Ausflug ins Creaviva: Geheimschrift und Buchstabensalat

Eva Hardmeier besucht mit ihrer Enkelin Ella das Zentrum Paul Klee in Bern. Sie richten Buchstabensalat an, ent­decken den Maler Klee, der Geheimschriften erfunden hat, und schaffen tanzend ein Gemälde, das sich gleich wieder in Luft auflöst.

Von Josianna Walpen (Text) und Matthias Luggen (Fotos)

«Das ist jetzt doch noch toll hier»: Ella (5) strahlt ihre Grossmutter an. Eva Hardmeier (57) muss lachen und freut sich, dass ihre Enkelin Gefallen an dem Ausflug findet. Sie sitzen in einem Atelier des Kindermuseums Creaviva im Zentrum Paul Klee in Bern. In den hellen, grosszügigen und lichtdurchfluteten Ateliers des wellenförmigen, mit der Landschaft verwachsenen Gebäudes ist es kühl. Draussen sorgt die Sonne an diesem Nachmittag Ende August noch für brütend heisse Temperaturen. Ella hätte sich auch gut einen Abstecher in die Badi vorstellen können. Oder den Nachmittag zu Hause zu verbringen, bei ihrer kleinen Schwester. Ann, das Schwesterchen, ist in den Massstäben von Ella noch «null»: Sie zeigt ihre geschlossene kleine Faust, wenn sie das Alter von Ann angibt. 3 Monate ist sie alt und somit noch neu und aufregend.
Inzwischen findet es Ella aber auch im Zentrum Paul Klee in Bern spannend. Im «Offenen Atelier», das Ella mit ihrer Grossmama im Creaviva besucht, geht es um den grossen Künstler Klee. Der sei nicht nur ein berühmter Maler gewesen, erläutert die Kunstvermittlerin Anna-Lea Schroers, sondern er habe auch mit Wörtern und Buchstaben gearbeitet, Gedichte geschrieben und sogar Geheimschriften erfunden. Voller Eifer macht sich Ella auf die Spuren von Klee und geht ihrerseits mit Buchstaben und Zahlen zu Werke. Obwohl noch im Kindergarten, kommt Ella gut zurecht. Ihren Namen schreiben? Kein Problem! Buchstaben stempeln und einen Buchstabensalat kreieren – ein Pappenstiel! Sie ist konzentriert bei der Sache.
Auch «Odi» – so hat Ella ihre Grossmama getauft – geht mit ans Werk. Mit Buchstaben und Wörtern jonglieren passt gut zu ihr: Sie schreibt selbst regelmässig und ist gerade dabei, ein Buch zu veröffentlichen. Als Fachangestellte Gesundheit in der Onkologie hat sie im Laufe der Jahre sehr viel erlebt und diese Erfahrungen in Texte gegossen.
Eva Hardmeier sieht sich nicht als «Bilderbuch-Oma», die dauernd zur Verfügung steht oder regelmässig ihre Enkelkinder hütet. Sie hätte gar nicht die Zeit, regelmässig und verbindlich zu hüten. Ihr 80-Prozent-Arbeitspensum ist intensiv, sie schreibt, reist und geniesst die Freiheiten ihres eigenständigen Lebens. Und sie betrachtet die Rolle der Grosseltern auch aus dem politischen Blickwinkel: Sie ärgert sich, dass das Schweizer Betreuungssystem noch immer nicht genügend und zahlbare Betreuungsplätze zur Verfügung stellt. «Die Schweiz ist im Vergleich zu anderen Ländern in dieser Beziehung immer noch ein Entwicklungsland», spricht die ehemalige alleinerziehende Mutter aus Erfahrung. Sie findet das Engagement vieler Grosseltern bei der Betreuung ihrer Enkel grossartig. Weniger toll findet sie, wenn Grosseltern einspringen müssen, weil es keine andere Lösung gibt.
«Ich», meint sie keck lächelnd, «ich sehe mich eher als das ‘Chriesi’ auf dem Dessert!» Also als Grossmutter, zu der die Enkel in die Ferien kommen, mit der sie Ausflüge machen und die Geschichten erzählt. Natürlich springt Eva Hardmeier auch mal ein, wenn es eng wird mit der Betreuung.
Während es im Kinderatelier relativ ruhig zu und her geht – eben, der schöne Sommertag! – füllt sich das Atelier daneben mit Erwachsenen: Eine Firma startet mit ihrem Teamanlass, während Ella und Odi langsam abschliessen und zufrieden ihr Werk betrachten.
Zum Abschluss machen die beiden noch eine Runde durch die Ausstellung. Ganz toll findet Ella die Riesenpinsel, mit denen man mit Wasser auf einem grossen Schieferquadrat schwarze Zeichnungen entstehen lassen kann. «Komm, wir machen alles voll!», tanzt und hüpft sie mit dem Pinsel rund um die Platte. Diese Kunst ist nicht für die Ewigkeit: Kaum drehen Ella und Odi ihrem Wassergemälde den Rücken zu, sind die Pinselstriche schon fast wieder weggetrocknet.
Kunst ist kurzweilig, die Zeit vergeht wie im Flug. Kunst macht aber auch ganz schön müde. Odi und Ella kehren ihr für heute den Rücken zu. Obwohl Eva Hardmeier ganz in der Nähe des Zentrums Paul Klee wohnt, beschliessen die beiden, diesen Abstecher für heute auszulassen: Odi hat noch einen Termin, und Ella muss wohl nachsehen, ob Ann inzwischen wieder ein wenig gewachsen ist…•