« Auch was man gerne macht, kann irgendwann zu viel sein »

Arbeit, Kinderbetreuung und Pflege der betagten Eltern: In ihrem Buch «Warum wir unseren Eltern nichts schulden» ist die Philosophin Barbara Bleisch der Frage nachgegangen, wie sich das Gefühl von Verpflichtung begründen lässt, das viele Menschen ihren Eltern (und nicht selten auch ihren erwachsenen Kindern) gegenüber haben.

Interview: Karin Dehmer

Philosophin und Autorin Barbara Bleisch

Frau Bleisch, was sind Ihre Gedanken zur Aufzeichnung des prallen Alltags von Ruth Eugster?
Die Frau hat zweifelsohne einen vollen Kalender und trägt viel Verantwortung. Die Zeit, die ihr «unter dem Strich bleibt» nutzt sie, wie sie sagt, «für das Nötigste im Haushalt und im Garten». Sie arbeitet also zumindest zu einem Teil auch dann. Haus- und Familienarbeit, alles, was man heute als «Care Work» bezeichnet, wird in unserer Gesellschaft aber oft nicht als Arbeit anerkannt. «Ich mache es gern» ist kein Hinweis darauf, dass es sich nicht um Arbeit handelt. Ich mache meine Arbeit als Philosophin und Journalistin auch gern; dennoch ist es Arbeit. Gerade Frauen in der sogenannten Sandwich-Position, die sowohl Enkelkinder hüten als auch eigene Eltern oder Schwiegereltern betreuen, können in eine Situation der permanenten Belastung gelangen. Sich dies einzugestehen, ist nicht einfach, wenn man sich immer sagt: «Ich mache es ja gern.» Auch was man gern macht, kann irgendwann zu viel sein.

Könnte man auch sagen, dass hinter einem schlechten Gewissen die Angst steckt, von einer Gruppe, zu der man sich zugehörig fühlt, ausgestossen zu werden?
Natürlich liegt uns viel daran, von den Menschen, die wir lieben, auch geliebt und anerkannt zu werden. Vor allem Mädchen lernten in früheren Zeiten, dass wir unsere Liebe in erster Linie ausdrücken, indem wir anderen helfen. Es ist eine Binsenwahrheit, dass man nur helfen und geben kann, wenn man auch dafür sorgt, dass es einem selbst gut geht. In Beziehungen sind wir oft anfällig dafür, über unsere Grenzen hinauszugehen, weil der Schmerz des Gegenübers ein Stück weit auch der eigene Schmerz ist. Manchmal würde es aber genügen, die eigenen Grenzen anzusprechen – vielleicht versteht das Gegenüber die Situation sogleich und es lassen sich alternative Lösungen finden. Das sage ich nun nicht als Philosophin, sondern als eine Person, die wie die meisten Menschen in Beziehungen lebt, in denen wir versuchen, den anderen und uns selbst bestmöglich gerecht zu werden. Sich mit den eigenen Grenzen den anderen zuzumuten, ist eine Lebensaufgabe.

In Ihrem Buch «Warum wir unseren Eltern nichts schulden» schreiben Sie, dass weder Verwandtschaft noch geleistete Fürsorge der Eltern ihre Kinder zu etwas verpflichte, nicht mal zu Dankbarkeit. Dennoch habe ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich mich länger nicht bei meinen Eltern gemeldet habe.
Eltern sind, wie der Schriftsteller Peter Weiss einst schrieb, die «Portalfiguren» unseres Lebens. Wir können noch so sehr auf Distanz gehen, Familie ist uns, wenn nicht in Fleisch und Blut, dann sicher in unsere Identität übergegangen. Wir haben deshalb auch guten Grund, uns um ein gutes Verhältnis zur Herkunftsfamilie zu bemühen – und müssen dennoch unseren eigenen Weg finden. Es braucht eine lange Zeit der Emanzipation, bis wir verstehen, dass nicht alles, was unsere Eltern sich von uns wünschen, auch unsere Pflicht ist. In meinem Buch geht es mir darum, zu zeigen, dass die Antwort auf die Frage, was Kinder ihren Eltern schulden, von der aktuellen Beziehung zu den Eltern abhängt und nicht vom Verwandtschaftsverhältnis. Ein schlechtes Gewissen kann also davon herrühren, dass wir uns nicht hinreichend emanzipiert haben – aber auch daran, dass wir tatsächlich ein enges und liebevolles Verhältnis zu den eigenen Eltern pflegen und sie nicht enttäuschen möchten. Es gilt auch hier, was ich bereits gesagt habe: Wir alle müssen lernen, über unsere Erwartungen, aber auch über unsere Grenzen zu sprechen. Das gehört zu erwachsenen Beziehungen dazu.

Wenn alle Kinder, die sich aus Schuld- oder Pflichtgefühl um ihre betagten Eltern kümmern, das nicht mehr tun, müssten das Gesundheitswesen und der Sozialstaat doch den Preis dafür bezahlen?
Ich bin als Philosophin der ethischen Frage nachgegangen, wie sich das Gefühl von Verpflichtung, das viele Menschen ihren Eltern gegenüber haben, begründen lässt. Und meine Arbeit an «Warum wir unseren Eltern nichts schulden» hat mich zu dem Ergebnis geführt, dass es sich nicht allein dadurch begründen lässt, dass man das Kind von jemandem ist! Wenn ich überhaupt ein gesellschaftspolitisches Anliegen habe, geht es mir sicher nicht darum, Familiengefüge zu schwächen, sondern ganz im Gegenteil darum, die Familie zu stärken, indem wir sie von überfrachteten Vorstellungen befreien. Eltern wünschen sich in aller Regel Zuwendung, die Kinder ihnen aus freien Stücken schenken, und nicht aus Furcht, sie zu enttäuschen. Wenn wir die Familie als wichtige Stütze der Gesellschaft begreifen, dann sollten wir uns für die Idee öffnen, dass die Gesellschaft ihrerseits Grund hat, die Familie und damit auch die Eltern-Kind-Beziehung zu entlasten.

Und wie tut die Gesellschaft das?
Sicher nicht, indem sie Frauen, die keine Pflege- oder Hütedienste übernehmen wollen, ein schlechtes Gewissen macht. Sondern indem sie gesellschaftliche Strukturen stärkt, die Familien bei Bedarf entlasten, wenn es etwa um die Betreuung pflegebedürftiger Familienangehöriger geht. Wer jemals mit Blick auf die eigenen Eltern oder Grosseltern diese Aufgabe übernommen hat, weiss, wie intensiv diese Erfahrung ist, wie verbindend und kostbar und wie trennend und beziehungsgefährdend zugleich sie sein kann. Eine Gesellschaft, die auf die Familienbande als stützenden Pfeiler setzt, sollte bereit sein, erwachsene Kinder in dieser Aufgabe zu unterstützen.

Erwachsene Kinder, die kein Bedürfnis haben, wöchentlich bei ihren Eltern vorbeizuschauen, und Grosseltern, die zu beschäftigt sind, um sich um ihre Enkelkinder zu kümmern: Der Vorwurf nach Selbstverwirklichung auf Kosten einer moralischen Verpflichtung ist meist nicht weit.
Ich weiss gar nicht, ob dieses Bild stimmt – oder ob es nicht herbeigeredet wird. Gerade jetzt während der Pandemie haben wir doch gesehen, wie sehr die jüngere Generation bereit war, die älteren und verletzlichen Menschen zu schützen. Und wenn wir beachten, wie gross der Beitrag der Grosseltern zur Kinderbetreuung in der Schweiz ist, scheint mir diese Frage in die falsche Richtung zu zielen. Problematisch finde ich vielmehr, dass der immense soziale Beitrag, den Grosseltern leisten, oft nicht gesehen und anerkannt wird. Ich verstehe und unterstütze deshalb auch die Anliegen der «GrossmütterRevolution» und freue mich, wenn Grossväter sich ebenso aktiv einbringen. Nicht vergessen dürfen wir auch, dass junge Menschen heute – wenn nicht gerade eine Pandemie herrscht – mobiler sind. Es wird von ihnen erwartet, dass sie einen Sprachaufenthalt machen, im Ausland studieren, fremde Länder bereisen. In einer globalisierten Welt ist es nicht mehr so einfach wie früher, in seiner Herkunftsfamilie präsent zu bleiben. Oft sind die Wege einfach sehr weit.

Was sagen Ihre Berufskolleginnen und -kollegen aus südlichen Nachbarländern über Ihre These? Oder ist es ein Klischee, dass eine enge Bindung
von erwachsenen Kindern zu ihren Eltern in Südeuropa weniger hinterfragt wird?

Die Frage nach den innerfamiliären Pflichten von erwachsenen Kindern stellt sich in anderer Weise, wenn es keine sozialstaatlichen Strukturen gibt. In Gegenden der Welt, in denen die Kinder die einzige Altersvorsorge sind, sind Kinder in anderer Weise verantwortlich. Allerdings interessiert mich als Philosophin, wie Gesellschaften bestmöglich auszugestalten sind. Und ich würde meinen, dass wir gut daran tun, die soziale Sicherheit nicht allein von Familienstrukturen abhängig zu machen. Kolleginnen aus Griechenland und Italien haben mir gesagt, dass die Thesen, die ich vertrete, bei ihnen natürlich weitaus brisanter sind – aber sie sich genau diese Form von Entlastung wünschen. Oftmals sind es übrigens Männer, die die guten alten Zeiten herbeisehnen, in denen man in der Familie noch ganz füreinander da war. Selbst gehen sie aber gern rund um die Uhr einer Arbeit ausser Haus nach. Hingabe und Fürsorge zu fordern auf Kosten der anderen, ist aber allzu einfach. •