Nadja Räss: «Den Dickschädel habe ich von Grossdädä»

Nadja Räss (39) ist eine der vielseitigsten Jodlerinnen der Schweiz. Die innovative Musikerin ist künstlerische und operative Leiterin der KlangWelt Toggenburg. Nadja Räss ist nicht nur als Solo-Künstlerin unterwegs, sie steht auch mit vielen namhaften Künstlern­ ­im In- und Ausland auf der Bühne. www.nadjaraess.ch

Nadja Räss wusste schon als Kind: «Wenn ich gross bin, werde ich Jodlerin.» Dies hat auch ­mit ihrem Grossvater zu tun, der appenzellische Wurzeln hatte und darum die Innerrhödler Natur­jodel besonders gerne hörte.

An Grossvaters Geburtstag im Februar traf sich jeweils die ganze Familie in Herisau, und immer wurde gesungen und gejodelt. Gesungen hat Grossdädä an den Festen selber zwar nicht, aber als Innerrhödler, der im ausserrhodischen Herisau lebte, liebte er die traditionellen «Rugusserli» besonders. Ich sass inmitten meiner Eltern, Geschwister, Onkel und Tanten und den vielen Cousinen und Cousins, hörte die Naturjodel und fühlte mich wohl. Musik, Gemütlichkeit und das Zusammensein in der Grossfamilie genoss ich sehr. Bis heute schätze ich gute Gespräche und ein feines Glas Wein mit Freunden. Und das Jodeln ist für mich längst zum Lebenselixier geworden.
Ein wenig «Biss» als Ressource
Später wurde Grossvater für mich zum Vorbild. Er wurde bereits mit 43 Jahren Witwer. Es war für ihn eine riesige Herausforderung, die fünf Söhne grosszuziehen, den landwirtschaftlichen Hof zu führen und zudem den eigenen Gasthof in Herisau auf Kurs zu halten. Doch er hat es mit Zähigkeit und Durchhaltewillen geschafft. Aus allen Söhnen ist etwas Rechtes geworden.
Diese Beharrlichkeit bei Schwierigkeiten habe ich vermutlich ebenfalls in den Genen. Manchmal habe ich sogar einen sturen «Rässe-Grind», wie die Familie es nennt. Ich entschied schon früh, Musik zu meinem ­Beruf zu machen. Das ist nicht immer einfach gewesen. Aber mit ein wenig Strenge und Verbissenheit habe ich es geschafft. Heute bin ich professionelle Jodlerin und seit Kurzem auch Dozentin für Jodel an der Hoch­schule Luzern.
Ein waschechter Appenzeller
Noch immer habe ich meinen Appenzeller Grossvater vor Augen: Klein gewachsen, mit Lockenkopf und verschmitzten Augen, dennoch ein wenig streng und gefühlsmässig eher verschlossen. Als ich ihm an einem Familienfest kundtat, dass ich Gesang studieren wolle, meinte er trocken: «Singen kannst du ja schon.» Jahre später trug ich an einem Fest einen Naturjodel vor, und ich sah, dass Grossdädä Tränen in den Augen hatte. Da wusste ich, dass er mit meinem Entscheid, mich beruflich ganz der Musik zu widmen, einverstanden war, auch wenn er nichts dazu sagte.
Ausgerechnet am Tag, als Grossvater starb, hatte ich die Übertrittsprüfung vom Grundstudium zum Hauptstudium in Musik – heute Bachelor – in Zürich zu absolvieren. Am Morgen, als meine Mutter mir den Tod des Grossdädä mitteilte, war ich sehr traurig und es hat mich richtig «verhudled». Ich ging trotzdem in der festen Überzeugung zur Prüfung, dass der Verstorbene mich unterstützen werde. «Jetzt erst recht», dachte ich, auch weil ich an die Verbindung zu den Verstorbenen glaube. Ich ging zum Examen und bestand es. Darüber freute ich mich trotz der Trauer um meinen lieben Grossdädä.

Damals und heute
Ich erzähle gerne von meinem Grossvater väterlicherseits, weil dieser für mich im Zusammenhang mit meiner Berufswahl steht. Ich habe aber auch zu meiner noch lebenden Grossmutter mütterlicherseits ein gutes Verhältnis. Mein Grossvater mütterlicherseits ist 1998 gestorben, auch zu ihm hatte ich ein gutes ­Verhältnis.
Damals vor rund dreissig Jahren war vieles in der Beziehung von Enkelkindern zu ihren Grosseltern anders. Ein Landwirt wie mein Grossvater hatte keine Zeit, Enkelkinder zu wickeln, zu verpflegen und spazieren zu führen. Die Familien wussten jedoch, dass sie im Haus der Grosseltern immer willkommen waren. Zuneigung für den Nachwuchs war selbstverständlich.
Heute haben es hütende Grosseltern gewissermassen einfacher, eine Beziehung zu den Enkelkindern aufzubauen. Das Zusammensein, die Betreuungsaufgabe verbindet. Weder das eine noch das andere ist besser oder schlechter. Ich meinerseits bin einfach froh, einen Grossvater gehabt zu haben, der für mich ein Vorbild und ein echter Begleiter in ein Leben mit der Volksmusik war.•

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