Bänz Friedli erinnert sich an den Lieblingsfluch seiner Grossmutter, die ihm eine Verbündete war. Vermutlich war sie es, die ihn erzog.

Von BÄNZ FRIEDLI (Text)

Weshalb sie so war, wie sie war, so unnachgiebig, so stur – das begriff ich erst viel später. Als Bub merkte ich nur, dass Grossmutter immer etwas zu mäkeln hatte. Sie fand meine Sprache zu unflätig, meine Haare zu lang und die Fingernägel sowieso. Meine auf Kniehöhe abgeschnittenen Jeans, die unten ausfransten, fand sie unmöglich, meine T-Shirts zu grell. Und sie ermahnte mich nach jedem Satz, besser zu artikulieren. Hätte sie, die pensionierte Schulmeisterin, mich nicht stundenlang die korrekte Aussprache von «Sssss» und «Schhhh» üben lassen und hätte sie beim «S» nicht streng darauf geachtet, dass ich meine Zunge im Zaum hielt, ich würde heute noch lispeln, dass es keine Gattung machen würde. «Das macht kei Gattig», sagte sie, wenn ihr etwas missfiel, und schickte ihren Lieblingsfluch hinterher: «Stäcketööri!» Weshalb sie so streng war zu sich und allen anderen? Es wurde mir erst klar, als sie schon greis war und ich beinahe erwachsen. Jedenfalls war ich alt genug, dass wir an einem Weihnachtsabend zusammen Rotwein trinken konnten, nur sie und ich. Mit jedem Glas gab sie neue Kränkungen aus einem verdammt schwierigen Leben preis. Ein ungewolltes Kind war sie gewesen, nach Frankreich weggegeben. Als sie wieder nach Hause kam, war da inzwischen eine kleine, verhätschelte Schwester – und sie noch immer ungewollt.

Niemand fluchte schöner

Das Leben hatte sie hart gemacht, in ihrem Innersten war sie herzensgut. Mich zog vermutlich beides an, ihre Strenge und ihre Güte, und sie war mir von allen Verwandten der verwandteste Mensch. Wenn jemand mir Tischmanieren beibrachte, dann sie. Ohnehin war sie es, die mich erzog; die Eltern waren zu sehr mit sich beschäftigt. Und sie lagen im Clinch mit ihr – Grossmutter durfte nie zu Besuch kommen. Dafür schlich ich mich zu ihr, sie war meine Verbündete im Dorf. Sie schenkte mir Zeit, sie hörte zu, kochte für mich Lattich und Rosenkohl. Sie lehrte mich jassen, Züpfe backen, guetzle. Sie liess mich «Cabaret» mit Liza Minelli am Fernsehen schauen, was mich verstörte und faszinierte. Oft fuhr ich zu ihr, lehnte mein Eiger-Velo an ihren Gartenzaun, setzte mich zu ihr unter den Kirschbaum und fühlte mich trotz aller Mäkeleien angenommen: geborgen. Und forderte sogleich den nächsten Tadel heraus, indem ich Chriesisteine in ihre Beete spuckte. «Stäcketööri!», schimpfte sie zuverlässig. Wie ich ihren Fluch mochte! Zwei Weltkriege hatte sie gesehen; hatte, jung verwitwet, als alleinstehende berufstätige Frau zwei kleine Kinder durch die Nachkriegsjahre gebracht.

Mich zog vermutlich beides an, ihre Strenge und ihre Güte,
und sie war mir von allen Verwandten der verwandteste Mensch.


Die Sparsamkeit hatte sich ihr eingebrannt. Ehe sie am Morgen ihr langes Haar zu einem Knoten hochband, einem «Bürzi», pflegte sie es mit einer Bürste, die sie 1938 erworben hatte. Und wehe, man hätte ihr eine neue geschenkt! «Meine tuts noch lang», hätte sie trötzelnd gesagt und ihre uralte Bürste weiterbenutzt: Holzgriff, Schweineborsten. Dreiundsechzig Jahre lang war ihr das gut genug. Geschenke brachte sie einem meist zurück: «Bruch i nid.» Arztbesuche galten ihr als Zeit- und Geldverschwendung. Nach einem Sturz auf vereister Strasse schleppte sie sich weiter Tag für Tag unter Schmerzen in den Einkaufsladen – bis nach Wochen ein Beckenbruch diagnostiziert wurde. Hatte sie einen Liter Milch leer getrunken, schnitt sie die Packung auf und stopfte ihren wenigen Abfall rein. War das Tetra-Pak dann voll, entsorgte sie es im Vorbeigehen im öffentlichen Eimer an der Bushaltestelle. Kehrichtsackgebühr? Solch neumödigem Zeugs widersetzte sie sich. Stur bis zuletzt, Stäcketööri!

Hartnäckig bis zuletzt

Freilich konnte sie grosszügig sein. Mal kauften wir an einer Kunstausstellung zusammen ein Bild. Das heisst: Sie kaufte es mir. Krakelte dann, weil ihr der Ausflug so gefallen hatte, mit Bleistift zittrig auf die Rückseite des Rahmens: «Es waren Sternstunden.» Und schenkte es mir. Das Bild hängt noch heute in meiner Wohnung. Die beiden Grossväter und die andere Grossmutter starben lange vor meiner Geburt. Nur sie blieb und füllte die Lücke aus, war mit ihrer Strenge und ihrer Sanftheit womöglich der prägendste Mensch in meinem Leben. Und als sie gehen wollte, ging sie. Mit sechsundneunzig beschloss Grossmutter am ersten Adventstag, sich ins Bett zu legen, nichts mehr zu essen und nicht mehr aufzustehen. Hartnäckig, stolz und stur, wie sie gewesen war, blieb sie bis zuletzt, hungerte ihren hageren alten Körper aus, bis er an Heiligabend erlosch. •