Auf Wohnungssuche
Verena muss raus aus ihrer Wohnung. Sie ist 73 Jahre alt, ihr monatliches Einkommen beträgt 3600 Franken. Damit findet sie in der Region Allschwil kein neues Zuhause mehr. Der Bericht eines kräftezehrenden Prozesses.
Geraldine Capaul (Text)

Wohnen im Alter war das ganze Jahr über ein Thema im Magazin «Grosseltern», auch in einem Newsletter. Da ging es darum, die Leser:innen zu ermuntern, über verschiedene Wohnformen im Alter nachzudenken. Zum Schluss gab es einen Aufruf mit der Frage: «Und wie wohnen Sie?»
Einige Rückmeldungen trafen ein. Darunter sind diese Zeilen von Verena aus Allschwil BL: «Ich habe Jahrgang 1952, bin noch aktiv und gesund. Mein monatliches Einkommen beträgt 3600 Franken. Und ich suche dringend ein neues Zuhause. Denn die Drei-
Zimmer-Wohnung wurde mir gekündigt, was ich so nicht akzeptierte und zum Mieterverband ging, um eine Mieterstreckung zu erreichen, da die gesetzliche Frist von drei Monaten in der heutigen Wohnungsnot nicht ausreicht.»
Wir haben Verena, die ihren Nachnamen lieber nicht veröffentlichen will, in Allschwil besucht. Ihre Nochwohnung ist klein, bescheiden, gemütlich und charmant. Mit Balkon und mittelgrosser Küche. Wenn ihre Enkelkinder bei ihr übernachten, schlafen sie entweder im Wohnzimmer. Oder – viel lieber – zu dritt bei ihrer Grossmutter im Zimmer. Zwei im Bett, eines auf der Matratze.
Beim Tee in der Küche erzählt Verena von ihrer Suche nach einem neuen Zuhause:
«Wo will ich wohnen? Wie will ich wohnen? Mit wem will ich wohnen? Was kommt mit? Welche Nebensächlichkeiten sind für mich wichtig? Alterswohnung, WG, Stadt, Land … oder soll ich nun alleine wohnen und falls ja, kann ich mir das überhaupt leisten? Mit solchen Fragen beschäftige ich mich seit der Kündigung zwangsläufig intensiv, und es ist ein langwieriger Prozess. Das klingt vielleicht nach einer luxuriösen Ausgangslage. Aber das ist leider nicht so, denn gewisse Optionen fallen nach ein paar Abklärungen aus finanziellen Gründen schon mal weg.
Ich bin vor 15 Jahren hier eingezogen, damals noch mit meinem Sohn. Die Wohnung hab ich nur dank Beziehung bekommen. Um mein Budget zu erleichtern, übernahm ich zusätzlich das Hauswartamt. Das bringt 300 Franken, die ich beim Mietzins von 1500 Franken abziehen kann und die mir bei meiner Rente von 3600 Franken sehr willkommen sind.
Vor zehn Jahren ist mein Sohn ausgezogen und seither habe ich dieses dritte Zimmer aus finanziellen Gründen immer vermietet. So zum Beispiel einem italienischen Architekten frisch ab Studium, der hier Fuss fassen wollte, einem Berliner, der ein halbes Jahr als Pharmakurier jobbte und dann ein halbes Jahr Ferien machte in der ganzen Welt. Dann vier Jahre lang einer Pharma-Studentin, der ich, wie wir zu unserer Zeit noch sagten, Schlummermutter sein durfte. Dann einer Frau, die als OP-Pflegefachfrau im Claraspital arbeitete. Von ihr erfuhr ich viel über den Alltag in einem Operationssaal. All diese Menschen erzählten mir Teile ihrer Geschichte. So kam die Welt in meine Wohnung.
Wieder stand ein Mieterwechsel an. Zu dieser Zeit fing ich gerade an, Deutschkurs für Asylsuchende zu geben, und da kam mir die Idee, einen jungen Menschen bei mir aufzunehmen, der nicht mehr im Asylheim bleiben kann, weil er volljährig wurde und deshalb aus der Unterkunft ausziehen musste. Das brauchte etwas Mut, doch fühlte es sich für mich richtig an, einer junger Person eine Perspektive zu geben. Der Verein Gesellschaft für das Gute und Gemeinnützige (GGG) Basel vermittelte mir einen jungen Flüchtling aus Afghanistan. Ich dachte – nachdem ich doch selber drei Kinder grossgezogen hatte –, das wird schon gehen … Doch ich habe den kulturellen Unterschied unterschätzt. Unser Zusammenleben gestaltete sich gleichermassen herausfordernd wie auch bereichernd. Das Beobachten seiner Körpersprache ermöglichte es mir, ihn kennenzulernen und vorsichtig darauf zu reagieren. So entwickelte er ganz langsam Vertrauen. Vor ein paar Tagen sagte er während eines Gesprächs: ‹Schade, dass wir nicht die gleiche Sprache sprechen, ich habe von Ihnen als Frau und alte Frau so viel gelernt.›
Nie hätte ich gedacht, dass mir ein Mensch auch ganz ohne Erwartungen so ans Herz wachsen kann. In einem halben Jahr wird er 20 Jahre alt. Im August hat er eine vierjährige Lehre als Polymechaniker angefangen, wohl auch ein wenig durch meine Unterstützung. Trotzdem: Integration ist ein sehr langer Prozess und es braucht beide Seiten. Ich bin stolz auf ihn und sage ihm das auch – was für ihn gewöhnungsbedürftig ist. Ich weiss, dass er nun auch ohne mich sehr gut zurechtkommt. Auch hier ein Abschied und Neuorientierung auf beiden Seiten.
Ach ja, für mich ist die aktuelle Situation sehr unerfreulich und kräftezehrend. Ich finde einfach nichts Zumutbares. Dabei will ich ja nur zwei helle Zimmer und eine Küche, wo ich für mich kochen kann. Ich würde gerne in der Region wohnen bleiben. Erstens habe ich hier mein Umfeld, meine Kinder und Enkelkinder, die ich regelmässig betreue und mit denen ich herzhaft lachen kann. Die Situation lähmt mich und ich fühle mich ohnmächtig. Mutlos, dass nicht Passendes kommt, dass die Zeit abläuft. Ich fürchte die Einsamkeit, wenn ich in eine Lösung gezwungen werde, die nicht meinem Naturell entspricht.
Weder die einzelnen Vermieter:innen noch die jeweilige Verwaltung haben Schuld an diesem Umstand. Aber es stimmt doch etwas nicht am Schweizer System, wenn ich als 73-jährige Schweizerin keine bezahlbare Wohnung mehr finde. Gleichzeitig lese ich in der Zeitung, dass wir bis 2040 40 000 Wohnungen für Rentner:innen brauchen. Wo sollen all diese Menschen hin? Oder sprechen wir hier von 40 000 Millionär:innen? Wohl kaum. Wir Pensionierten werden meiner Meinung nach in dieser Not zu wenig unterstützt. Wenn es nicht möglich ist, dass ich mit meinem monatlichen 3600-Franken-Einkommen eine bezahlbare und trotzdem ein wenig ansprechende und gut gelegene Wohnung finde, einfach, weil ich mit 73 auch ein gewisses Alter erreicht habe und nicht allzu gut betucht bin, dann läuft doch etwas schief!
Ich war auf der Gemeinde. Allschwil ist die grösste Gemeinde im Kanton Basel-Land, doch bezahlbare Wohnungen unterstützt sie nicht. Ich habe unzählige Anbieter:innen kontaktiert, unzählige Wohnungen angeschaut und bei Genossenschaften und Stiftungen angefragt – alles ohne Erfolg. Dabei habe ich es mir wie eingangs erwähnt zur Pflicht gemacht, herauszufinden, wie ich wohnen will und dabei realisiert, dass ich doch sehr flexibel und für viele verschiedene Wohnformen zu haben bin. Ja, die ganze Suche ist herausfordernd, kräftezehrend und macht mir mein Alter deutlich. Alt werden ist nichts für Feiglinge. Der Prozess nimmt so viel Platz ein, das macht sehr müde und zermürbt. Deshalb lautet meine Regel nun: Ich gehe nur noch eine oder zwei Wohnungen pro Woche besichtigen. Und wenn es nicht gerade absolute Bruchbuden sind, bewerbe ich mich auf jede einzelne. Meistens gibts nicht mal eine Antwort. Keine E-Mail, kein Telefon. Trotzdem, einfach, weil ich bin, wie ich bin: Ich glaube weiterhin daran, dass es gut kommt. Ich werde eine passende Wohnung finden. Weil: Wer sucht, der findet! •
Falls jemand Tipps, Inputs oder gar eine Wohnung hat für Verena: redaktion@grosseltern-magazin.ch
