Bligg: «Nonno träumte von einer Sängerkarriere»

Bligg, mit bürgerlichem Namen Marco ­Bliggensdorfer (41), ist einer der bedeutendsten Mundart-Künstler der Schweiz. Seit ­ Mitte Oktober ist er mit seinem neuen Album «KombiNation» auf Schweizer Tour. www.bligg.ch

Marco Bliggensdorfer alias Bligg hat eine ganz besondere Beziehung zu seinem Nonno. Auf seinem aktuellen Album «KombiNation» kommt der 88-Jährige sogar selbst zu Wort.

Von MELANIE BORTER (Aufzeichnung)

Antonio Jannotti, mein Grossvater mütterlicherseits, ist 88 Jahre alt. Er war und ist bis heute ein wichtiger Bestandteil meines Lebens. Auch ich habe bei ihm vermutlich eine Sonderstellung. Ich war nicht nur der Erstgeborene meiner
Eltern – meine zwei Geschwister kamen erst vier und acht Jahre nach mir zur Welt –, sondern auch der erste Enkel für meine Grosseltern. Vielleicht habe ich deshalb diese Spezialstellung bei meinem Grossvater, der Erste ist halt immer etwas Besonderes. Unsere intensive Beziehung kommt aber auch daher, dass meine Eltern sehr jung waren, als ich zur Welt kam. Meine Mutter war 17, mein Vater 20 Jahre alt.

Musiker dank Nonno

Nonno hat wesentlich dazu beigetragen, dass ich heute Musiker bin, ich erinnere mich an mehrere einschneidende Erlebnisse. Als ganz kleiner Bub bekam ich eine Gitarre geschenkt, auf der ich begeistert spielte. Mein Grossvater bot mir fünf Franken, wenn ich an Weihnachten vor der versammelten Familie spielte. Er war es also, der mir damals zeigte, mit Musik kann man Geld verdienen. Etwas später, ich war etwa sieben oder acht Jahre alt, besuchte ich mit meiner Familie in Wallisellen ein grosses Italienerfest. Da waren bestimmt 700 Personen. Eine Band spielte. Mein Grossvater ging kurzerhand zu der Band hin und fragte, ob sein Enkel Marco auch spielen dürfe. Ich wollte erst gar nicht, aber als Nonno mir 10 Franken dafür bot, war ich bereit dazu. Das war mein erstes Live-Erlebnis vor grossem Publikum, ein prägendes: Als ich nämlich die begeisterten Mädchen am Rand der Bühne sah, da wusste ich, ich will Musiker werden.

Von Rhythm-and-Blues zu Adriano Celentano

Fast jeden Sommer fuhr Bligg mit seinen Grosseltern nach Italien.
Antonio Jannotti als junger Grossvater mit klein Marco.

Nicht nur die ersten Bühnenerfahrungen habe ich meinem Nonno zu verdanken, auch meinen Bezug zur Musik hat er beeinflusst. Nonno kam 1954 als junger Mann von Italien in die Schweiz, lernte hier meine Grossmutter Rosmarie kennen und lieben. Er arbeitete in einer Autowerkstatt, wo er Zeit seines Lebens die Autoreifen grosser Ami-Schlitten wechselte und diese putzte. Dabei fand er oft Kassetten. Die sammelte er und schenkte sie mir. Es waren Aufnahmen mit dem amerikanischen Radiomoderator Wolfman Jack, der sich Rhythm-and-Blues-, Soul- und Funk-Songs verschrieben hatte. Musik, die man hier nicht täglich im Radio hörte. Ich erinnere mich ausserdem an lange Autofahrten nach Italien, als mein Grossvater Adriano Celentano hörte, mit den Fingern im Takt klopfte und mitsummte. Erst kürzlich erfuhr ich von meiner Grossmutter, dass Nonno von einer Sängerkariere geträumt hatte. Natürlich ist Nonno stolz auf mich, er lässt bei seinen Freunden keine Gelegenheit aus, ihnen mit einer meiner CDs vor dem Gesicht herumzufuchteln. Ich glaube, mein Nonno merkt erst jetzt, wie sehr er mich und meine Musikkarriere beeinflusste. Auf meinem aktuellen Album «KombiNation» kommt er übrigens selbst zu Wort, er erzählt von seinem Leben als ehemaliger Gastarbeiter. Heute merke ich dem Grossvater sein Alter an, die letzten drei, vier Jahre ist er gealtert. Deshalb geniesse ich die Zeit mit ihm noch intensiver. Ich besuche meine Grosseltern einmal in der Woche. Am liebsten zusammen mit meinem Sohn, der ist jetzt drei Jahre alt. Mein grösster Wunsch ist es, dass auch er sich an Nonno erinnern wird. Für mich bedeutet der Geruch ihrer Blockwohnung, ein Gemisch aus Pasta-, Kaffee- und viel zu viel grossmütterlichem Putzmittelduft, nach Hause kommen. Ob ich hoffe, dass mein Sohn zu seinen Grosseltern dieselbe intensive Beziehung haben wird, wie ich zu meinem Nonno? Nein, es wäre töricht zu glauben, das sei möglich. Meine Situation war ja eine ganz andere, weil meine Eltern noch so jung waren. In der Schule war das manchmal nicht einfach. Junge Eltern und junge Grosseltern zu haben, hat aber auch grosse Vorteile. Da stehst du an einem Konzert vor 15 000 Menschen, schaust ins Publikum und ganz vorne rechts stehen deine Grosseltern. Das erleben nicht viele meiner Musikerkollegen. Das ist sehr schön und ein grosses Privileg.•

Welcher Promi sonst noch über seine Grosseltern erzählt hat finden Sie hier: grosseltern-magazin.ch/category/meine-grosseltern/


Aus dem Grosseltern-Magazin 11/2018



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