Wenn „Uncooles“ wieder cool wird.

Ich habe in meiner letzten Kolumne das Thema Vintage kurz angesprochen und mich in letzter Zeit noch etwas mehr darauf geachtet. Und ja, es ist wahr, alte Musik ist wieder «in», Schallplatten und Plattenspieler ziehen wieder ins Teeniezimmer ein und eine Freundin zeigte mir erst gestern ihre coole neue Analogkamera. »Die hätt sogar Film dinne!» Und bei den Kameras fängt es erst an: überall Vintagekleider! 16-Jährige tragen mit Stolz Neonwindjacken und sehen dabei aus wie direkter Import aus den 90er-Jahren. Skurril, da die Jacken teilweise älter sind als die Träger selbst. Ja, wir Jungen müssen nicht mehr immer das Neuste vom Neusten haben (ausser es geht um die Technik, aber das ist ja ein Kapitel für sich). Viele meiner Freunde haben einen Teil ihrer Kleider aus dem Brocki oder Secondhandladen. Ja, kein Witz. Wir nennen dieses Altekleiderkaufen «thriften» (thrift = engl. Sparsamkeit). – So unabhängig sind wir dann schon und nennen das Ganze anders als früher, moderner. Man muss ja mit der Zeit gehen, nicht? Die Frage, weshalb wir das Alte so toll finden, lässt sich gar nicht so einfach beantworten. Hier ein Versuch: Uns wird ja immer gesagt, wir wären noch zu jung, um etwas von der Welt zu verstehen: «Was weisst du schon? Du hast ja die Welt noch nicht mal richtig gesehen». Ja, logisch! Wir alle sind uns gerade am Finden! Obwohl, ich bevorzuge das Wort Kreieren, denn Finden ist Glückssache und Kreieren ist Arbeit, ein Prozess. Mich faszinieren Prozesse und Menschen, die probieren, noch bessere Menschen zu werden. Noch haben wir Jugendlichen Zeit, Fehler zu machen und uns zu verbessern. Und alles, was eine Geschichte beinhaltet oder zumindest schon mal kreiert worden ist, beeindruckt uns deshalb – behaupte ich nun einfach mal. Eine analoge Kamera kann den Moment einfangen in einer sich stetig wandelnden Welt, eine Schallplatte ist durch viele Hände gegangen und ja, irgendwie erzählt sie eine Geschichte, die wir nur allzu gern auch kennen würden. Alles in allem dienten die analoge Kamera und die Schallplatte der Selbstkreierung und bei den Generationen vor uns ist es ja nicht so schief gelaufen, also können wir mit gutem Gewissen abgucken.•

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Dieser Artikel stammt aus dem Grosseltern-Magazin 10/2018