Sie haben viel im Kopf und wenig Zeit: Kommen Enkel in die Pubertät, kann das die Beziehung zu den Grosseltern verändern. Manche sehen sich ­weniger, manche deutlich mehr. Vier Jugendliche erzählen. Und Familien­forscherin ­Jacqueline ­Esslinger ­ordnet ein.

Von Geraldine Capaul (Redaktion) und Tibor Nad (Fotos)

Weniger Pflichten, dafür mehr Aktivitäten und Gespräche:
Die Beziehung von Jugendlichen zu ihren Grosseltern hat grosses Potenzial.

Beziehungen zu den Enkeln können sich immer wieder verändern. Besonders aber vermutlich dann, wenn die Kinder zu Jugendlichen werden und in die Pubertät kommen. «Erste Anzeichen der beginnenden Pubertät zeigten sich bei meinen Enkeln, 12 und 14 Jahre alt, schon länger: Zum Geburtstag keine Legos mehr, dafür ein spezielles Duschgel, das von einer Bloggerin wärmstens empfohlen wurde. Und während früher beim Duschen fröhlich weitererzählt wurde, ist jetzt die Badezimmertür plötzlich zu. Mein Wunsch, doch bitte nicht ohne Velohelm bei mir aufzutauchen, wurde mit dem Hinweis ‹Aber Grosi, heute kommt doch der Fotograf in die Schule und ich habe die Haare extra mit Gel gestylt› abgelehnt. Nun klingeln Mädchen an der Haustür und fragen kichernd nach Nicolas. Sind das nicht dieselben Mädchen, die bis vor Kurzem noch völlig uninteressant waren?» Die Erfahrungen von Ruth Fries, zweifache Grossmutter, dürften vielen Grosseltern vertraut sein. Denn kommen die Enkel in die Pubertät, wird vieles anders. Aber nicht alles. «Ich machte mich auf heftige Veränderungen gefasst, inklusiv Türenknallen, einsilbige Antworten, Kuschelentzug, und natürlich auf all die schrecklichen Szenarien, die so erzählt werden. Doch nichts oder nur wenig davon ist eingetroffen.» Im Gegenteil: Kürzlich sei Ruth Fries ihrem Enkel mitten in einer Schar Schulkameraden begegnet. «Er lachte mich an, umarmte mich und ich bekam einen dicken Kuss. Beeindruckend, braucht es doch dazu für einen 14-Jährigen viel Mut und eine grosse Portion Selbstbewusstsein.»

Es ist aber auch in Ordnung, wenn Jugendliche ihre Grosseltern in einer solchen Situation mit einem verlegenen Grinsen und Kopfnicken begrüssen. Und vielleicht kommen die Teenie-Enkel grundsätzlich seltener vorbei, vielleicht aber auch gerade öfter. Wir haben mit vier Jugendlichen über ihre Grosseltern gesprochen. Allen vieren liegen sie am Herzen, für zwei von ihnen sind sie sogar wichtige Vertrauenspersonen, bei denen sie gerade jetzt zur Ruhe kommen können. Die Psychologin Jacqueline Esslinger von der Universität Freiburg sagt im Interview (unten folgend): «Wenn Enkelkinder während dieser Lebensphase weniger Kontakt suchen, sollte man es ihnen nicht übelnehmen. Es ist jedoch zu begrüssen, wenn Grosseltern und Enkel eine gute Beziehung pflegen, in der sich eine pubertierende Jugendliche aufgehoben fühlt. Die Beziehung von Enkeln zu ihren Grosseltern birgt grosses Potenzial: Wenn die Ansichten und Vorstellungen zwischen Eltern und Kindern aufeinanderprallen, können Grosseltern vermitteln und relativieren.»
Erfahrung und Gelassenheit helfen auf jeden Fall. Und Vertrauen: «Die Zeiten werden sich ändern», sagt Ruth Fries. «Aber die Liebe bleibt!» ~CAP/RF


Nachgefragt bei Psychologin Jacqueline Esslinger: «Grosseltern können vermitteln»

Jacqueline Esslinger
ist Psychologin und denkt immer wieder gerne an die schönen Ausflüge mit ihren Gross­eltern. Sie
arbeitet an einem Forschungs­projekt mit Kindern und Jugendlichen am Institut für ­Familienforschung und -beratung der Universität Fribourg.

Frau Esslinger, kurz zusammengefasst: Was verändert sich, wenn der Enkel in die Pubertät kommt?
Jacqueline Esslinger: Generell ist die Pubertät eine Zeit, in der Jugendliche sehr viele Dinge beschäftigen. Die körperlichen Veränderungen, die mit viel Geduld und Zeit akzeptiert werden müssen, können zu Unsicherheiten führen. Stimmungsschwankungen gehören zur Tagesordnung. Es beginnt oft eine verstärkte Auseinandersetzung mit der Welt. Manche Jugendliche erleben ein Gefühl der Unzulänglichkeit der eigenen Person. Abgesehen von der Prüfung des Weltbilds nimmt auch der soziale Druck zu. Wenngleich dies auch bereits jüngere Kinder beschäftigt, wird es in der Pubertät umso wichtiger, dazuzugehören. Interessant sind in der Pubertät vor allem die gleichaltrigen Kollegen – die Familie kann dann im Moment etwas weniger wichtig scheinen. Die vielen Veränderungen und Gedanken können dazu führen, dass Lieblings­enkel auf einmal zum Klischee-­Teenager werden und schlecht gelaunt auf nichts mehr Lust haben. Das darf man nicht persönlich nehmen.

Und wie verändert sich die Beziehung?
Das ist individuell verschieden. Jugendliche erleben die Zeit der Pubertät sehr unterschiedlich. Es kann sein, dass ein Bedürfnis nach mehr Rückzug dazu führt, dass der Kontakt mit Beginn der Pubertät etwas seltener wird. Viele Enkel haben mehrere Hobbys und schlichtweg weniger Zeit um Schule, Hobbys, Familie – und die immer wichtiger werdende Zeit mit Freunden – unter einen Hut zu bringen. Wenn also Enkel­kinder während dieser Lebensphase weniger Kontakt suchen, sollte man es ihnen nicht übelnehmen. Es ist jedoch zu begrüssen, wenn Grosseltern und Enkel eine gute Beziehung pflegen, in der sich eine pubertierende Jugendliche aufgehoben fühlt. Die Beziehung von Enkeln zu ihren Grosseltern birgt grosses Potenzial: Wenn die Ansichten und Vorstellungen zwischen Eltern und Kindern aufeinanderprallen, können Grosseltern vermitteln und relativieren.

Wir haben mit Jugendlichen gesprochen, die in diesem Alter wieder besonders gern und oft zu den Grosseltern gehen. Was kann eine Grossmutter, ein Grossvater, was die Mutter, der Vater nicht kann?
Grosseltern ermöglichen einem Jugendlichen eine Beziehung, die familiär vertraut ist, jedoch weniger Konfliktpotenzial birgt als die Beziehung zu den eigenen Eltern. Auch wenn Enkel es gut haben mit ihren Eltern, pflegen die meisten Kinder und Jugendlichen gerne zusätzlichen Kontakt zu anderen Erwachsenen. Zudem interessieren sich die Enkel für die Erfahrungen und Ansichten der Grosseltern und sie genies­sen es sehr, dass sich ihre gemeinsame Zeit oft weniger um Verpflichtungen – zum Beispiel im Haushalt – dreht und somit mehr Raum für Aktivitäten und Gespräche bleibt.

Was müssen Grosseltern beachten, wenn ihre jugendlichen Enkel viel bei ihnen sind? Sollen sie nachschauen, wenn die Enkel lange im Zimmer sind?
Rückzug ist ein häufiges Phänomen in der Pubertät, manchmal möchte ein Jugendlicher einfach mal alleine sein. Jedoch trägt man als Aufsichtsperson für Minderjährige auch eine gewisse Verantwortung. Man kann Jugendlichen zeigen, dass man ihre Privat­sphäre achtet und respektiert, indem man beispielsweise anklopft und fragt, ob man ins Zimmer kommen kann, bevor man eine Tür öffnet.

Der Enkel zieht sich immer mehr ­zurück, die Grosseltern würden ihn aber gern sehen. Wie reagieren sie am besten?
Indem man in regelmässigen Abständen Kontakt zu den Enkelkindern aufnimmt. So bietet man eine Beziehung an. Auch wenn Enkelkinder das Angebot nicht immer annehmen, wird es vielleicht geschätzt. Jugendliche spüren dadurch, dass es jemanden gibt, der sich für sie interessiert und dass sie bei dieser Person willkommen sind. Es gibt da ein Zitat aus der Serie «Modern Family», das mich immer ein wenig zum Schmunzeln bringt: «Kinder grosszuziehen, ist wie eine Rakete zum Mond zu schicken. Man verbringt die frühen Jahre eines Kindes in ständigem Kontakt. Dann, eines Tages, in den Teenager-Jahren, überquert die Rakete die dunkle Seite hinter dem Mond und man verliert den Kontakt. Alles, was man tun kann, ist auf das schwache Signal zu warten, dass sie zurückkommen.»

Apropos wegfliegen: Gibt es bei ­engagierten Grosseltern auch so etwas wie eine Leere, wenn die Kinder flügge werden?
Wann immer ein enger, schöner Kontakt zu jemandem seltener wird, ist es ganz normal, eine Leere zu verspüren. Grosseltern geniessen die Zeit mit ihren Enkeln in der Regel intensiv und natürlich vermissen sie flügge gewordene Enkel. Jedoch bedeutet weniger Kontakt nicht zwangsläufig eine weniger intensive Bindung. Vielleicht spricht oder sieht man sich seltener, jedoch verspürt man Freude an der Beziehung zueinander. Auch wenn man sich nicht mehr gleich oft sieht, kann man doch eine wichtige Rolle im Leben der anderen einnehmen.

Wie wichtig ist es für Grosseltern, in Sachen «digitales Leben» Schritt zu halten, um im Leben ihrer älteren Enkelkinder eine aktive Rolle spielen zu können?
Es ist nicht notwendig, alle digitalen Trends mitzumachen. Es ist aber vermutlich einfacher, die Enkel zu erreichen, wenn man die gleichen Kommunikationskanäle benutzt. Mit einer Nachrichten-App erfährt man schnell Neues aus dem Leben der Enkel, etwa durch den einfachen Austausch von Fotos. Um ein Profil in den Sozialen Medien zu erstellen, lässt man sich am besten von den Enkeln unterstützen. Übrigens benötigt man für viele Soziale Medien nicht unbedingt ein Smartphone! Wer sich am Computer wohler fühlt, kann diese Dienste als Web-App nutzen.

Wie kann die mittlere Generation dazu beitragen, dass die Beziehung zwischen Grosseltern und Teenies gut bleibt?
Die mittlere Generation fördert den ­Austausch und Kontakt zwischen Grosseltern und Enkeln, indem sie ­beide Seiten ermutigt, sich zu ­verabreden und sich wieder besser ­kennenzulernen. Dazu gehört auch, im vollen Familienstundenplan Zeit einzuplanen, in der Treffen organisiert werden können. ~Cap


Vier Teenager erzählen über ihre Beziehungen zu den Grosseltern

Nicolas (14 Jahre)
«Die Beziehung zu meinem Grosi hat sich nicht sehr verändert. Es sind nun halt andere Sachen auch mega wichtig geworden, wie zum Beispiel abmachen mit Kollegen oder Zeit allein für mich zu haben. Auch gefühlsmässig ist es wie immer. Ich kann ihr immer noch viel anvertrauen, genau wie schon mit 5 Jahren, obwohl ich nicht mehr weiss, was ich da so erzählt habe. Es gab noch nie eine Situation, in der sie sagte: «Warum hast du das jetzt so oder so gemacht?» Sie nörgelt nie, sondern hört mir zu. Was mich heute etwas mehr nervt als früher, ist ihre Ängstlichkeit. Sie könnte mir schon etwas mehr zutrauen. Aber irgendwie ist es ja auch herzig, wie sie sich um mich sorgt. Und ein bisschen lustig ist es auch, wenn Grosi beinahe eine «Herzbaracke» bekommt. Früher ging ich oft zum Grosi zum Mittagessen, jetzt esse ich zweimal in der Schule und an den anderen Tagen zu Hause. Ich glaube, mein Verhältnis zu Grosi wird sich auch in den nächsten Jahren nicht verändern. Und ich wünsche mir, dass sie so bleibt, wie sie ist.» ~RF

Amélie (12 Jahre)
«Ich kann meiner Grossmutter alles erzählen. Sie ist eine wichtige Bezugsperson für mich. Ich sage ihr zum Beispiel immer, wenn ich Kummer habe oder ein schlechtes Gewissen. Sie beruhigt mich jedes Mal.
Schon als Kind war ich oft bei meiner Grossmutter, mittlerweile wohnt sie bei uns in der Nachbarschaft. Oft gehe ich spontan vorbei, esse regelmässig hier zu Mittag und schlafe sicher einmal in der Woche bei ihr. Ich geniesse ihre Aufmerksamkeit, sie verwöhnt mich auch und ich darf mir ab und zu das Essen wünschen. Trotzdem lässt sie mir meine Ruhe. Sie sagt nie, was ich muss. Bei ihr kann ich freier sein. Sie fragt nur manchmal, ob ich sie zum Joggen begleite. Und sie erinnert mich daran, nicht zu spät ins Bett zu gehen. Tatta, wie ich sie nenne, ist eindeutig weniger streng als meine Eltern, aber sie ist schon auch konsequent.
Da wir so nahe voneinander wohnen, telefonieren wir praktisch nie und auch über Whatsapp hören wir uns nicht oft, vielleicht schick ich mal ein Foto oder so. Bin ich aber in den Ferien und sie ist nicht dabei, ruf ich sie an und schreib ihr auch Nachrichten.
Tatta kennt meine Freundinnen, weiss, wer meine Lehrerinnen und Lehrer sind. Wir lernen regelmässig zusammen für die Schule, vor allem Französisch. Das kann sie gut und sie ist sehr geduldig.
Wir haben es beide gern ordentlich und machen alles ganz exakt, das haben wir gemeinsam. Als ich mein eigenes Zimmer eingerichtet habe, hat mir Tatta dabei geholfen. Die wenigsten in meinem Umfeld haben eine solche Beziehung zu ihrer Grossmutter. Ich bin wirklich froh, dass wir es so gut haben.» ~cap

Moa (14 Jahre)
«Nonna und Nonno betreuen mich und meine Schwester seit unserer Geburt einen Tag in der Woche. Ab und zu sind wir auch am Wochenende bei ihnen. Es sind die Eltern meiner Mutter und sie sind bis heute wichtige Bezugspersonen. Manchmal gehen wir zusammen in die Ferien, an Ostern zum Beispiel. Ich kann ihnen alles sagen. An unseren gemeinsamen Mittagessen erzähle ich zuerst alles, was in der Woche passiert ist. Manchmal, wenn mich meine Eltern ärgern, ruf ich sie an und frage, ob ich zu ihnen kommen darf. Oder wenn ich lernen muss und niemand zu Hause ist, gehe ich auch zu Nonna und Nonno. Mit dem Trottinett bin ich in 15 Minuten bei ihnen. Ihre Türe ist immer offen für uns. Ich telefoniere auch sonst gern mit ihnen, zum Beispiel, wenn ich auf dem Heimweg bin. Sie kennen auch meine Freundinnen, mein ganzes Umfeld.
Sie sind nicht so streng – bis auf die Tischmanieren. Da sagen sie oft: Esst etwas schöner. Es stören sie sicher andere Sachen als meine Eltern, ich weiss mittlerweile, bei wem was geht.
Meine Grosseltern sind sehr fair. In ihrem Gästezimmer hat es ein Bett und eine Matratze am Boden, meine Schwester und ich wollen immer beide auf dem Bett schlafen. Deshalb führt mein Grossvater eine Liste, damit wir uns richtig abwechseln. Sie bringen auch jedes Mal ein Dessert mit, und zwar das gleiche für uns beide. Und sie räumen alles auf, obwohl ich ihnen sage, dass sie das nicht müssen.
Während Corona haben wir über den Balkon mit ihnen geredet und manchmal haben sie uns etwas zu essen runtergeworfen. Nonna und Nonno sind grossherzige Menschen, die mich stets unterstützen. Sage ich zum Beispiel: ‹Das ist so schwierig›, antworten sie: ‹Du kannst das.›» ~cap

Julie (13 Jahre)
«Die Eltern meiner Mutter, wir nennen sie Grossmami und Grosspapi, haben mich und meine Schwester früher mehrmals pro Woche gehütet. Sie kamen jeweils zum Zmorge und blieben bis zum Mittag. Die anderen Grosseltern – Grand-Maman und Grosspapi Alex − besuchten uns an den Mittwochnachmittagen oder am Wochenende und unternahmen etwas mit uns. Mittlerweile sehe ich beide Grosselternpaare weniger häufig, weil wir ja nicht mehr gehütet werden müssen. Als wir noch klein waren, gingen sie mit uns Velofahren oder spazieren, heute reden wir ein wenig miteinander und dann kann es schon vorkommen, dass meine Schwester und ich uns ins Zimmer verziehen, bis es Essen gibt. Ja, der Kontakt hat sicher abgenommen, aber ich glaube nicht, dass sie das schlimm finden oder es sie verletzt. Wir haben noch nie darüber gesprochen. Grossmami hütet mittlerweile meine beiden kleinen Cousins regelmässig. Sie hat also immer noch Enkelkinder, die sie mehr brauchen. Manchmal ruft Grand-Maman an und fragt, ob ich eine Hose flicken kann. Sie weiss, dass ich eine Nähmaschine habe. Das mache ich gern. Ich mag es nicht besonders zu telefonieren und Mails schreibe ich auch nicht viele. Mir wäre Whatsappen lieber. Aber Grossmami hat kein Handy und Grand-Maman löscht immer wieder versehentlich WhatsApp. Ich richte es ihr dann jeweils wieder ein, kurz darauf «verlegt» sie es aber wieder, wie sie sagt.» ~KD