Aline (16) fordert: Werdet laut!

Aline (16) findet, die heutige Musik passe zur heutigen Jugend: Sie ist seicht, lieb und angepasst. Sie fordert ihresgleichen auf, laut zu werden.

Selbstverständlich kann man nicht alle Musikrichtungen und vor allem nicht alle Musikerinnen und Musiker in einen Topf werfen. Aber die seichte Popmusik, die im Radio rauf- und runterläuft, nervt langsam. Nicht nur meinen Grossvater, sondern auch mich. Besonders stört mich, dass die Musik heute keine tiefere Message mehr hat und oft nur oberflächliche Dinge behandelt. Das ist für mich ein zentraler Aspekt, der die heutige Musik von der älteren unterscheidet. Natürlich: Ein gewisses Mass an leichter Unterhaltung ist wichtig, ich will ja auch nicht immer nur mit ernsten Dingen konfrontiert werden. Aber dennoch, unsere Musik ist heute einfach zu lieb.
Der Ausdruck lieb passt perfekt: Denn die Musik benutzt heute kaum Inhalte, die nicht den gesellschaftlichen Normen entsprechen. Mögen die meisten Jugendlichen diese Musik, weil auch sie lieb sind? Erst kürzlich kam dieses Thema in einem Gespräch zwischen mir und meinem Grossvater auf. Er war nämlich erstaunt, dass es keinen grösseren Aufschrei gab, als einige Politiker gegen das Streiken … ähm … natürlich gegen das Schuleschwänzen waren. «Die Jugendlichen hätten sich früher mit Händen und Füssen gegen diesen Blödsinn gewehrt», sagte mein Grossvater. Heute bleibe alles relativ still. Die Jungen bleiben lieb. Um ehrlich zu sein, war mein erster Impuls, ihm zu widersprechen (ist seit ungefähr zwei Jahren eine Art automatisierter Modus bei mir …). Ich wollte sofort meine Generation verteidigen. Aber für einmal musste ich ihm zustimmen. Denn es stimmt wirklich, dass wir zu leise sind und zu lieb und vor allem zu angepasst! Ich finde das extrem schade, da wirklich Spannendes und Fortschrittliches erst dann passieren kann, wenn man über den eigenen Tellerrand schaut und auch mal aus der Reihe tanzt. Aber wieso sind wir nicht wie die frühere Jugend? Vielleicht weil unsere Teller schon immer voll waren, wir gravierende Ungerechtigkeit nie selbst erlebt haben.
Wir haben uns nicht ausgesucht, wann wir geboren wurden, aber wir können uns aussuchen, wie wir sein wollen. Dass wir nicht still bleiben, denn die Missstände sind noch da oder neue sind dazugekommen. Also bitte, liebe Jugendliche, seid alles, aber nicht lieb und leise, denn meine Musik höre ich doch auch am liebsten mit voller Lautstärke. •

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