« Wenn ich ein Tier geschossen habe, juble ich nicht »

Es ist Jagdzeit und auf der Pirsch im Kanton Freiburg ist auch Jägerin Célina Bapst. Die 29-jährige Lehrerin und Mutter jagt hauptsächlich im Familienverbund, unter anderem mit ihrem Vater.

Karin Dehmer (Aufgezeichnet), Tibor Nad (Fotos)


«Jagen und die Jagd war und ist ein grosser Bestandteil in meiner Familie. Ich bin damit aufgewachsen. Mein Vater und später mein älterer Bruder gingen zur Jagd. Dennoch dachte ich selbst lange nicht daran, dass das auch etwas für mich sein könnte. Jagen nimmt viel Zeit in Anspruch. Es ist nicht etwas, das man so schnell nebenbei macht, und ich hatte während meiner Jugend andere Interessen und Hobbys. Viele Jahre spielte ich leidenschaftlich Unihockey. Als ich 24 war, hörte ich damit auf und dachte, wenn ich mit dem Jagen beginnen will, wäre jetzt wohl der richtige Zeitpunkt dafür. In der Schweiz dauert der Prozess, um den Jagdschein zu erlangen, zwei Jahre. Zwei Jahre intensives Lernen in Theorie und Praxis: Gesetze, Tierlehre, Tierbeobachtungen, Einsätze bei Bauern und im Wald. Wir reparierten Zäune, die von Wildschweinen zerstört worden sind, begleiteten Waldräumarbeiten und Renaturierungsprojekte. Und klar, ja, man lernt das Schiessen mit dem Gewehr und der Pistole.
Viele meinen, als Jägerin zieht man los, um möglichst viele Tiere zu schiessen. Das ist natürlich überhaupt nicht so. Die meiste Zeit verbringe ich damit, die Tiere zu beobachten, sie zu zählen, ihren Lebensraum zu erhalten. In meinem Jagdgebiet bin ich für die Rettung und Zählung der Rehkitze verantwortlich. Im Frühjahr und Frühsommer verbringe ich also mehrere Abende pro Woche draussen und spüre junge Rehe auf. Es ist wichtig, dass sie sich nicht in den Feldern aufhalten, wenn diese gemäht werden. Ein Vergleich: Ich bin unter dem Jahr vielleicht 50 Mal als Jägerin unterwegs, ein Tier schiesse ich vier bis fünf Mal im Jahr. In meiner Familie essen wir fast ausschliesslich Fleisch, das ich selbst gejagt habe. Ich kann nicht verstehen, wenn andere Fleischesser zu mir sagen «Wie kannst du Tiere töten?». Es ist doch ehrlicher, oder? Ja, manchmal machen mich diese stereotypen Aussagen über die Jagd – dass man unnötig Tiere tötet, beispielsweise – schon sehr müde. Aber dann wiederum ist die Jagd eine so grosse Leidenschaft, dass ich nur zu gern erkläre, was sie alles noch beinhaltet und auch, wie sehr sie in der Schweiz glücklicherweise reglementiert ist. Ein Tier zu töten, ist keine Banalität für mich. Ich tue dies mit Respekt und grossem Bewusstsein. Ich juble auch nicht, wenn ich ein Tier getötet habe. Es ist nicht einfach zu erklären, was in diesem Fall in mir vorgeht. Natürlich bin ich auch glücklich, gleichzeitig erfüllt es mich aber mit einer unglaublichen Demut dem Tier und der Natur gegenüber.
Was mir an der Jagd gefällt, ist die Vermischung der Generationen. Ich kenne kein anderes Hobby, dem ein Sechzehnjähriger und ein Achtzigjähriger gemeinsam nachgehen können. Dass ich oft die einzige Frau bin, war noch nie ein Thema. Klar, in meinem Jagdgebiet kennen mich auch alle. Aber gerade kürzlich war ich auf einem Jagdausflug im Wallis, wo mich niemand kennt. Alles Männer und ich. Es gab keine einzige Bemerkung deshalb. Weshalb auch? Ich gehe dieselben Distanzen, trage dieselben Lasten wie die Männer.
Mein Sohn ist noch zu klein, um das Konzept des Jagens und des Tötens zu verstehen. Ich denke, er wird wie ich damals, ganz natürlich in den Vorgang des Jagens mit allen involvierten Komponenten hineinwachsen. Zurzeit mache ich es so, dass ich das tote Wild nicht vor ihm verstecke, aber ich weise ihn auch nicht aktiv darauf hin. Im Gegensatz zu meinen Nichten, die älter sind. Sie wollen alles wissen, wenn ihr Grossvater von der Jagd nach Hause kommt. Vor kurzem war ich mit einer Freundin und ihrem dreijährigen Sohn in einer Fischzucht zum Fischen. Als der Sohn die toten Fische sah, war er irritiert und stellte viele Fragen. Sie hat ihm daraufhin gesagt, die Fische würden schlafen. Das finde ich nicht richtig. Man sollte den Kindern solche Fragen ehrlich beantworten. Es gibt nun mal einfach eine Nahrungskette und wir Menschen sind Teil davon.» •

Die Jagd in der Schweiz

In der Schweiz existieren zwei Jagdsysteme: Die Revier- und die Patentjagd. Wer jagen will, braucht eine kantonale Jagdberechtigung. Schweizer Grundbesitzer erhalten, im Gegensatz zu anderen Staaten, nicht automatisch das Jagdrecht. In den meisten Kantonen dauert das Jagdjahr vom 1. April bis zum 31. März des Folgejahres. In den anderen Kantonen entspricht das Jagdjahr dem Kalenderjahr. Die Regulierung von Wildbeständen ist eine staatliche Aufgabe, die in der Bundesverfassung verankert ist. Die Behörden können dabei auf die fachmännische und freiwillige Unterstützung der Jägerschaft zählen, die mit ihren Leistungen für Wild und Natur und mit den Gebühren, die sie dafür bezahlen, die Arbeit der kantonalen Jagdverwaltungen sowie der staatlichen Wildhüter mitfinanzieren. Dachverband der Schweizer Jägerschaft: jagdschweiz.ch
Eidgenössische Jagdstatistik: jagdstatistik.ch