Das Schlusswort von Francois Höpflinger: Die Zukunft war auch schon besser

Jahrzehntelang ging man davon aus, dass es den eigenen Kindern und Enkelkindern dank gesellschaftlichen Fortschritten besser ginge als einem selbst. Tatsächlich profitierten nachkommende Generationen lange Zeit von besseren Bildungsmöglichkeiten und von mehr beruflichen Optionen. Zeitweise war die intergenerationelle Mobilität (der soziale Aufstieg junger Menschen im Vergleich zu ihren Eltern und Grosseltern) in der Schweiz sogar höher als in den USA. Auch die festgestellte Ausdehnung der gesunden Lebensjahre wies auf verbesserte Lebensverhältnisse hin. Die Finanzkrise ab 2008, die sichtbar negativen Folgen eines von Menschen verursachten Klimawandels und schlussendlich die Covid-19-Pandemie und die damit einhergehende wirtschaftliche Krise haben den Zukunftsoptimismus gebrochen. Besonders konkret erfahren dies etwa intergenerationell geführte Familienbetriebe, deren Überleben bedroht ist. Die explodierende Staatsverschuldung – so notwendig sie in der gegenwärtigen Lage ist – wird nachkommende Generationen jahrelang belasten.
Bei genauerer Betrachtung wird deutlich, dass der Zukunftsoptimismus früherer Jahrzehnte auf einem einfachen (und zu einfachen) Prinzip basierte: je mehr, desto besser. Je mehr produziert und konsumiert wird, desto besser ist es für Wirtschaft und Gesellschaft. Immer mehr weite Flugreisen für immer mehr Menschen immer billiger war das Ideal, ebenso die Ausweitung von kleinen Open-Air-Konzerten zu Mega-Veranstaltungen, die in Abfallbergen endeten. Schon in den 1990er-Jahren wurden Konzepte einer Post-Wachstumsgesellschaft vorgestellt, diskutiert und politisch weggeschoben. Die aktuelle Krise zwingt (erneut) zum Umdenken. Das Wirtschaftsmagazin «The Economist» (vom 2. Mai 2020) geht davon aus, dass auch nach Bewältigung der Covid-Pandemie mit einer 90%-Economy zu rechnen ist, d. h. mit einer Wirtschaft, die nur bedingt oder sehr langsam den Produktionsstand wie vor der Pandemie erreichen wird.
Die letzten Monate haben – trotz aller Krisenelemente – in einigen Bereichen ein Umdenken und neue Zukunftsoptionen ausgelöst. Kleine Dorfläden gewannen Kundschaft. Selber kochen und backen wurde salonfähig und teure Ticketkonzerte wurden durch Balkon-Gesänge ersetzt. Die allgemeine Zukunft bleibt unsicher bis bedrohlich, aber mehr Personen aller Generationen realisieren, dass Einschränkungen auch kreative Prozesse stimulieren können. Dabei kann sich – zumindest teilweise – ein Trend weg von einer organisierten Massen-Spassgesellschaft zu einer intergenerationell getragenen Sinngesellschaft entwickeln. Wichtig für einen kreativen Umgang mit Krisen ist allerdings, dass die älteren Generationen sich nicht zu nostalgisch an frühere unbegrenzte Konsum- und Spassfreiheiten klammern, sondern gemeinsam mit jungen Menschen die kreativen Chancen von Verzichten nutzen; sei es im Umgang mit Pandemien, sei es zur Verhinderung von Klimaschäden. •

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