Betreuung durch Grosseltern – und welchen Einfluss sie auf die Familie hat
Wie geht es den von Grosseltern betreuten Enkelkindern? Die Berichterstattung über eine neue Studie zum Thema sieht die Kinder eher im Nachteil. Was steckt dahinter?
In den letzten Tagen schaffte es eine neue Studie zur Betreuung durch Grosseltern in die Tagesmedien (z.B. 20min.ch oder AZ): Betreuung durch Grosseltern kann für Kinder ein Nachteil sein, lauteten so oder so ähnlich die Schlagzeilen dazu. Im Artikel hiess es dann sinngemäss, dass Grosseltern mit ihrem Enkelbetruungseinsatz zwar die Eltern deutlich entlasten und deren Zufriedenheit steigern. Für Kinder, die viel von Grosseltern betreut werden, zeige die Studie jedoch Nachteile: Vor allem Grundschulkinder, insbesondere Buben, werden laut elterlicher Einschätzung etwas häufiger krank.
Das lässt aufhorchen. Doch was steckt dahinter? Wir haben den Alters- und Generationenforscher und „Grosseltern“-Autor François Höpflinger nach seiner Einschätzung gefragt.
Er sagt, dass eines der zentralen Ergebnisse der Studie eindeutig ist: Grosselterliche Enkelbetreuung wirkt sich positiv auf die Lebenszufriedenheit der Eltern aus. Wer weiss, dass die eigenen Kinder gut betreut sind, erlebt weniger Stress und mehr emotionale Entlastung. Dieser Effekt bleibt nicht ohne Folgen für die nächste Generation: Zufriedenere Eltern schaffen in der Regel auch ein stabileres Umfeld für ihre Kinder.
Auf den ersten Blick scheint ein weiteres Studienergebnis irritierend: Es zeigt sich ein leichter negativer Zusammenhang zwischen grosselterlicher Betreuung und der Gesundheit der Kinder. Die Gesundheit der Kinder wurde jedoch nicht direkt untersucht, sondern über Einschätzungen der Eltern erfasst. «Es ist somit denkbar und durchaus möglich», so Generationen- und Altersforscher François Höpflinger, «dass Eltern gerade dann stärker auf die Unterstützung der Grosseltern zurückgreifen, wenn sie sich Sorgen um die Gesundheit ihrer Kinder machen. Also dass gesundheitliche Probleme von Kindern zu einem verstärkten Engagement der Grosseltern führen, nicht umgekehrt.»
Mit anderen Worten: Nicht die Betreuung durch Grosseltern könnte gesundheitliche Probleme begünstigen – vielmehr könnten gesundheitliche Probleme der Kinder der Grund dafür sein, dass Grosseltern häufiger einspringen.
Des Weiteren zeigt die Studie nur unter sehr spezifischen Bedingungen einen negativen Effekt: bei Kindern im Grundschulalter, die regelmässig von Grosseltern mit eingeschränktem Gesundheitszustand betreut werden. In diesem Zusammenhang heisst es in der Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung: «Grosseltern mit einem schlechteren Gesundheitszustand sind sehr wahrscheinlich körperlich eingeschränkter und können daher weniger bewegungsintensive Aktivitäten mit ihren Enkelkindern durchführen.»
(Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung 2022: Oma und Opa gefragt? Veränderungen in der Enkelbetreuung – Wohlbefinden von Eltern – Wohlergehen von Kindern, Bonn, S. 88)
Auch hier geht es also weniger um emotionale oder soziale Aspekte der Betreuung, sondern um ganz praktische Fragen von Bewegung und Aktivität.
Diese Einschätzung deckt sich mit vielen Alltagserfahrungen: Wenn Kinder krank sind, springen Grosseltern häufig ein. Sie betreuen die Enkel zu Hause, wenn Kitas wegen Krankheit ausfallen, oder entlasten Eltern in besonders belastenden Phasen. Grosselterliche Betreuung ist damit oft eine Reaktion auf schwierige Situationen – nicht deren Ursache.
