Bei den Grosseltern ist Lernen anders

Illustration: Luigi Olivadoti
Grosseltern haben einen Spielraum, den weder Eltern noch Lehrpersonen haben. Hausaufgaben und Noten sind nicht ihre Zuständigkeit. So bieten sie etwas, was im Schulalltag selten ist: Zeit und einen Blick ohne Bewertung. Kinder lernen leichter, wenn sie sich gesehen und nicht bewertet fühlen. Bei Grosseltern, die nicht alles korrigieren, sind Fehler Teil des Lernens. Zehn Anregungen von Lerncoach Ivana Stojanovic zur Lernbegleitung:
Mitgehen, dann loslassen. Den Schulweg anfangs gemeinsam gehen. Später läuft das Kind voraus, jemand wartet an der Ecke. Selbstständigkeit braucht jemanden, der begleitet.
Alltagsfertigkeiten geduldig üben. Schnürsenkel binden, Reissverschluss zuziehen, Brot streichen. Solche Fertigkeiten ersparen Frust im Schulalltag. Grosseltern haben die Zeit, alltägliche Dinge ohne Druck zu zeigen.
Rituale pflegen. Donnerstagskuchen, Vorlesen vor dem Mittagsschlaf, Spaziergang nach dem Essen. Solche Rituale geben Halt. Sie brauchen kein Programm, nur Regelmässigkeit.
Mathematik in den Händen. Kuchen abwägen, Wechselgeld zählen, Spielkarten sortieren. Sind Zahlen Teil des Alltags, entdecken Kinder oft erst, wozu Rechnen gut ist.
Lesen und Schreiben ausserhalb der Schule. Strassenschilder lesen, Einkaufszettel mitschreiben, Comics anschauen. Was nicht abgefragt wird, bleibt mit Neugier und Freude verbunden.
Fremdsprachen lebendig halten. Wer eine andere Sprache spricht, kann sie dem Kind im Alltag weitergeben. So wird sie Teil seines Lebens.
Aus dem eigenen Leben erzählen. Erinnerungen an die Schulzeit oder die Kindheit der Eltern und Grosseltern erweitern den Wortschatz und geben dem Kind ein Gefühl, woher es kommt.
Mit den Händen arbeiten. Stricken, basteln, Pflanzen ziehen oder altes Spielzeug reparieren. Was Kinder mit den Händen begreifen, prägt sich oft ein.
In die Natur gehen. Waldspaziergang, Halt am Bach, Vögel beobachten. Bewegung und frische Luft helfen dem Kind, sich zu sammeln.
Zuhören, ohne sofort zu lösen. Nicht jede Schulgeschichte braucht eine Antwort. Manchmal reicht ein Gegenüber, das einfach zuhört.
Lernen entsteht so durch Beziehung. Beim Backen, Vorlesen oder Spazierengehen geben Grosseltern
ihren Enkelkindern etwas mit, das in keinem Zeugnis steht. Es wirkt oft lange nach.
Ivana Stojanovic ist Lerncoachin, Lehrmittelautorin und Sprachlehrerin. In ihrem Lern- und Sprachatelier Lernmoment in Dübendorf (ZH) begleitet sie Kinder, Jugendliche und Erwachsene beim Lernen und bietet Konversationsstunden in Französisch und Italienisch an. lernmoment.ch

