Thomas Meyer schreibt über seine Eltern und Grosseltern

Der Autor Thomas Meyer hat einen christlichen Vater und eine jüdische Mutter. In ihm trifft eine ordentliche, urzürcherische Blutlinie auf polnisches Nomadentum. Was diese Mischung aus ihm macht? Einen sozialen Ordnungsfanatiker mit Hang zur Nostalgie.

Von THOMAS MEYER (Text und Fotos)

Meine Herkunft ist einigermassen widersprüchlich. Es gibt einen ordentlichen Strang, den meines Vaters, und einen chaotischen, jenen meiner Mutter, was sich lustigerweise auch in den Charakteren der beiden niedergeschlagen hat. Der ordentliche, das waren die Meyers, die jahrhundertelang in Birmensdorf (ZH) ansässig waren, bevor mein Urururgrossvater Bernhard 1845 beschloss, nach Zürich zu ziehen. Damals gab es hier noch keinen Bahnhof, der wurde erst zwei Jahre später gebaut, dafür standen noch viele der neuzeitlichen Verteidigungsanlagen, darunter das Rennwegbollwerk. Und keine fünfzig Jahre zuvor hatten auf den Wiesen vor der Stadt die Franzosen, die diese besetzt hielten, gegen Russen und Österreicher gekämpft – und wenig später die Eidgenossen gegen Truppen der Helvetischen Republik, eines französischen Revolutionsexports, der nur drei Jahre Bestand haben sollte. Heute ist das alles kaum noch bekannt und ohnehin schlecht vorstellbar, aber mein Ahne Bernhard zog, zumindest in seinem Bewusstsein, an einen ziemlich gefährlichen Ort, nach dem bald diese, bald jene Macht griff. 1902 kam sein Urenkel Hans-Otto zur Welt. Im Haus, in dem er wohnte, an der Bäckerstrasse, gab es ein fast gleichaltriges Mädchen, die Margarete, Tochter von deutschen Einwanderern. Die beiden wurden später ein Paar, und mein Grossvater Hans-Otto wurde Bankdirektor und Zunftmeister der Zürcher Stadtzunft. Später baute er, ein begeisterter Leichtathlet, mit Gleichgesinnten im Letzigrund eine Aschenbahn und eine Holztribüne – daraus wurde schliesslich das Letzigrund-Stadion.
Ich habe beide nicht gekannt, er starb vier Jahre vor meiner Geburt, und sie noch viel früher, an Leukämie. Leider nahm mein Grossvater offenbar ein ziemliches Scheusal zur zweiten Frau, jedenfalls hat mein Vater noch kein gutes Wort für sie übrig. Er war nur bis zum Jugendalter bei der Stadtzunft – die Mitgliedschaft wird vererbt –, doch als es darum ging, vom Kreis der sogenannten Stubengesellen in jenen der richtigen Zünfter aufzusteigen, riet ihm mein Grossvater, es bleiben zu lassen. Er sei schliesslich mit einer Jüdin zusammen, das werfe ein schlechtes Licht auf ihn und führe auch sonst nur zu Problemen. Es war seine Befürchtung, nicht seine Haltung. Im Gegensatz zur SKA und der Bankgesellschaft, die damals keine jüdische Kundschaft akzeptierten, fanden sie bei seiner Volksbank an der Bahnhofstrasse stets eine offene Tür.
Meine Mutter ist die Nachfahrin von Menschen, die von weit her und über abenteuerlichen Umwegen in die Schweiz gekommen waren. Ihr einer Grossvater hiess Salomon Naftali, auf Jiddisch Schlojme Naftule. Er hatte Verwandte in Zürich, und meine polnische Urgrossmutter, Chawa Zimmet, war deren Dienstmädchen. Als er eines Tages zu Besuch kam und sie ihm die Tür öffnete, wusste sie: Der ist es. Sie heirateten, Chawa wurde schwanger, doch Salomon ging zurück nach Russland – und wollte die russische Armee als Geiger auf ihrem Feldzug gegen Japan begleiten. Er schickte unzählige auf Jiddisch geschriebene Postkarten in die Schweiz, doch seine Mutter unterschlug sie alle, und Chawa verbrachte mehrere bange Jahre, ohne zu wissen, ob ihr Geliebter überhaupt noch lebte. Doch schliesslich kam er zurück.
Mein anderer Urgrossvater mütterlicherseits, Rachmiel Friedmann, war ein Sohn frommer jüdischer Bauern aus der russischen Stadt Polozk. Er war Berufsrevolutionär, also jemand, der sich der Aufgabe verschrieben hat, eine proletarische Revolution herbeizuführen. Unter dem Parteinamen Wolodja – Lenins Frau erwähnt ihn so in ihren Memoiren – verteilte Rachmiel illegalerweise kommunistisches Propagandamaterial im In- und Ausland und schmuggelte auch gern mal Waffen und Komplizen über die Grenze. Auf einer Tour in Polen lernte er in der Stadt Brody, wo seine Kontaktstelle war, die Lehrerin Pauline Mann kennen, Tochter emanzipierter Juden. Die Zaristische Geheimpolizei war ihm und den anderen Kommunisten ständig auf den Fersen und wollte ihn nach mehreren Verhaftungen nach Sibirien verbannen, doch gelang ihm die Flucht. In Brody heiratete er 1910 Pauline, reiste mit ihr nach Paris und schliesslich nach Zürich, wo viele Exilrussen lebten. Wie viele von ihnen verdiente er sein Geld mit dem Drehen von Zigaretten, den «Papirossy». Chawa Zimmer und Salomon Naftali hatten fünf Kinder: Sima, Berta, Ida, Sara und Sigmund. Pauline Mann und Wolodja Friedmann hatten vier: Georges und Adam sowie Hedwig und Mary. Sara, geboren 1911, und Adam, geboren 1913, waren meine Grosseltern. Sie lernten sich kennen, weil Wolodja Friedmann und seine Frau in Zürich die Pension COMI führten, wo in den 1930er- und 1940er-Jahren zahlreiche Verfolgte des Nationalsozialismus Zuflucht fanden. Eine Freundin von Sara meinte, sie und Adam würden gut zusammenpassen, und machte die beiden bekannt. Im Schauspielhaus Zürich wurde übrigens vor einiger Zeit ein Theaterstück über die Pension aufgeführt, es hiess «Das grosse Herz des Wolodja Friedmann» und zeigte seine Not, nicht allen helfen zu können, die es nötig hatten.
Mein Grossvater Adam war schon früh politisch aktiv. In Genf erlebte er 1932, wie die Armee – Soldaten einer Rekrutenschule – auf Demonstranten schoss, die gegen die Fonjallaz-Faschisten protestierten. 13 Menschen starben, und mein Grossvater trat der Jeunesse Socialiste bei. Wie sein Vater schmuggelte er kommunistische Literatur, von Zürich nach Wien. Er war überzeugt, dass nur die Sowjetunion und der Kommunismus «ein Bollwerk gegen Nazi-Deutschland sein konnten», wie er in seinen Aufzeichnungen schreibt. Angst als Jude hatte er nicht: «Ich war überzeugt, dass die Schweiz nichts zu befürchten habe, da die Kriegsparteien unser Land als Spionage- und Finanzplatz dringend benötigen würden.»
Als Deutschland die Sowjetunion angriff, war er beruhigt: «Was Napoleon nicht erreichte, wird auch Hitler nicht gelingen.» Also planten er und sein Frau Sara, die angesichts der Judenverfolgung nicht mehr so genannt werden wollte, weil die Nazis allen jüdischen Frauen diesen Vornamen aufzwangen, sondern nur noch Sary, ihr erstes Kind. Im Dezember 1941 kam meine Mutter Wera zur Welt, russisch für Glaube, benannt nach Wera Figner, einer russische Revolutionärin. Mein Vater Hans Peter wurde im Mai 1943 geboren. Niemand hatte mehr mit ihm gerechnet, seine Mutter hatte Jahrgang 1899.
In mir und meiner Schwester trifft das nun alles zusammen, eine urzürcherisch-bürgerliche Blutlinie sowie eine polnisch-russische, stets auf Wanderschaft, wie das bei Juden nicht unüblich ist. Gegensätzlicher könnte das nicht sein. Fand auch mein Grossvater Hans-Otto, dem es als Bankdirektor leichtfiel, Auskunft über die Finanzen meines anderen Grossvaters Adam einzuholen, und der seinen Sohn Hans Peter daraufhin schriftlich warnte, er möge die Beziehung zu dieser Wera doch bitte überdenken, dieser Friedmann habe ja nichts. Aber mein Vater liess sich nicht abhalten, ehelichte meine Mutter und bescherte mir damit ein faszinierendes Dilemma: Einerseits habe ich einen starken Drang zur Ordnung, war immer ein Freund der Polizei und betreibe das Haushalten als Hobby. Gern unterhalte ich mich mit meinem Vater darüber, ob nun der neue Dyson oder der neue Miele der bessere Staubsauger sei. Andererseits habe ich wie meine Mutter eine starke Neigung zur Nostalgie, was wiederum zu einer starken Neigung führt, Dinge anzuhäufen, und auch der politische Geist meines Grossvaters regte sich stets in mir. Mit 16 gründete ich mit zwei Schulkameraden eine kommunistische Partei. Weit kamen wir nicht, zumal Dani und Michèle ein Paar wurden und anderes im Sinn hatten, als das Arbeitervolk zum Aufstand anzustiften. Aber ich blieb sozial.
Ich verbrachte gern und viel Zeit bei meinen Grosseltern. Stundenlang hörte ich die legendären Kasperli-Platten, bis ich sie auswendig konnte. Mein Grossvater, den ich erst Opapa nannte, später Opi und schliesslich bei seinem Vornamen Adam, las derweil in der Zeitung und kommentierte das Weltgeschehen in regelmässigen Abständen mit empörtem Brummen. Hielt er es nicht mehr aus, warf er die Zeitung auf den Couchtisch und nahm sich ein Buch. Auch das habe ich von ihm. Wie auch die Vorliebe für Anzüge und Hemden. Ich hatte stets ein herzliches Verhältnis zu ihm. Er schien mir von allen Mitgliedern meiner Familie stets der Vernünftigste. Meine Eltern waren ständig in Diskussionen darüber verwickelt, was wo herumliegen durfte beziehungsweise nicht (eine Diskussion, die ich mittlerweile gern mit mir selbst führe), meine Schwester war noch sehr klein und meine Grossmutter beschäftigte sich am liebsten mit Kreuzworträtseln, daher schätzte ich es immer sehr, mich mit meinem Grossvater austauschen zu können, der stets einen heiteren Kommentar auf den Lippen hatte und mich auf manch tolle Reise mitnahm.
Als ich älter war, besuchte ich gern Theatervorführungen mit ihm. Er war in jungen Jahren fast jede Woche als ­Laienschauspieler aufgetreten und hatte viel Liebe für die Bühne – wie auch meine Grossmutter, deren Leidenschaft der Tanz war. Ins Altersheim wollten die beiden nicht, wer will das schon, und falls es so ­etwas wie einen guten Zeitpunkt dafür gibt, hatten sie ihn eindeutig verpasst. Es war schon schwierig, ihnen die Spitex ins Haus zu schicken, weil meine Grossmutter die armen Damen eine nach der anderen mit übelsten jiddischen Flüchen davonjagte. Schliesslich zogen meine Grosseltern aber doch in ein jüdisches Altersheim, unter heftigem Protest, was mir sehr leidtat, auch für meine Mutter. Es war bereits für mich schlimm, den Verfall meiner Grosseltern mitanzusehen; für sie war es um ­einiges schmerzhafter. Mein Grossvater starb im Mai 2010, ­meine Grossmutter im Januar 2012, ihre Beerdigung fand an meinem 38. Geburtstag statt. Sie hatte die Geburt meines ­Sohnes Levi um fünf Wochen verpasst. Das Letzte, was ich von ihr hörte, war, dass sie mich meiner Mutter gegenüber einen Trottel nannte, weil ihr Urenkel unehelich zur Welt kommen würde. Ich bin überzeugt, dass es ihr egal gewesen wäre, hätte sie ihn noch im Arm halten können. Margarete, Hans-Otto, Sary und Adam, so hiessen meine vier Grosseltern. Ich kannte leider nur zwei von ihnen, aber ich denke gern an alle vier. Jeder lebt in mir fort, auf seine Weise. Man findet ein wenig vom Bankdirektor und ein wenig vom Literaturschmuggler. Den Leichtathleten sucht man vergebens.•


Thomas Meyer (45) ist Autor des Bestsellers «Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse», der unter demselben Namen erfolgreich verfilmt wurde. Im letzten Jahr erschien mit «Wolkenbruchs waghalsiges Stelldichein mit der Spionin» die Fortsetzung. Thomas Meyer ist Vater eines Sohnes und lebt in Zürich.
thomasmeyer.ch

One thought on “Thomas Meyer schreibt über seine Eltern und Grosseltern

  • 22. Mai 2020 um 11:24
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    Schöne Bilder und interessant.
    Vielen dank und herzliche Grüsse von Nico aus dem Toggenburg, wo ich Coronabedingt schon seit 2 Monaten den Frühling geniessen kann….
    Ich hoffe, es gehe dir auch gut.

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