stoeklinSusanne Stöcklin-Meier hat mit ihren Büchern geprägt, was Kinder auf dem Spielplatz singen und was Grosseltern ihren Enkeln beibringen.  

Von Melanie Borter (Text) und Tibor Nad (Fotos)

Als junge Kindergärtnerin – sie war 21 Jahre alt – wurde Su­sanne Stöcklin-Meier vom Schweizerischen Kindergartenverein angefragt, in der Redaktion der Kindergartenzeitung mitzuarbeiten. Das war 1961. Zu dieser Zeit propagierte der Psychologe Heinz-Rolf Lückert, man solle Kindern bereits im Alter von zwei bis drei Jahren das Lesen beibringen. Die Kinder seien in diesem Alter nicht nur imstande, sondern sogar begierig, lesen zu lernen, behauptete er.
Der Schweizerische Kindergartenverein und auch Susanne Stöcklin-Meier waren aber ganz anderer Meinung: Die Sprachentwicklung der Kinder sollte spielerisch durch Vorlesen, Bewegungs- und Sprachspiele gefördert werden. Um sich gegen die Theorie von Lückert zu wehren, beschloss der Kindergartenverein, Zeitungen mit Informationen und Anleitungen zu Kinderspielen zu beliefern. «Ich rief also die Redaktion der NZZ an und fragte, ob ich etwas zu Kinderspielen liefern dürfe.» Dieser Anruf sollte der Beginn von Stöcklin-Meiers beispielloser Karriere sein.
Denn in der NZZ erschien kurz darauf tatsächlich eine Doppelseite über Kinderspiele von Stöcklin-Meier. Dann ging es Schlag auf Schlag: Nach Erscheinen des Artikels fragte sie der Flammberg-Verlag an, ob sie nicht ein Buch über Kinderspiele schreiben wolle. Sie sagte zu. «Lebendiges Kreisspiel» hatte in der ersten Auflage 7000 Exemplare, war jahrelang das Standardwerk und Lehrmittel in vielen Seminaren und wurde mehrmals nachgedruckt. Darauf folgte ein Auftrag der Zeitschrift «Wir Eltern». Stöcklin-Meier sollte aus einer Schuhschachtel voll mit gesammelten Versli und Sprüchen ein Buch machen. «Dadurch kam ich zum Sammeln.» 1974 erschien «Verse, Sprüche und Reime für Kinder» im Atlanis-Verlag. Das Buch wurde ihr Bestseller in der Deutschschweiz: Es verkaufte sich über 130 000 Mal.

«Ich bin eine Goldmarie»
In den letzten 30 Jahren sind um die 30 Titel von Stöcklin-Meier erschienen. «Die Aufträge kamen alle zu mir», sagt die 75-Jährige und zieht ihre Schultern hoch, als müsse sie sich für ihren Erfolg entschuldigen. «Ich war nur zweimal an einer Buchmesse und habe auch sonst nirgends mitgemacht. Ich bin eine Einzelnummer.»
Fast jedes ihrer Bücher war erfolgreich. Über eineinhalb Millionen Bücher von Stöcklin-Meier zirkulieren heute in Familien, Kindergärten und Grundschulen – die Übersetzungen nicht mitgezählt. Denn ihre Bücher wurden ins Holländische, Ungarische, Polnische, Spanische und manche sogar ins Koreanische und Chinesische übersetzt. Olivier Michel war zwischen 1984 und 1987 Chefredaktor von «Wir Eltern». Er erinnert sich: «Als ich Susanne Stöcklin-Meier in den 1980er- Jahren kennengelernt habe, war sie bereits die Grande Dame der Kinderspiele. Sie galt schon damals als eine der erfolgreichsten Buchautorinnen. In diesen Jahren war eine Buchauflage von 5000 Exemplaren schon sehr gut, Susanne Stöcklin-Meier lag mit ihren Werken schon weit über dieser Marke.» Unterhält man sich mit Stöcklin-Meier, deutet jedoch nichts darauf hin, dass man mit einer der erfolgreichsten Buchautorinnen der Schweiz spricht. «Ich bin eine Goldmarie», sagt sie selbst zu ihrer Erfolgsgeschichte. Damit trifft sie ins Schwarze: Es hätte nicht irgendein Experte kommen und all diese Erfolgsbücher schreiben können. Dazu war eine Frau wie Stöcklin-Meier nötig, die – wie Goldmarie – genauso fleissig wie bescheiden ist. Olivier Michel erklärt den Erfolg von Susanne Stöcklin-Meier so: «Sie hatte die Fähigkeit, Spiele ‹mit nüüt als eim sälber› zu erfinden. Sie sagte damals, man müsse spüren, was den Kindern gut tue. Und ich würde heute noch sagen, dass sie diejenige unter uns ist mit dem besten ‹Gschpüri› für das, was den Kindern gut tut.»

Von der Unesco ausgezeichnet
Einen wesentlichen Teil zum Erfolg von Stöcklin-Meieres Büchern trägt ihr Tonfall bei. Selbst als aus der Kindergärtnerin von einst längst eine ausgewiesene Expertin geworden war, schaffte es Stöcklin-Meier, nie schulmeisterlich zu wirken – sei es schriftlich in ihren Büchern oder sei es mit ihrem Auftreten an Vorträgen, Workshops und Seminaren. 80 bis 100 solche Aufritte hatte sie pro Jahr. «Heute halte ich natürlich nicht mehr so viele Vorträge, aber ich könnte, wenn ich wollte», sagt die 75-Jährige. Immer öfters ist sie jetzt in Altersheimen anzutreffen – als Referentin, versteht sich. «Ich erzähle alles vom Fingervers bis zum Märchen. Am liebsten halte ich solche Vorträge in Altersheimen zusammen mit Kindern, das sind immer sehr schöne Begegnungen.»
Man müsse mit Kindern situativ arbeiten, und das könne man nur, wenn man einen grossen Rucksack voller Ideen hat. Wie gross wohl der Rucksack von Stöcklin-Meier ist? «Ich kann zwei bis drei Tage am Stück schwatzen, Spiel-Verse zeigen, Papier falten oder Märchen erzählen ohne Spickzettel», sagt sie schmunzelnd. Die Unesco-Kommission Schweiz hat Stöcklin-Meier 2009 als Autorin ausgezeichnet für die lebenslange Leistung, das immaterielle Kulturerbe für die Gemeinschaft der Kinder gesammelt zu haben. «Durch ihr Schaffen wurde dieses geistige Kulturgut von einer Generation zur anderen weitergereicht und lebendig erhalten», so die Begründung der Unesco.
Reich geworden ist sie nicht: «Mit Büchern wird man nicht reich. Es gab aber eine Zeit, da habe ich als Schweizer Hausfrau nebenher gut verdient.» Stöcklin-Meier wohnt immer noch in ihrem Haus in Diegten BL, wo sie mit 21 hingezogen ist und eine Familie gegründet hat. Sie hat zwei Töchter grossgezogen, beide sind mittlerweile über 50 Jahre alt, die eine ist selbst schon Grossmutter von fünf Enkelkindern. «Ich möchte so lange, wie ich kann, in diesem Haus bleiben», sagt die 75-Jährige und bezeichnet ihr Zuhause als «offenes Haus mit Gästen». Zwei Zimmer hat sie nach dem Tod ihres Mannes vor vier Jahren so ausgebaut, dass Freunde und Bekannte, die teilweise von weither anreisen, bequem bei ihr übernachten können.

Grosseltern haben es gut
Was haben denn die Grosseltern für eine Rolle in der Vermittlung der Versli und Geschichten? Viele Grosseltern sind noch mit der Tradition von Versli, Märchen und dergleichen aufgewachsen. Auf diesen Fundus können sie zurückgreifen, ist Stöcklin-Meier überzeugt. Das A und O beim Vortragen eines Verslis ist natürlich, dass man dieses auch präsentieren kann. «Wenn man es nicht auswendig kann, dann druckt man es gross aus und legt es als Spick auf den Tisch», sagt Stöcklin-Meier ganz pragmatisch. Man beginnt mit einem oder zwei Versli, das reicht für den Anfang. Der grosse Vorteil der Grosseltern sei, dass sie – anders als die Eltern – nicht die ganze Verantwortung für die Kinder tragen. Grosseltern haben es deshalb gut. Sie dürfen Geschichten erfinden oder Versli vortragen, die Eltern oder gar Pädagogen nicht erzählen würden. «Zum Beispiel auch Versli, die frech, pfiffig oder gar unanständig sind», sagt Stöcklin-Meier und gibt «Die grosse und die kleine Gans» zum Besten.

Die grosse und die kleine Gans

Es war einmal eine grosse Gans; so gross!
(mit den Händen Grösse angeben)

Die hatte eine kleine Gans: so klein!
(mit den Händen Grösse angeben)

Da sagte die grosse Gans zur kleinen Gans
«Du, geh mir ja nicht in das Wasser hinein!»
(mit dem Zeigefinger drohen)

«Oh nein!» sagte die kleine Gans zur grossen Gans
(mit dem Kopf verneinen)

und schwups sprang sie ins Wasser….
(mit der Hand Tauchbewegungen machen)

Da kam ein grosser Fisch geschwommen: so gross!
(mit Armen und Händen Grösse angeben)

Der sperrte sein Maul auf: so gross!
(mit Armen und Händen Grösse angeben)

Und als er das kleine Gänschen sah,
machte er schnapp und verschluckte es.
(mit Mund Schluckbewegungen nachahmen)

Die grosse Gans suchte die kleine Gans,
und konnte sie nicht finden.
Da fing sie an zu weinen!
(Augen reiben, herzzerbrechend heulen!)

Und konnte das Gänschen nirgends finden.
Da bekam das Gänschen im Magen des Fisches
Schluckauf,
(die Kinder bewegen die angewinkelten Ellenbogen wie kleine Flügel auf und zu und sprechen dabei:)

«Higgs, higgs, higgs!»

Die Flügel kitzelten den grossen Fisch so stark
im Magen, dass er rülpsen musste,
(die Kinder versuchen alle so laut wie möglich zu rülpsen)

Und wupps spuckt der Fisch das kleine Gänschen aus.
Das schwimmt blitzschnell zur Mutter zurück
und ist nie mehr allein im See verschwunden!

Bei der Stelle «dass er rülpsen musste…» holt die 75-Jährige zweimal kurz Luft und rülpst. «Grosseltern dürfen das», sagt sie, lacht und beendet das Versli. Sie erklärt: «Kinder müssen auch lernen, dass Handlungen Folgen haben und dass in der Natur eigene Gesetze herrschen. Im Beispiel von der grossen und der kleinen Gans ist es für die Kinder beruhigend und tröstend zugleich, dass die grosse Gans nach dem Verschwinden des kleinen Gänschens sehr weinen muss und echt traurig ist. Die Hauptsache beim Versli-Vortragen ist jedoch, dass man zusammen lachen und Nähe zulassen kann.» Auch hierzu hat die Expertin treffende Beispiele parat:

Zwei Messer im Rücken

Zwei Messer im Rücken,
(der aktive Spieler»sticht» dem sitzenden die Zeigefinger in den Rücken)

Spinnen im Haar,
(mit allen zehn Fingern sanft auf der Kopfhaut kraulen)

Blut fliesst hinunter,
(mit den Fingerspitzen langsam und behutsam über Wangen und Hals
streichen)

Dracula ist da!
(mit beiden Händen den passiven Spieler an den Schultern packen)

 

Der Vers wird zu zweit gespielt. Der passive Spieler sitzt auf einem Stuhl und der aktive steht hinter dessen Rücken. Die Rollen werden nachher gewechselt. «Laut Freud brauchen die Kinder diese Art von Spielen», erklärt Stöcklin-Meier, «er nennt sie ‹das süsse Spiel mit der Angst›». Eine besondere Nähe zum Kind ensteht auch bei den sogenannten Kniereitern. Bei denen das Kind auf den Knien der Grossmutter oder des Grossvaers reiten. «Beim Kniereiter schafft die Bewegung den Bezug vom Kind zum Gesagten, und so auch vom Ich zum Du.», sagt Stöcklin-Meier. Kniereiter begeistern Kinder schon ganz früh.

Joggeli chasch ou ryte?

Joggeli chasch ou ryte?
Ja, ja, ja.
(«Joggeli» unterstreicht seine Antworten mit Kopfnicken)

Hesch d Bei uf beide Syte?
Ja, ja, ja.
(Kopfnicken)

Hesch äm Rössli z ässe gä?
Ja, ja, ja.
(Kopfnicken)

Hesch em Rössli z trinke gä?
Nei, nei, nei.
(mit dem Kopf verneinen)

De ryte mer zum Brunne
und ryte drümol ume,
do macht das Rössli tripp, tripp, trapp
und wirft dr Joggeli hinde ab!
(Reittempo gegen Ende des Verses, vor dem «Abwerfen», beschleunigen. Selbstverständlich hält man das Kind an beiden Händen fest und lässt es zum Schluss über die Knie nach unten gleiten.)

Durch die Bewegung lernt das Kind spielerisch den Rhythmus der Sprache kennen. «Der Weg vom Kniereiter oder sonst einem Vers bis zum Erzählen eines Märchens ist ein direkter», sagt Stöcklin-Meier. Das Erzählen ist für die Sprachentwicklung eines Kindes ungemein wichtig. Und die Sprache wiederum ist der zentrale Baustein der Kommunikation und somit unerlässlich für die Bildung und geistige Entwicklung der Kinder. Diese Feststellung gilt heute längst als Binsenweisheit – auch dank der Pionierarbeit von Susanne Stöcklin-Meier. Heute gibt es landesweite Pro­jekte, die sich der Sprachförderung der Kinder verschrieben haben. Und das ist wichtiger denn je, findet Stöcklin-Meier, denn mit dem heutigen Medienkonsum der Kinder sei die Sprachentwicklung der Kinder sehr in Gefahr. «Fernsehen macht dumm, dick und aggressiv», sagt sie. Ihr ist klar, dass das eine überspitzte Formulierung ist. «Aber es ist trotzdem einiges Wahres daran, den Medienkonsum der Kinder muss man drosseln», findet sie. «Denn nur von Mensch zu Mensch kannst du adäquat auf das Kind eingehen: Beim Erzählen da Pausen machen, wo es nötig ist, etwas näher erklären, wenn das Kind unverstehend dreinschaut.»
Sie verteufelt die neuen Medien nicht pauschal. Sie hat selbst mit 60 Jahren den Computer und das Internet entdeckt und kann sich ein Leben ohne diese Hilfsmittel heute kaum mehr vorstellen: «Das eröffnet mir in meinem kleinen Dorf das Tor zur grossen, weiten Welt». Und dann googelt sie ihren Namen und liest vor: «Ungefähr 24800 Ergebnisse», sagt sie, lacht ungläubig und fügt an: «Das ist doch Wahnsinn! Aber ich sage ja: Ich bin eine Goldmarie.» •

Natürlich hat Stöcklin-Meier auch eine Webseite, auf der all ihre Werke aufgelistet sind: www.stoecklin-meier.ch, auch der Bestseller von Susanne Stöcklin-Meier: «Verse, Sprüche und Reime für Kinder» Orell Füssli Verlag.