Das Wort „behindert“

Unsere Kolumnistin Marah Rikli (42) setzt sich als Mutter zweier Kinder, als Journalistin und Moderatorin für Diversität und Inklusion in der Gesellschaft ein.

«Hast du getrunken in der Schwangerschaft oder geraucht?» – «Habt ihr denn keine Tests gemacht?» – «Hat sie wegen dem Kaiserschnitt eine Behinderung?» Solche und viele andere Fragen mit einer subtilen Schuldsuche höre ich seit der Geburt meiner Tochter immer wieder. Auch deshalb hatte ich lange Hemmungen, meine Tochter als Kind mit Behinderung zu bezeichnen. Als ich es dann trotzdem tat, kamen prompt weitere Reaktionen: «Gibt es kein schöneres Wort als behindert?», sagte mir einmal ein Mitfahrer im Tram, als er mich und meine Tochter zurechtwies und ich erklärte, dass sie eine Behinderung hat. Eine Bekannte hatte zudem Mitleid mit meiner Tochter: «Es ist nicht gut für ein Kind zu hören, dass es behindert ist.»
Erst viel später erkannte ich: Wir verbinden in unserer Gesellschaft mit dem Wort «behindert» generell etwas Negatives. Der Inklusionsaktivist und Buchautor Raùl Krauthausen sagte mir dazu in einem Interview: «Eine Behinderung ist eine Eigenschaft wie eine Haar- oder Augenfarbe. Das Problem ist nicht die Behinderung, sondern die Bewertung, die darin steckt.» Die behinderte Aktivistin Luisa L’Audace erklärt in ihrem Buch «Behindert und stolz», wie in der Gesellschaft oft auch sogenannte Euphemismen verwendet werden, um eine Behinderung zu beschönigen. Zum Beispiel ‹Menschen mit Beeinträchtigung› oder ‹Menschen mit Handicap›. L’Audace sagt: «Eine Behinderung ist aber letztlich nichts Negatives 01und hat es nicht nötig, beschönigt zu werden.»
Die negativen Gefühle gegenüber Behinderungen haben wir aber fast alle verinnerlicht. Unter anderem durch Geschichten, Schulbücher oder Filme. Zum Beispiel durch «Heidi». Fast alle kennen die Geschichte: Heidi muss unfreiwillig zu ihrem Grossvater auf die Alp ziehen. Dann – kaum hat sie sich eingelebt – zwingt man sie in die Grossstadt nach Frankfurt. Dort freundet sich das Bergmädchen mit Klara an, die im Rollstuhl sitzt. Schuld an Klaras Behinderung sei unter anderem die ungesunde Stadtluft, heisst es im Buch von Johanna Spyri. «Heilung» bringt Klara eine Reise zum Grossvater in die Schweizer Berge, wo sie Alpenluft atmet und Ziegenmilch trinkt. Bald schon kann Klara gehen und Peter stösst den Rollstuhl die Klippen hinunter. Zwischendurch unterstellt Peter Klara sogar, sie sei zu faul zum Laufen. Dabei könnten solche Geschichten auch anders lauten, zum Beispiel so: Klara hat einen Rollstuhl, die Kinder sind drei Freund:innen, die einen mit, die anderen ohne Behinderungen. Sie kämpfen gemeinsam gegen die rigide Pädagogik der damaligen Zeit und geniessen die Freiheit der Natur.
Ich spreche mittlerweile in meinen Texten und Reden öffentlich aus, dass meine Tochter eine Behinderung hat. Ich lehre sie gerade, auf ihrem Kommunikationsgerät einzugeben: «Ich habe eine Behinderung.» Denn ich möchte, dass sie ihre Behinderung nicht als Defizit, sondern als etwas Normales ansehen darf. Und fragen mich Menschen heute danach, warum sie behindert sei, sage ich: «Ich weiss es nicht, genauso wie ich nicht weiss, warum du und ich keine haben.»