Einige Kinder haben diesen Sommer wohl zum ersten Mal das Meer gesehen. Mein kleiner Neffe, knapp vierjährig, auch. Mit grossen Augen blieb er am Strand stehen, schaute lange hinaus und staunte. Plötzlich entdeckte er ein Schiff weit, weit draussen, scheinbar schon fast am Horizont. Besorgt fragte er: «Was passiert, wenn es am Rand ankommt? Hört das Meer dort auf?» – «Nein, nein», beruhigte ich ihn. «Das Meer geht dort weiter und weiter.» – «Ja, aber wo hört es denn auf?»
Sollte ich ihm die Kugelgestalt der Erde erklären? Von mutigen Seefahrern erzählen, die einst gefürchtet hatten, dort draussen ins Nichts abzustürzen, und dennoch weitergefahren sind?
Von Kolumbus, der meinte, am anderen Ufer Indien entdeckt zu haben? Doch für solche Erklärungen hätte ich einen Globus oder wenigstens ein paar Bilder oder ein Lexikon benötigt. Deshalb versuchte ich es mit einer mir einfacher scheinenden Antwort: «Das Meer hört dort auf, wo das Schiff landet.» Sicher können Sie sich die darauffolgende Frage vorstellen. Natürlich wusste ich nicht, wo dieses Schiff am Horizont landen wird, und selbst wenn ich eine Vermutung geäussert hätte, wäre die Frage nach dem Ende des Meeres damit ja nicht wirklich erledigt gewesen. Zumindest war der Kleine nun nicht mehr beunruhigt, deshalb versuchte ich es mit dem Trick 77 der Kinder­philosophie: zurückfragen. «Was denkst du, wohin könnte das Schiff wohl unterwegs sein?
Nach Afrika vielleicht? Oder in die Schweiz»? – «Nein!» – «Warum denn nicht?» – «Dort gibt es ja gar kein Meer!» «Wo würdest du denn gern hinsegeln, wenn du ein Schiff hättest? Wäre dort dann das Ende des Meeres? Und wo fängt das Meer eigentlich an?»
Dies war sein Stichwort: Er rannte zum Wasser, patschte mit den nackten Füssen hinein und drehte sich kichernd zu mir um: «Hier fängt es an! Komm auch ins Wasser!»
Erst jetzt wurde mir das Philosophische an der Frage bewusst: Wo etwas beginnt, können wir manchmal benennen. Aber wie es hinter dem Horizont des Sicht- oder Wissbaren weitergeht, darüber lässt sich oft nur philosophieren.

Die Philosophie-Pädagogin Eva Zoller Morf hat vor über 30 Jahren das Philosophieren mit Kindern
entdeckt und in Büchern und auf kinderphilosophie.ch publik gemacht.
Als Grossmutter freut sie sich nun über die kleinen Philosophen in ihrem Leben. Gerne nimmt sie auch
Ihre Kinder­fragen entgegen, um zu überlegen und zu beschreiben, wie man damit
umgehen könnte: redaktion@grosseltern-magazin.ch

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