besteht aus mehreren Empfehlungen, deren Befolgung ausgeglichene, glückliche und bindungsfähige Kinder verspricht. So rät das Ehepaar Sears zu einem sofortigen Körperkontakt nach der Geburt, zum Stillen nach Bedarf (und möglichst über das zweite Lebensjahr hinaus) und dazu, das Kind so oft wie möglich am Körper zu tragen. Kinder sollten zudem mit den Eltern im selben Bett schlafen können und – vielleicht die Kernthese von Attachment Parenting – auf Baby-Bedürfnisse soll umsichtig und umgehend eingegangen werden, was vor allem bedeutet, sie niemals schreien zu lassen. Die Theorie des Attachment Parenting ist in den letzten Jahren von den USA nach Europa hinübergeschwappt, wo es sich ausgehend von den alternativ geprägten Wohnvierteln Berlins weiter ausbreitete. Viele gut gebildete, informierte und urbane Mütter entscheiden sich vermehrt dazu, nach der Geburt zu Hause zu bleiben und sich während der ersten Jahre intensiv um die Kinder zu kümmern. Logisch, dass da die Reaktionen von Öffentlichkeit und Medien, von Feministinnen, berufstätigen Müttern und von Vätern nicht ausbleiben.

Ungefragte Ratschläge
Ellen Girod (34) ist Mutter zweier Mädchen, sie sind drei- und einjährig. Seit der Geburt ihrer ersten Tochter arbeitet die Journalistin im reduzierten Pensum von zu Hause aus. Auf der Website ihres Elternblogs «Chez Mama Poule» (frz. «zu Besuch bei der Glucke») schreibt sie unter anderem über bindungsorientiertes Elternsein. Wer aber meint, sie würde Remo Largos Eingangsthese widersprechen, irrt. «Ja, es braucht ein Dorf! Es braucht Menschen neben Vater und Mutter, die einfühlsam auf das Kind eingehen. Heute, wo man abseits von Familie und Freunden wohnt, muss man sich einen solchen Clan aber erst aufbauen, das ist nicht immer einfach.»

Ellen Girod hat übers Internet von Attachment Parenting erfahren. «Als ich Mutter wurde, erhielt ich sehr viele ungefragte Ratschläge und Meinungen anderer. Du sitzt zu Hause mit einem heulenden Kind, bist übernächtigt und überfordert und all diese Meinungen prasseln auf dich ein. Tu dies, tu das nicht …» Natürlich wurde ihr unter anderem dazu geraten, ihr Kind auch mal schreien zu lassen, aber das fühlte sich für Ellen Girod einfach nicht richtig an. «Da habe ich angefangen zu surfen, und ich bin auf bindungsorientierte Elternblogs gestossen. Ich fand eine ganze Community, die mir entsprach, die herzorientiert handelte. Mütter in meinem Alter, die von etwas sprachen, was auch ich dachte.» Und gerade gewisse dieser Blogs, Facebook-Gruppen und Online-Foren stehen oft im Zentrum der Kritik am Erziehungsprinzip. Wie bei anderen zeitgenössischen Themen, die auf Social Media innert Kürze explosionsartig an Inhalten und Interesse zunehmen, wird darin nämlich nicht gespart mit hämischen und aggressiven Kommentaren gegenüber Andersdenkenden. Unter dem Überbegriff Attachment Parenting werden extreme Ansichten vertreten, wie strikt vegane Baby-Ernährung oder die Verwendung von Stoffwindeln, beziehungsweise man rät, am besten gleich ganz auf Windeln zu verzichten. Alles macht mehr Arbeit, alles bindet einen mehr ans Kind. Schnell entsteht so der Eindruck, Attachment-Parenting-Mütter seien ein Haufen verbissener Kontrollfreaks, die sich für nichts anderes interessieren als für ihre wohlmeinenden Techniken, die aus ihren Kleinkindern dereinst die glücklichsten und ausgeglichensten Erdbewohner machen werden. «Ja, es gibt gerade bei den Facebookgruppen einige, die unreflektiert und aggressiv sind», bestätigt auch Ellen Girod. «Aber negative Auswüchse gibt es bei allen Trends. Schade ist, dass sich die Medien und die Kritiker nur auf diese konzentrieren. Für mich geht es bei Attachment Parenting weder um Ernährung noch um die Beschaffenheit der Windeln, sondern darum, die Kinder genauso zu respektieren wie Erwachsene.»

Perfektionsdruck unter Müttern
Trotzdem, den bindungsorientierten Müttern wird häufig vorgeworfen, ihr Umfeld damit zu nerven, es allen voran dem Kind recht machen, perfekt sein zu wollen. «Aber auch eine Mutter, die von Attachment Parenting nicht viel hält, will doch das Beste für ihr Kind», entgegnet Ellen Girod. «Der Perfektionsdruck ist doch unter Müttern allgemein sehr gross, leider.» Diese Meinung teilt auch Margrit Stamm, Professorin für Erziehungswissenschaft. In ihrer Kolumne der Aargauer Zeitung schreibt sie: «Der Druck auf die Mütter ist nie grösser gewesen als heute. So antworteten in einer meiner neusten Studie zwei von drei Frauen auf die Frage, was das Härteste am Muttersein sei: Druck, Stress, Schuldgefühle.» Über die Meinung, Attachment-Parenting-Mütter würden so sehr auf die Bedürfnisse ihrer Babys eingehen, dass darob ihre Beziehung, ihr Sozialleben – das Arbeitsleben sowieso – verkümmern, kann Ellen Girod allerdings nur lachen. Sie selbst lebe die Prinzipien locker und niemand in ihrem Freundeskreis verhalte sich so verbissen und radikal wie Mitglieder von oben beschriebenen Foren. «Ich stillte primär, weil es zeitsparender ist. Beim Einkaufen lasse ich das Tragetuch gern zu Hause und nehme den Kinderwagen, unsere Kinder besuchen an zwei Halbtagen pro Woche die Kita und sehen wöchentlich ihre Grossmutter. Ich orientiere mich auch nicht an dem Buch des Ehepaars Sears.» Für Ellen Girod ist bindungsorientierte Erziehung denn auch hauptsächlich eine Art von Kommunikation: Auf das Kind einzugehen, dessen Ausdruck – ja, auch wenn es «nur» schreien kann – ernst zu nehmen, mit ihm zu reden und Dinge zu erklären, auch dann, wenn man meint, die Kinder verstünden noch gar nicht, wovon man spricht. «Ich bin überzeugt, bereits Babys verstehen, was man zu ihnen sagt.»

Man will nicht recht verstehen, weshalb sich Medien und Menschen – notabene solche, die nicht gerade selbst ein Kleinkind in die Welt gebracht haben – darüber aufregen, wie sich diese jungen Eltern um ihre Kinder kümmern. Klar, das Buch des Ehepaars Sears liest sich rückständig (obwohl es erst 17 Jahre alt ist). So mutet es zum Beispiel seltsam an, dass die Rolle des Vaters gerade mal auf ungefähr 20 von den 313 Seiten des Buchs erwähnt wird oder dass der Mutter im Kapitel «Arbeiten und verbunden bleiben» dazu geraten wird, doch besser gleich auf die bisherige Karriere zu verzichten. Aber nichts ist daran falsch, der Mutter nach der Geburt das Kind sofort in die Arme zu legen. Stillen nach Bedarf ist auch nichts wirklich Neues, und das ständige Herumtragen, das Schlafen im gemeinsamen Bett: Viele Eltern mögen solches den Kindern nicht so aktiv anbieten, wie Attachment Parenting das empfiehlt, aber wenn es die Kinder einfordern, verwehren sie es ihnen oft auch nicht. Und niemand wird bestreiten, dass Aufmerksamkeit und Bindung den Kindern gut tut. Die Frage ist, ab wann der gesteigerte Fokus auf das Kleinkind auf die Kosten der Eltern geht. Vermutlich nicht ohne Grund hat das Ehepaar Sears in seinem Buch ein Kapitel zum Thema «Burnout der Mutter und wie es vermieden werden kann» geschrieben. Moritz Daum vom Lehrstuhl für Entwicklungspsychologie an der Universität Zürich drückt es so aus: «Eine gute Beziehung ist für ein Kind eine wichtige Grundlage für die weitere Entwicklung. Diese entsteht durch kontingentes und sensibles Verhalten der Eltern, indem sie auf die Bedürfnisse des Kindes adäquat und prompt eingehen. Attachment Parenting treibt das aber mit sehr strengen Regeln auf die Spitze. Wie bei vielen Lehren besteht auch bei dieser die Gefahr, dass sie zu absolutistisch angesehen wird, als die einzige richtige Form der Erziehung, dabei aber für viele Eltern nur teilweise oder gar nicht umsetzbar ist.» Moritz Daums Kollegin Jana Nikitin vom Lehrstuhl für Persönlichkeits- und Entwicklungspsychologie der Universtität Basel verdeutlicht: «Überforderte Eltern schaden den Kindern mehr, als dass sie ihnen gut tun. Wenn man also Attachment Parenting in seiner vollen Breite anwendet, obwohl man selbst vielleicht lieber ohne das Kind im eigenen Bett schlafen würde oder nicht mehr oder gar nicht stillen will, dann sollte man sich überlegen, von den Prinzipien Abstand zu nehmen. Man sollte immer nur so viel geben, wie es einem gut tut.»

Remo Largo weist in seinem Standardwerk «Babyjahre» auf mögliche Auswirkungen elterlicher Präsenz für das Selbstständigwerden von Kindern hin: «In den ersten Monaten gestalten Eltern die körperliche Verbindung zu ihrem Kind für die kommenden Jahre. Eine möglichst grosse Nähe und Enge wird häufig mit psychischem Wohlbefinden und einer starken Bindung gleichgesetzt. Dies ist jedoch eine zu einseitige Vorstellung von der Entwicklung des kindlichen Selbstwertgefühls, denn nicht nur Geborgenheit, auch Selbstständigkeit ist ein Bestandteil von Selbstvertrauen.» Largo rät, die Kinder in Massen an die Selbstständigkeit heranzuführen, ohne sie dabei zu über- oder unterfordern. Leider lässt dieser sicherlich korrekte, aber auch etwas in der Luft hängende Ratschlag etwas viel Interpretationsraum für erneute Auseinandersetzungen darüber, was den richtigen Zeitpunkt, den passenden Rahmen oder die angebrachte Vorgehensweise betrifft.

Austausch mit den Grosseltern
Spricht man mit leidenschaftlichen Anwendern eines bindungsorientierten Erziehungsstils, entsteht, gerade bei der Grosselterngeneration, schnell einmal das Gefühl, das Elternsein sei gerade neu erfunden worden und selbst habe man vermutlich vieles falsch gemacht. Für diesen Fall rät Entwicklungspsychologin Jana Nikitin zu einem Austausch mit anderen Grosseltern; solchen, die zur selben Zeit wie man selbst Eltern gewesen sind und vertraut mit den Problemen, Vorgaben und Standards der eigenen Generation. «Auch mit den Kindern kann darüber gesprochen werden, vielleicht entkräften diese ja auch das Gefühl, man habe vieles falsch gemacht.» Gemäss Margrit Stamm tun Grosseltern gut daran, den von ihren Kindern gewählten Erziehungsstil zu akzeptieren. In einem Interview mit «Grosseltern» vom März 2017 sagt sie: «Die wichtigsten Punkte der Eltern müssen mit den Grosseltern diskutiert werden, und es wäre gut, wenn sich die Grosseltern anschliessend an diese Regeln halten würden.» Für einige Grosseltern kann es dennoch eine Herausforderung bedeuten, mitzuerleben, wie ihre Enkelkinder nach anderen Grundsätzen erzogen werden als jenen, die sie selbst angewendet haben. Vor allem die Ansicht, man könne Babys mit zu viel Aufmerksamkeit «verwöhnen», ist weit verbreitet. Jana Nikitin: «Babys kann man nicht genug verwöhnen. Das Bewusstsein eines Babys ist noch nicht so weit ausgereift, dass man es zur Selbstständigkeit erziehen kann, indem man es zum Beispiel schreien lässt. Es ist im Gegenteil so, dass ein Baby zum Selbstständigwerden Sicherheit braucht, es muss sich geborgen fühlen, das Bedürfnis nach Nähe muss befriedigt sein. Wenn das Kind dann beginnt, die Umwelt zu erforschen, ist es aber umso wichtiger, dass man es lässt, dass man es in seinem Entdeckungsdrang nicht andauernd unterbricht, indem man ihm Aufmerksamkeit schenkt, die es in diesem Moment gar nicht wünscht.» Wie Margrit Stamm vertritt auch Jana Nikitin die Meinung, dass Erziehung Elternsache ist: «Wenn die Eltern um einen Ratschlag bitten, dürfen Grosseltern selbstverständlich ihre Meinung äussern und eigene Erfahrungen einbringen. Ein ungefragter Ratschlag allerdings ist immer auch eine Machtdemonstration, die es zu unterlassen gilt. Besondere Zurückhaltung ist beim erstgeborenen Kind geboten, gerade während der ersten Monate, wenn für die Eltern selbst alles neu ist. Was sie in dieser Zeit brauchen, ist tatkräftige Unterstützung, keine kritischen Fragen und Ratschläge.» Aber haben Grosseltern von Kindern, die in den ersten Lebensmonaten oder -jahren fast pausenlos von den Eltern selbst betreut werden, überhaupt eine Chance, eine Bindung einzugehen? Ja, haben sie; wenn man sie lässt. «Ein Säugling kann zu mehreren Personen Beziehungen eingehen, sofern die Voraussetzungen von zuverlässigen und zeitlich ausreichenden Erfahrungen gegeben sind», schreibt Remo Largo, und Jana Niktin ergänzt: «Eine gute Beziehung zu eigenen Kindern und Schwiegerkindern ist der Grundbaustein für die Beziehung zu den Enkelkindern, der bereits vor deren Geburt gelegt werden muss. Grosseltern dürfen und sollen den Wunsch nach einer Verbindung zum Enkelkind kommunizieren und müssen dann die Reaktion der Eltern respektieren.» •


Die sieben Werkzeuge von Attachment Parenting

Das Ehepaar Sears beschreibt im «Attachment Parenting Buch» sieben Werkzeuge, die es braucht, um eine tiefe Verbindung zum Baby herzustellen. Die ersten fünf sind im Ansatz auch in anderen Ratgebern wie zum Beispiel dem Standardwerk «Babyjahre» des Schweizer Kinderarztes Remo Largo zu finden. Die letzten beiden zeigen, wie belastend die strikte Befolgung dieser fünf Werkzeuge für die Mütter sein können, und wie man sich gegen andere Ratgeber wehrt.     

Von Melanie Borter (Text) 

1. Sofortiger Kontakt nach der Geburt
«Halten Sie Ihr Baby sofort nach der Geburt Haut an Haut», schreibt das Ehepaar Sears. «Babys sollten die ersten Stunden nach der Geburt mit ihren Eltern verbringen, nicht in einer Plastikwanne im Neugeborenenzimmer.»
Largo stimmt zu und relativiert gleichzeitig: «Das erste Kennenlernen nach der Geburt ist nur eine, wenn auch wichtige emotionale Erfahrung. Aber es ist keine bleibende Beeinträchtigung der Eltern-Kind-Beziehung zu befürchten, wenn dieser Kontakt unmittelbar nach der Geburt ausbleibt.»

2. Stillen
William und Martha Sears empfehlen unter einer Auflistung von mehreren Vorteilen das Langzeitstillen. «Das Stillen ist das Bindungswerkzeug, das die Mutter-Kind-Beziehung am meisten beeinflusst. Nur wenige Dinge lassen eine Mutter sich so besonders fühlen wie ein Kind, das sich an sie anschmiegt, um gestillt zu werden.»
Dass Stillen die ideale Ernährungsform für den Säugling ist, darüber herrscht heute Einigkeit. Largo gibt zu bedenken: «Von dieser Einsicht ist der Weg leider nicht weit zur Ideologie, dass jede gute Mutter stillen muss.»

3. Babytragen
«Getragene Babys sind weniger unruhig. Und die Eltern werden einfühlsamer, wenn sie ihr Baby tragen. Weil das Baby so nahe ist, lernen sie es besser kennen», schreiben die Sears.
Largo stimmt zu: «Das Herumtragen des Babys in einer Traghilfe entspricht dem Bedürfnis des Säuglings nach Körperkontakt. Der Vater und die Grosseltern können das Baby genauso gut herumtragen wie die Mutter.»

4. Gemeinsames Schlafen
«Die meisten, jedoch nicht alle Babys schlafen am besten, wenn sie in der Nähe ihrer Eltern sind. Ausserdem ist das nächtliche Stillen so viel einfacher», so das Ehepaar Sears.
Auch Largo hält fest: «Über Jahrtausende schlief der Säugling in der Nähe seiner Mutter. Die Sitte, das Kind separat im eigenen Bett und eigenen Zimmer schlafen zu legen, kam erst mit der Industrialisierung auf. Die Schlafsituation ist dann richtig, wenn Kind und Eltern entspannt schlafen können.»

5. Glaube an das Weinen des Babys
Das wohl wichtigste Werkzeug von Attachment Parenting: «Babys weinen, um zu kommunizieren, nicht um die Eltern zu manipulieren. Je sensibler man auf das Weinen eines Babys reagiert, desto mehr lernt es, seinen Eltern und seinen eigenen Kommunikationsfähigkeiten zu vertrauen.» Praktisch heisst das, dass auf jedes Weinen des Babys sofort reagiert werden muss. Dies kann je nach Baby sehr anstrengend sein und zur Überforderung führen. Sears verweist in solchen Fällen auf das Werkzeug «Gleichgewicht und Grenzen».
Dass es nicht nur quälend, sondern auch sinnlos ist, Babys schreien zu lassen, hält auch Largo fest. «Säuglinge, die in den ersten drei Monaten rasch besänftigt werden, schreien in den kommenden Monaten weniger.» Im Gegensatz zu Sears gibt es bei Largo aber auch das unspezifische Schreien eines Säuglings, also jenes Schreien, das keine klare Ursache wie Hunger oder Müdigkeit hat.

6. Gleichgewicht und Grenzen
«In ihrem Eifer, ihrem Baby möglichst alles zu geben, passiert es Müttern schnell, dass sie ihre eigenen Bedürfnisse und die ihres Partners nicht ausreichend beachten. Burnout kann einer der Nebeneffekte von Attachment Parenting sein.» Dieses Problem liegt laut den Sears nicht an Attachment Parenting selbst, sondern gründe in einem der folgenden Faktoren: Ein Baby mit besonders hohen Bedürfnissen, eine wenig unterstützende Umgebung, Druck von aussen oder unrealistische Erwartungen an die Erziehung. Sears hat keine andere Lösung für ausgelaugte Mütter als: «Suchen Sie sich professionelle Hilfe.»

7. Vorsicht vor Babytrainern
Unter Babytrainer versteht Sears elternzentrierte Ratgeber, die davon ausgehen, dass Babys weinen, um zu manipulieren, und warnt vor Elternzeitschriften. Er liefert auch Vorschläge, wie man mit Kritik der Grosseltern umgehen sollte: erklären, aber nicht streiten, lieber das Thema vermeiden, Kritik ignorieren oder ihr mit Humor begegnen oder einfach sagen: «Mein Kinderarzt hat mir das geraten.»

Quellen: William und Martha Sears: «Das Attachment Parenting Buch – Babys pflegen und verstehen», Tologo Verlag (2001), 313 Seiten, 20 Franken. Remo Largo: «Babyjahre», Piper (überarbeitete Neuausgabe 2017), 565 Seiten, 25 Franken.

 


Dieses Dossier stammt aus dem Grosseltern-Magazin 11/2018