Von Karin Dehmer (Interview)

Einen Hausrat zu verkleinern ist kräftezehrend, kann einem aber im besten Sinne das Leben erleichtern. Wem das Loslassen schwerfällt, kann sich bei Lis Hunkeler Unterstützung holen. Die Innerschweizerin ist Entrümpelungsexpertin.

Frau Hunkeler, aller Anfang ist schwer: Ist es auch beim Entrümpeln eines langjährigen Hausrates so: Wenn man mal damit begonnen hat, läuft es von selbst?
Noch wichtiger als der Anfang ist das Dranbleiben. Wenn man sich kein Zeitlimit setzt oder keine strikten Termine, kommt man kaum vorwärts. Oft ist es so, dass die Freude am Loslassen oder die Freude über weniger Ballast motiviert und Energie gibt. Dann ist die grösste Hürde überwunden.

Wie setzt man sich Zeitfenster, ohne sich unter Druck zu setzen?
Der Prozess des Aufräumens kann in allen Bereichen kräftezehrend sein. Deshalb sollte man auf jeden Fall genug Zeit einplanen. Man kann sich vornehmen, über eine gewisse Anzahl Wochen oder Monate jeden Tag eine Stunde fürs Aufräumen aufzuwenden, oder man setzt sich ein zeitliches Limit, sagt, «bis Ende Monat ist der Estrich geräumt». Man kann auch fixe Tage in der Agenda eintragen, an denen man sich der Arbeit annimmt. Denn es ist eine Arbeit. Eine definitive Zeitlimite ist wichtig, sonst bleibt man ewig dran.

Wie muss man sich Ihre Arbeit als Räumungs-Beraterin vorstellen?
Manchmal begleite ich Menschen für zwei Stunden und kann sie so zum Start motivieren. Sie zeigen mir alles, was sie haben, und ich stelle Fragen zu Gegenständen, die ihnen Sorgen bereiten. Oft kommt nach diesem Gespräch der Ansporn, loszulegen. Ich melde mich dann alle paar Wochen und frage nach oder gehe vorbei. Es gibt aber auch Menschen, die wollen, dass ich dabei bin und sie physisch und mental unterstütze.

Welches ist die am häufigsten geäusserte Furcht von Menschen, die ihren Hausrat verkleinern müssen?
Das Vergessen. Die Furcht durch das Weggeben von gewissen Dingen, Erinnerungen zu löschen. Dem ist aber nicht so. Wir erinnern uns an die schönen Sachen in unseren Leben auch ohne einen Gegenstand, der dafür steht. Ich beobachte, dass vor allem ältere Menschen, die noch mit wenig aufgewachsen sind, mehr an Dingen festhalten als die nachkommende Generation.

Wie oft gibt es Streit unter Paaren, die sich uneinig sind, was behalten werden soll und was weg muss?
In vielen Partnerschaften gibt es einen Sammler oder eine Sammlerin. Es hilft, sich gemeinsam bewusst zu werden, dass man sich verkleinert. Beide Seiten müssen dazu beitragen. Ich empfehle, dass zuerst jeder seine eigenen Sachen aufräumt, und dass auch hier Ziele gesetzt werden. Zum Beispiel ein Drittel der Kleider muss weg, oder alles, was in den letzten zwei Jahren nicht gebraucht worden ist. In einem zweiten Schritt überlegt man dann gemeinsam, was man behalten will. Hier braucht es Kompromissbereitschaft.

Wovon trennen sich Menschen am wenigsten gern?
Das ist sehr individuell. Für viele Menschen sind Fotos etwas sehr Wichtiges. Andere können sich nicht von Büchern trennen. Sachen, die man wirklich liebt und die einem teuer und wertvoll sind, sollte man denn auch unbedingt behalten. Es kommt nicht darauf an, wie viel ich in meiner Wohnung habe, aber es kommt darauf an, dass die Sachen, die darin sind, mich glücklich machen. Minimalismus stimmt nicht für alle. Es gibt auch Menschen, die brauchen viele Sachen um sich herum. Das ist okay. Wenn sich aber jemand von gar nichts trennen kann, versuche ich herauszufinden, woran das liegen mag. Sind es alte Glaubenssätze im Sinne von «Das ist doch noch gut» oder «Früher wäre ich froh darum gewesen»? Oder ich versuche herauszufinden, welche Emotionen mit den Gegenständen verbunden sind.

Hilft es, wenn erwachsene Kinder dem Prozess beiwohnen?
Erwachsene Kinder können unterstützen, indem sie sich darum kümmern, Gegenstände weiterzugeben, ins Internet zu stellen oder ins Brockenhaus zu bringen. Entscheiden, was geräumt wird, sollen aber die Elternteile. Sie dürfen nicht gedrängt werden.

Ich stelle mir vor, dass die eine oder andere Person auch stundenlang über Fotoalben, Briefen oder Ähnlichem verweilt?
Auf jeden Fall. Das muss Platz haben. Dieser Prozess ist für den «Abschluss» wichtig. Für solche Kisten sollte man sich aber extra Zeit einräumen. Nicht während der «offiziellen» Räumungszeit über ihnen hängenbleiben, sondern sie an einem Abend oder Wochenende in aller Ruhe durchforsten. •

Lis Hunkeler bietet älteren Menschen vielseitige Unterstützung in deren Alltag. Sie übernimmt administrative Aufgaben, Reisebegleitungen, bietet Hilfe im Haushalt und ist Räumungscoach. lhunkeler.ch

Schritt für Schritt entrümpeln – Tipps:

  1. Bestandesaufnahme – Wie viel besitze ich? Gehen Sie dazu von Zimmer zu Zimmer, durch den Estrich oder Keller, und schreiben Sie grob auf, welche Möbelstücke und Dinge sich darin befinden, was der Inhalt von Schränken und Kisten ist.
  2. Ziel setzen – Wie viel will ich loswerden? Beispielsweise: Die Hälfte, ein Drittel, jedes Regal/jeder Schrank soll nur noch zur Hälfte gefüllt sein etc.
  3. Hilfe – Welche Hilfe und Unterstützung brauche ich? Aufräumen kostet viel Energie, Kraft und Zeit.
  4. Termine – Zeitdauer realistisch planen, Etappenziele setzen.
  5. Weggeben – Bevor Sie mit dem Aufräumen beginnen, Familienmitglieder und Freunde fragen, was sie haben wollen.
  6. Loslegen – Mit den Dingen beginnen, von denen man sich am leichtesten trennen kann.
  7. Positive Haltung – Freuen Sie sich darüber, Ballast loszuwerden.
  8. Dranbleiben

Wenn Sie sich von Dingen nicht trennen können, fragen Sie sich:
● Welche Erinnerungen
habe ich daran?
● Wieso bedeutet mir
dieser Gegenstand so viel?
● Wann habe ich ihn zum letzten Mal wirklich gebraucht oder
angesehen?
● Könnte ich diesem Gegenstand
ein neues Zuhause geben, in dem er wieder gebraucht wird und wo auch jemand Freude daran hat?