Bin ich feige, wenn ich Angst im Dunkeln habe?

Könntest du noch schnell eine Flasche Mineral aus dem Keller holen? Das ist nur scheinbar eine harmlose Frage. Denn im Keller bin ich allein und es gibt diese dunklen Ecken, in die das schwache Kellerlicht nicht hinkommt und wo sich die Schatten so komisch bewegen. Ich weiss natürlich, dass im Keller keine Monster lauern. Eigentlich. Und doch kriecht die Angst in mir hoch. Mir wird heiss und kalt und das Herz schlägt bis zum Hals. Bin ich deshalb ein Feigling? Die Helden aus Game of Thrones kennen die Antwort. Dort fragt Bran seinen Vater Ned: «Kann ein Mann tapfer sein, auch wenn er sich fürchtet?»
Und sein Vater sagt: «Das ist der einzige Moment, in dem er tapfer sein kann.» Angst zu haben, ist also völlig okay. Es ist sogar so: Wer sich nicht fürchtet, der kann auch nicht mutig sein. Tapfer ist nicht, wer keine Angst hat, tapfer ist, wer sich seiner Angst stellt. Das muss nicht von heute auf morgen sein, sondern kann auch Schritt für Schritt passieren. Beim ersten Mal bitte
ich meinen Grossvater, mich in den Keller zu begleiten. Beim zweiten Mal nehme ich eine Taschenlampe mit. Und beim dritten Mal schaffe ich es dann ganz allein. Allerdings: Bei aller Freude an Mut und Tapferkeit sollten wir auch nicht vergessen, was der chinesische Philosoph Konfuzius lehrte: «Wer vor nichts Angst hat, wird durch die Gefahr überrascht.» Mit anderen Worten: Vom Mut zur Dummheit ist es manchmal ein gefährlich kleiner Schritt. Wer im Keller aus lauter Übermut gar kein Licht anzündet ist kein Held, sondern der Depp, der im Dunkeln in die Mausefalle tritt.
Urs Siegfried, Initiator und Leiter des Zürcher Philosophie Festivals, das im Januar zum zweiten Mal stattfindet, hat erst Geschichte und Betriebswirtschaft studiert, bevor er die Philosophie für sich entdeckte. Fürs Grosseltern-Magazin beantwortet er jeden Monat eine Kinderfrage.

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