«Das Idiotikon war ein Heiligtum»

Zu Besuch bei Gian-Enrico Rossi, der die Leidenschaft seines Urgrossvaters und seines Grossvaters teilt und weiterführt. Er sammelt alle Bände des Mundart-Wörterbuchs «Idiotikon».

Von HANS ABPLANALP (Interviewfragen) und MANUEL STETTLER (Fotos)

 

Pfarrer Gian-Enrico Rossi wirkt seit zehn Jahren in der Berner Gemeinde Wynigen und teilt sich diese Stelle mit seiner Ehefrau Felicitas. Vorher war er vier Jahre in Langnau im Emmental tätig. Das ehrwürdige Pfarrhaus ist voller Bücher, die meisten geerbt von Verwandten. Besonders stolz ist Herr Rossi auf die vollständige Sammlung des Schweizerischen Idiotikons, des bekanntesten Mundart-Wörterbuchs unseres Landes. Im Gespräch mit dem Grosseltern-Magazin spricht der äus­serst belesene 46 Jahre alte Pfarrer über dieses einmalige Werk, aber auch über Bücher und vor allem über Mundart.

Grosseltern: Herr Rossi, wie beginnt Ihre Geschichte in Bezug auf das Schweizerische Idiotikon?

Gian-Enrico Rossi: In Obersteckholz bei Langenthal besassen meine Urgrosseltern ein kleines Bauernhaus, dessen 1. Stock sie als Ferienwohnung benutzten. Da sich mein Urgrossvater Moritz Javet, den ich persönlich nie gekannt habe, für Historisches und für die Mundart interessierte, erwarb er unter anderem die Hefte des Schweizerischen Idiotikons,
welche seit 1881 fortlaufend herausgegeben wurden, beginnend mit dem Buchstaben A. Meine Grosseltern lebten zwar in Bümpliz, erbten aber dieses Haus, welches voller Bücher war und wo wir als Kinder Ferien verbrachten. In einem Fauteuil sitzend, versenkte ich mich tagelang in diesen Bücherschatz: Kinderbücher, Jugendbücher, Erwachsenenbücher. Die Grossmutter sprach stets mit grossem Respekt vom «Idiotikon», welches im Ferienhaus aufbewahrt wurde. Als an Mundart interessierte Frau war ihr dies wichtig, auch wenn uns Kindern der Name natürlich seltsam lustig vorkam.

Was für ein Verhältnis hatten Sie zu Ihren Grosseltern?

Ich hatte eine enge Beziehung zu ihnen. Einmal pro Woche waren wir bei ihnen in Bümpliz, dann verbrachten wir Geschwister mit ihnen Ferien in Obersteckholz – bei den Büchern – oder zum Beispiel im Wallis oder im Berner Oberland. Und sie organisierten für uns Schweizer Reisen: so etwa aufs Rütli, auf die Schlachtfelder von Morgarten und Sempach. Solches begeisterte meine von der 68er-Zeit beeinflussten Eltern nicht besonders. Aber manchmal ist es ja interessanter, was Grosseltern wichtig ist. Bei mir war das jedenfalls so. Trotz der Pflege von Traditionen war meine Grossmutter nicht etwa eine Konservative, im Gegenteil, sie unterstützte linke Organisationen und setzte sich für die «kleinen Leute» ein. Sie erzählte mir auch viele Geschichten oder las aus einem uralten Märchenbuch vor, das stets auf ihrem Nachttisch lag.

Wie ging es in Ihrem Leben weiter mit dem Idiotikon?

Das Idiotikon war einfach ein Heiligtum, welches ich in den Ferien ab und zu in die Hände nahm. Etwas anfangen damit konnte ich kaum, und wegen seines komplizierten Aufbaus nicht einmal ein Wort nachschlagen. Dafür interessierten mich andere Bücher umso mehr. Man brachte mich fast nicht weg aus meiner Bücherwelt.

Nachdem meine Grosseltern gestorben waren, fühlte ich mich einer gewissen Familientradition verpflichtet, das Schweizerische Idiotikon aufzubewahren und die weiteren Hefte zu kaufen, bis heute, bis zum Buchstaben Z. Meine Vorfahren und auch ich liessen die einzelnen Hefte wie vorgesehen zu dicken Büchern binden, wodurch die bisher 16 Bände zu einer eindrücklichen Reihe herangewachsen sind.

Somit hat diese Familientradition eine Generation übersprungen, nämlich Ihre Eltern.

Ja, das ist so. Ich erbte innerhalb meiner Verwandtschaft sowieso viele Bücher oder rettete sie vor dem Entsorgen. «Bücher schlitzen» ist für mich ein Gräuel. Zudem hatten alle immer das Gefühl, in einem Pfarrhaus habe es sowieso viel Platz für Bücher, die eigentlich niemand mehr wollte.

Ich merke, dass Ihre Faszination für Mundart, für Sprache, für Historisches ebenso aus einer Familientradition entstanden ist wie das Aufbewahren des Idiotikons.

Diese Hobbys pflege ich mit gleicher Begeisterung wie meine Urgrosseltern und meine Grosseltern. Das hat mich stark beeinflusst, zumal meine Ehefrau vor dem Theologiestudium einige Jahre Sprachwissenschaften studierte. So etwas färbt natürlich ab, bestimmt oft unsere Gespräche am Esstisch. Da bekommen auch unsere beiden Knaben schon einiges mit.

Ich schreibe und halte meine Predigten zum Beispiel immer in Mundart. Heute ist das ja stets eine Gratwanderung, welche Wörter ich verwende, welche Ausdrücke von den Predigtbesuchern noch verstanden werden, welche sprachlichen Begriffe mir wichtig sind. Zwischen «bluemetem Trögli» und englisch durchsetzter Jugendsprache existiert eine grosse Vielfalt von Wörtern, die in unserer Gesellschaft verwendet werden. Und die sich natürlich auch immer wieder ändern. Das darf und muss ja auch so sein.

Das erfahren Sie ja sicher auch in Ihrer Arbeit mit Konfirmandinnen und Konfirmanden.

Natürlich. Beispiel: «I ha di gärn.» Die Jugendlichen sagen heutzutage: «I liebe di.» Wollte ich ihnen dies «austreiben», würden sie sich wehren, zu Recht. Dieses «I liebe di» ist ans Hochdeutsche angelehnt. Gemäss Idiotikon wurde früher in jeder Schweizer Mundart «I ha di gärn» verwendet. Dieses Annähern der Mundart ans Hochdeutsche ist ja bei den Kindern generell bemerkbar, auch bei unsern Knaben. Interessant finde ich, dass sich der Berner Schriftsteller Rudolf von Tavel (1866–1934) bereits über die Verluderung des Berndeutschen beklagte.

Das ist ein Phänomen, mit welchem sich wohl jede Generation mehr oder weniger auseinandersetzen muss.

Heute kommt natürlich noch der Einfluss des Englischen dazu, vor allem bei der heranwachsenden Jugend. Ich kommuniziere mit meinen Jugendlichen des Konfirmationsunterrichts auf Whatsapp. Die schreiben in ihrer Mundart, ohne gross auf die Rechtschreibung zu achten. Da frage ich mich ab und zu, ob sie meine traditionelle Schreibweise des Berndeutschen wohl verstehen. Aber das ist ja spannend.

Und wie geht es weiter mit dem Idiotikon?

Ich weiss es nicht. Die Verantwortlichen sind jetzt auch auf Facebook aktiv, wo sie den Sprachgebrauch heutiger Menschen untersuchen. Früher waren die Dialekte natürlich weniger vermischt als in unserer von Mobilität geprägten Zeit, etwas, was sich in der ländlichen Bevölkerung stärker erhalten hat als in städtischen Gebieten. Die Bände stehen jetzt einfach zuoberst in einem Büchergestell. Übrigens gibt es noch einen höchst interessanten Bezug zwischen meinem Beruf als Pfarrer und dem Idiotikon, welcher an den Ursprung dieses Begriffs führt. Pfarrer Franz Josef Stalder wirkte von 1792 bis 1822 in Eschholzmatt im Entlebuch. Etliche Kollegen aus der ganzen Schweiz liess er die biblische Geschichte vom verlorenen Sohn in deren Mundart übersetzen und veröffentlichte die 73 Variationen in einem Buch. Zudem verfasste er eine zweibändige Wörtersammlung unter dem Titel «Versuch eines schweizerischen Idiotikon». Damit war dieser seltsame Name geboren, welcher sich bis heute erhalten hat. 


DAS SCHWEIZERISCHE IDIOTIKON ist ein Lexikon, das die deutsche Sprache in der Schweiz vom Spätmittelalter bis in die Gegenwart dokumentiert. Es ist seit 1881 in Arbeit und noch immer nicht abgeschlossen. Doch das Ende naht: Von den geplanten 17 Bänden sind 16 schon publiziert, der letzte ist noch in Arbeit und soll etwa 2025 erscheinen.

Über 150 000 Stichwörter sind bis jetzt verzeichnet worden. Mit dem neu erschienenen vierten Heft aus Band 17 ist das Idiotikon nun beim Z angelangt.

Schweizerisches Idiotikon. Wörterbuch der schweizerdeutschen Sprache. Bände I–XVI, Verlag Huber, Frauenfeld 1881–2012, Band XVII Schwabe Verlag Basel, Basel 2015 ff.

Das gesamte bisher gedruckte Werk ist online frei abrufbar, kann aber auch bandweise über den Buchhandel bezogen werden. www.idiotikon.ch


«LISME»

Lisme (stricken) ist wie Anke ein Wort, das im deutschen Sprachraum einzig und allein im Alemannischen vorkommt. Restlos klar ist die Wortbildung von lisme nicht, aber es gehört nach Auskunft der verschiedenen Herkunftswörterbücher zweifellos zum Wortstamm von lesen. Dieses bedeutete ursprünglich «sammeln», wie das auch jetzt noch in «auflesen», «zusammenlesen», «Trauben lesen» oder «Linsen verlesen» erkennbar ist. Die heute übliche Bedeutung – «den Sinn von Schriftzeichen erfassen» – hat lesen erst unter dem Einfluss von lateinisch legere erhalten, das ursprünglich «auflesen», dann «einer Spur folgen» und schliesslich «den Schriftzeichen folgen, lesen» bedeutete. Lisme scheint damit ursprünglich «Fäden zusammenlesen, Fäden versammeln» zu meinen, wogegen stricke, das gegenwärtig lisme verdrängt und ursprünglich «binden, heften, flechten» bedeutete. Diese alte Bedeutung von stricke sieht man noch heute im Fachwortschatz des Holzbaus, wo «e gstrickts Huus» ein in Blockbauweise – mit der hierfür typischen Eckverkämmung der Balken – erbautes Haus bezeichnet.

«VERGALSCHTERE»

«(v)ergalschtere» oder «(v)ergelschtere» kommt in vielen Bedeutungsnuancen vor, zum Beispiel bedeutet «sich ergelschtere» sich ereifern, sich aufregen, oder «vergelschteret» meint verblüfft, fassungslos, verwirrt. Die älteste Bedeutung aber ist «verzaubern, verhexen». Im mittelalterlichen Deutsch gab es ein Wort «galster», das «(Zauber-)Gesang» bedeutete und zu einem Verb «galan» mit der Bedeutung «singen» (besonders «Zauberformeln singen») gehörte. «Nachtigall» heisst übrigens wörtlich «Nachtsängerin».

«GÄNTERLI»

Dieses vornehmlich innerschweizerische Wort für Küchenschrank ist eigentlich die Verkleinerungsform von «Gänter», was Gitter bedeutet. Das «Gänterli» war also ursprünglich ein mit Gitterwerk versehener Kasten. «Gänter» seinerseits geht zurück auf lateinisch «cantherius», ein Wort für Dachsparren oder Sparren als Fassunterlage.

Ursprünglich als Begleitung zur Ausstellung Sapperlot! Mundarten der Schweiz in der Berner Nationalbibliothek konzipiert, werden seither auf www.idiotikon.ch kleine Wortgeschichten präsentiert, von denen wir hier freundlicherweise einige abdrucken durften.


Dieser Artikel stammt aus der Grosseltern-Magazin 18/03, die sie gerne hier bestellen können und hier einen Blick hineinwerfen können.

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