Ein schlummernder Säugling unter dem Christbaum, während die Erwachsenen glücklich am Glühwein nippen ? Möglich. Für alle anderen haben wir Tipps für eine frohe Weihnacht mit dem ersten Babyenkel.

Von Geraldine Capaul (Text) und Irene Meier (Illustration)

Zum ersten Mal Weihnachten feiern mit dem frischgeborenen Enkel ist auch für viele Grosseltern aufregend und besonders emotional. Nicht selten sind dann die Vorstellungen so romantisch und die Erwartungen dementsprechend hoch, dass am Schluss entweder das Baby laut schreit oder die Grosseltern heimlich weinen. Damit es nicht so weit kommt, haben wir ein paar Tipps zusammengestellt und mit der Familienberaterin Brunhilde Moritz gesprochen. Grundsätzlich gilt: Die Feier im Voraus besprechen – auch wenn das Baby tiefenentspannt und die Eltern und Grosseltern total flexibel sind.

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Der frühe Vogel fängt das Christkind: Das Baby ist am Nachmittag vermutlich entspannter als am Abend nach einem Tag voller Eindrücke. Deshalb: Ein spätes Mittagessen, um 16 Uhr Glühwein, Guetzli und Christbaum. Und wenn dann alle noch mögen, toll. Wenn nicht: Vielen Dank, tschüss zusammen und bis bald. Weihnachten ist auch tagsüber schön und da Wintertage eher dunkel sind, strahlen die Kerzen am Baum die gleiche Wärme aus wie abends um 20 Uhr.

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Zu dir oder zu mir: Bei sich zu Hause haben die Eltern alles, das kleine Enkelkind ist in seiner gewohnten Umgebung und schläft so vermutlich besser. Andererseits haben die Eltern neben dem Säugling auch noch Gäste zu betreuen – auch wenn es die Grosseltern sind – und sind darauf an­gewiesen, dass die Gäste gehen, wenn sie oder das Kind müde sind.
Zum Fest bei den Grosseltern muss zwar mehr eingepackt werden, dafür darf sich die junge Familie da verwöhnen lassen. Und kann jederzeit nach Hause, sollte es nicht mehr passen. Das kann auch nur ein Elternteil sein mit dem Baby, der andere darf gern noch bleiben.

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Weniger ist mehr: Es braucht nicht viele Fotos, um sich an das erste Weihnachten mit Enkelkind zu erinnern. Es braucht keinen Berg an Geschenken, eigentlich reicht das Geschenkpapier, mit welchem das Baby spielen kann. Und es braucht kein Fünfgang-Menü.

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Apropos Essen: Wichtig, klar Aber noch wichtiger ist das glückliche Beisammensein ohne Druck. Dipgemüse schön ange­richtet zur Vorspeise. Oder Mini-Canapés wie aus unserer Bildergeschichte (S. 30). Zur Hauptspeise ein heisser Schinken oder gebackener Geisskäse, beides schmeckt auch, wenn es nicht mehr warm ist. Dazu Pommes frites? Und zum Dessert die feinen Weihnachtsguetzli.

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Besinnlich: Kerzenlicht und Singen ist schön. Das mögen alle. Langes Auspacken der Geschenke und Geschichtenerzählen eher nicht.

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Tragebabys dürfen auch an Weihnachten mehrheitlich im Tragetuch oder Manduca sein.

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Nächstes Jahr wird vieles einfacher.


«Vielleicht ist es möglich, die Feier in zwei Abschnitte aufzuteilen»

Nachgefragt bei Brunhilde Moritz, Bereichsleiterin Fachstelle für Jugend-, Einzel- und Familienberatung im Bezirk Rheinfelden

Viele Grosseltern feiern seit Jahren mit dem immer gleichen Ablauf. Apéro um 17 Uhr, Essen um 18 Uhr, Singen beim Baum um 20 Uhr. Mit einem Baby läuft das nicht mehr so reibungslos ab. Wer muss sich anpassen, das Baby oder die Grosseltern?
Ich würde sagen, dass es ein ganz besonderes Ereignis ist, Grossmutter und Grossvater sein zu dürfen. Für die Eltern des Babys ist die neue Aufgabe sowohl eine Freude als auch eine Herausforderung, da das ganze Leben um­gekrempelt wird. Deshalb ist es ein besonders wertvolles Geschenk, wenn sich die Grosseltern nach den Bedürfnissen des Kindes erkundigen und die Bereitschaft zeigen, die Weihnachtsfeier in Absprache mit den Eltern des
Kindes entsprechend anzupassen. Vielleicht ist es möglich, die Feier in zwei Abschnitte aufzuteilen: zuerst mit Baby und anschliessend setzen die Erwachsenen die Feier fort.

Wie kommuniziert man das, ohne dass jemand verletzt wird?
Da die Eltern des Kindes viel um die Ohren haben, wäre es hilfreich, wenn die Grosseltern das Thema ansprechen und sich, wie erwähnt, nach den Bedürfnissen des jüngsten Familienmitglieds erkundigen würden. Vielleicht könnten die Grosseltern Entlastungsangebote machen und allenfalls fragen, ob sie einen Teil der Speisen fertig zubereitet mitbringen sollen. Viele Grossmütter sind ja tolle Köchinnen.

Alle freuen sich riesig auf das erste Weihnachten mit dem ersten Enkel. Warum kann es trotzdem zu Stress oder gar Tränen kommen?
Zu Stress und Tränen kommt es meines Erachtens, wenn sich die Familienmitglieder überzogenen Erwartungen hingeben. Daher ist es wichtig, vor dem Fest die Wünsche aller Beteiligten zu erfragen und zu schauen, was sich davon vor dem Hintergrund der besonderen Situation verwirklichen lässt.

Wie ändert man lieb gewordene Traditionen?
Es ist anspruchsvoll, lieb gewordene Traditionen zu ändern. Überlegen, ob sich ein Teil der Traditionen auch mit Baby leben lässt. Diesen Teil frühzeitig als Wunsch formuliert ins Gespräch mit den Eltern des Kindes einbringen. •