Ihre Grossmutter war ihr wie eine zweite Mutter: SRF-Moderatorin Angélique Beldners Grossmama war unermüdlich – vor allem auch in der Betreuung ihrer Enkelin.

Von Geraldine Capaul (aufgezeichnet)

Es ist schön, über meine Grossmutter zu reden – da kommen viele Erinnerungen hoch. Grossmama war eine meiner wichtigsten Bezugspersonen, sie hat meine Mutter, die anfangs alleinerziehend war und arbeiten musste, sehr unterstützt und mich quasi mitaufgezogen. Als meine zwei Geschwister geboren wurden, haben Grossmama und Grosspapa meine Eltern weiterhin entlastet. Wir haben im selben Haus gewohnt und es war für meine Grossmutter selbstverständlich, dass sie zu mir schaute. Sie wusste immer alles – und sie wusste es auch besser. Bei ihr liefen die Fäden nicht nur zusammen, sie hielt sie fest in der Hand.

Meine Grossmutter Eugénie hat bis zu ihrem Tod 1998 Hochdeutsch mit Akzent gesprochen, denn sie wurde 1922 in einem kleinen Dorf in der Gegend von Smolensk in Russland geboren. Ihr Schweizer Grossvater war einst als Käser nach Russland ausgewandert. Im Alter von 14 Jahren ist sie mit ihren Eltern in die Schweiz geflüchtet, das war 1936, ein Jahr vor der Stalinschen Säuberung. Wir haben zwar nie darüber gesprochen, aber diese Geschichte hat sie geprägt. Sie war unermüdlich, wollte als Russin in der Schweiz angepasst sein und es war ihr sehr wichtig, was die Leute von ihr dachten. Im Alter von 72 Jahren erlitt sie eine Hirnblutung auf der Strasse. Sie hat sich auf wundersame Weise davon erholt – und schon bald machte sie sich Gedanken darüber, dass die Nachbarn sie so auf der Strasse gesehen haben könnten.

Grossmama mochte Prinzipien. Sie ging zum Beispiel immer ohne Zettel einkaufen. Sobald man einen Einkaufszettel braucht, so ihre Überzeugung, beginnt man vergesslich zu werden. Oder: Beim Mittagessen wird nicht gesprochen. Da werden Nachrichten gehört.
Eines Nachmittags schlich ich mich aus dem Haus, um meine Spielgruppenleiterin zu besuchen – obwohl sie es mir zuvor verboten hatte. Grossmama wusste natürlich, wo sie mich suchen musste. Danach hat sie den ganzen Nachmittag kein Wort mehr mit mir gesprochen. Ich war fünf Jahre alt, geblieben ist mir diese Episode bis heute. Sie hat sich aber auch für mich stark gemacht, wie damals, als ich einkaufen ging und mit deutlich zu wenig Wechselgeld zurückkam. Meine Grossmutter marschierte in den Laden und sagte dem Verkäufer vor allen Kunden «alli Schand». Ich glaube, der hat nie wieder in seinem Leben jemanden betrogen.

Als ich in einer eigenen Wohnung lebte, habe ich sie regelmässig besucht und mit ihr telefoniert. Es ist nicht so, dass ich sie um Rat gefragt habe – den gab sie mir einfach so. Meistens sehr pragmatisch. Ob Liebeskummer oder andere Sorgen, sie sagte immer: «Ja, weisst du, das Leben ist manchmal hart. Jetzt muss man halt …» Sie hat uns das richtige, auch strenge Leben gelehrt, aber mit extrem viel Herz.
Denn es gab kaum einen liebenswürdigeren Menschen als meine Grossmutter. Mir war als Kind schnell langweilig, doch sie wusste immer, wie sie mich animieren konnte. Sie half sogar beim «Verchleiderlis». Wenn ich «Sissi» sein wollte, hat sie mir aus Draht einen Reifen für den Rock gebastelt und steckte mir «Bigoudis» in meine Kraushaare. Wenn ich krank war, hat sie im Wohnzimmer zwei Sessel zusammengeschoben und mich da hingebettet. Wenn sie mir etwas Gutes tun wollte, hat sie mir Zucker aufs Butterbrot gestreut. Sie hat viel gekocht – und niemand konnte das besser als sie. Mein Lieblingsgericht von ihr: Gemüse! Im Emmental haben mein Grossvater und sie nebenbei einen kleinen Bauernhof mit Schafen betrieben, sie wusste alles über die verschiedenen Gemüsesorten und den perfekten Anbau. So hat das Gemüse auch geschmeckt. Zugegeben: Wahrscheinlich auch, weil immer so viel Rahm und Butter dran war.
Apropos Emmental: Ich habe oft meine Ferien da verbracht. Abends hat sie mich zu Bett gebracht, ich habe mich in die kalte Decke eingekuschelt und sie hat mir eine Wärmeflasche unter die Bettdecke gesteckt. Ja, Grossmama war einfach immer da.»


Angélique Beldner (44) ist Journalistin und Fernsehmoderatorin bei SRF, unter anderem bei der «Tagesschau» und neu bei der Quizsendung «1 gegen 100». Sie ist verheiratet und Mutter zweier Söhne.

8 thoughts on “Angélique Beldner: Zuckerbrot und Herz

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