Im Kanton Appenzell brauchten die Frauen einen besonders langen Atem. Bei ihrem Kampf für das Stimm- und Wahlrecht mussten sie quasi bei null anfangen – auf Gemeindeebene. Eine persönliche Erinnerung an fünf Generationen weiblicher Widerstandskraft.

Von Franziska Schläpfer (Text)

Die Bärin «Ida Schläpfer» des Trogener Künstlers H.R. Fricker.
Die Kunstfigur gab erst Ruhe, als die Ausserrhoder Frauen endlich auch auf kantonaler Ebene politisches Mitspracherecht erhielten.

Erinnerungen verblassen. Vielleicht wandelt sich sogar ihr Wahrheitskern. Auch in dieser bitteren Geschichte. 1970 war ich 25. Fünf Jahre verheiratet, vier Kinder: zwei meines verwitweten Mannes, zwei eigene. Drei Buben, ein Mädchen, Einfamilienhaus, Garten, Haushaltlehrtochter, Katzen – und der Drang, mich ausserhalb der Familie einzumischen.


Im Jahr zuvor hatte ich das «Frauenpodium Herisau» initiiert. Irgendetwas wollte ich tun, um das politische Bewusstsein zu wecken, zu fördern, zu stärken. Schliesslich ging es 1970 um das Frauenstimm- und wahlrecht auf Gemeindeebene. Auf Gemeindeebene! Ich erinnere mich: voller Saal zum ersten Treffen. Hundert Frauen, neugierig, doch leicht verlegen. Der zweiten Einladung folgte keine mehr. Zu früh, viel zu früh.


20 Jahre später, am 14. Juni 1991, dem ersten nationalen Frauenstreiktag, sammelten Ausserrhoder Frauen Unterschriften: Die Gleichberechtigung von Frau und Mann in allen Lebenslagen gehöre in die Kantonsverfassung. Da hatte ich Herisau längst verlassen. Doch an die Landsgemeinde 1970 in Trogen erinnere ich mich lebhaft. 26. April, der letzte Sonntag im Monat. Es schneite grosse Fetzen, die Stimmung kippte vom Würde- und Weihevollen ins Tumultuöse. Viermal musste abgestimmt werden bis zum Verdikt: Abgelehnt. Kein Stimm- und Wahlrecht für Frauen auf Kantonsebene.


Auf eidgenössischer Ebene harzte es auch. Am 7. Februar 1971 kamen die Frauen endlich zu ihrem Recht. Sind unsere Männer Europas letzte Machos? Auf den ersten Blick vielleicht, doch in Europas parlamentarischen Demokratien setzten die Parlamente die politische Gleichstellung durch. Müssig zu spekulieren, wann die Bayern das Frauenstimmrecht in einer Volksabstimmung eingeführt hätten.

Frauen seien emotional,
also untauglich
für die Politik.


Das Trauerspiel in Ausserrhoden wiederholte sich, der Widerstreit von Gefühl und Verstand. Die Angst, Werte, Traditionen, Eigenart zu verlieren. Die Männerlandsgemeinde war so unbestritten, dass das Frauenstimmrecht erst nach 1971 ernsthaft diskutiert wurde. 1972 ermöglichte die Landsgemeinde das kommunale Stimmrecht, lehnte aber das kantonale ab. Ebenso 1976, 1979, 1984. Wer auf den Generationenwechsel gehofft hatte, hatte sich getäuscht. Immer mehr Junge stimmten Nein. Frauen seien emotional, also untauglich für die Politik. Sie regierten dafür in der Familie. Mit dieser Rolle waren viele Frauen zufrieden.


Eine Politikerin war ich nicht, aber bloss in der Familie regieren? Schreiben vielleicht? Für die «Appenzeller Zeitung», das familiäre Unternehmen? «Nein», beschied der Schwiegervater, «eine Frau Schläpfer arbeitet nicht.» Ich unterlief das Veto. Eines Tages gratulierte er mir zu einem Text. Ein Bericht über meine Frauengruppe? Könnte sein. Über Jahre folgte mir monatlich eine Schar in Kunstausstellungen, zu allerlei Ausflügen, Vorträgen, Diskussionen, Filmvorführungen. Unterschlupf fanden wir unter dem Dach der Casino-Gesellschaft Herisau, 1837 gegründet als «Mittelpunkt für geistige und gesellige Unterhaltung der gebildeten Männer und Jünglinge». Jahrzehnte nach mir wurde die «Frauengruppe» zur «KulturElle».

An der Landsgemeinde 1989 in Hundwil fiel der historische Entscheid. Eine Zitterpartie. Der mutige Landammann beschied Annahme. Dann ging es schnell. Im April 1990 nahmen erstmals Frauen teil an der Landsgemeinde in Trogen, unter ihnen die 82-jährige Elisabeth Pletscher, eine Symbolfigur. Sie hatte mit Vorträgen, Artikeln, Aktionen für die Sache der Frau gekämpft, wurde verlacht, beschimpft, bedroht: «Es gibt Dinge, die brauchen Zeit.» Im selben Jahr schafften es zwei Frauen in die Regierung.


Die zweite Symbolfigur war «Ida Schläpfer». Sie reagierte furios auf die Nein-Parole des alleinherrschenden Freisinns. Zeigte sich in ihrer ganzen Grösse, brüllte hoch aufgerichtet ihre Wut und Enttäuschung heraus, eine stolze Bärin mit scharfen Krallen und strahlender Vulva. Sie posierte auf Kleinplakaten und Sondermarken. Der Trogener Künstler H.R. Fricker hatte das aufmüpfige Wappentier erfunden. «Um Ida Schläpfer formierte sich ein Frauenwiderstand», rapportierte die Journalistin Margrith Widmer, «er setzte der Verbissenheit und Bravheit etwas entgegen, anarchisch, surreal und doch mit dem durchaus realpolitischen Ziel der Gleichberechtigung: Ida Schläpfer, das war der lustbetonte Gegenmythos zur Männerdemokratie, diesem Widerspruch in sich». Die Medien berichteten landesweit über die Aktionen der subversiven Bärin, «die die appenzellischen Phallokraten das Zittern lehrte». Ruhe gab Ida erst, als die Ausserrhoder Männer das Frauenstimmrecht auf kantonaler Ebene akzeptierten. Und Mama und ich mit erhobenen Köpfen nach Hause wanderten. Meine Mutter? Trug als erste Frau in Herisau Hosen. War unter der Woche lange Jahre allein mit uns drei Mädchen. Stand später gegen ihr Naturell mit meinem Vater, dem ehemaligen Spitzensportler, im gemeinsamen Sportgeschäft, entschied das Sortiment mit, verkaufte, gestaltete die Schaufenster. Und, klar, führte den Haushalt, bewirtete Gäste, fand Zeit für ihre Kunst, fuhr ihren alten MG. Beeindruckend auch die Grossmutter väterlicherseits, eine stattliche, stolze, strenge Frau mit schlohweissem Haar. Ein Erwachsenenleben ohne Ferien.

Appenzeller Wirtinnen gehörten zu den wenigen
Frauen, die mit Nachrufen geehrt wurden.

Wirtin im Gasthaus «Löwen», im üblichen Doppelunternehmen Bauernhof plus Wirtschaft. Früh verwitwet, führte sie noch drei Jahrzehnte die «Blume» an der Herisauer Schmiedgasse. Die Männer jassten, diskutierten, tranken ihren Zweier Kalterer oder mehr. Sie hörte zu, redete mit, bis ein paar Tage vor ihrem Tod. Appenzeller Wirtinnen gehörten zu den wenigen Frauen aus dem Volk, die mit Nachrufen geehrt wurden – und noch werden.


Was ist mit den nachkommenden Frauen? Den Enkelinnen? Anna, Sekundarlehrerin im ausserrhodischen Bühler und Gais, will ihren Studentinnenjob als Kellnerin nicht missen. Pina, gefragte Lichtdesignerin, tourt gerade durch Europa. Gioia, angehende Ärztin, hat sich jahrelang im Europäischen Jugendparlament (EYP) engagiert. Tochter Eva, Lehrerin und Journalistin, politisiert für die «Parteiunabhängigen» im Einwohnerrat Herisau. Sie war einst interessiert am väterlichen Zeitungs- und Druckereibetrieb. Eine Frau als Chefin? Unmöglich. •


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