Von Karin Dehmer

Die Jahreszeiten kennen keinen Lockdown. Nach einem besonders prachtvollen Frühling ist jetzt auch der Sommer bei uns angekommen. Während man im April noch dachte, die Sommerferien 2020 würden wegen Corona gestrichen, sieht es mittlerweile ganz danach aus, als könnten die geplanten Ferien ins nahe Ausland doch noch angetreten werden. In unserem Dossier ab Seite 46 über die heutige Generation Gross­väter erfahren wir, wie Franz Affolter vor einigen Jahren mit fünf Enkelkindern allein nach Frankreich reiste. Ich war beeindruckt, als ich das las. Und dann fragte ich mich, ob es mich ebenso beeindruckt hätte, wenn dasselbe Unterfangen von einer Grossmutter getätigt worden wäre?
Ja, heutige Grossväter sind fitter und engagierter (und unter Umständen genau deshalb oft noch voll berufstätig) als Grossväter früherer Generationen. Gross ist unsere Bewunderung für die windelwechselnden, schlafliedersingenden und rundumbetreuenden Opas, während die Omas genau dasselbe immer schon getan haben. Ich freue mich also, hält eine Form von Gleichstellung vermehrt auch bei der Enkelbetreuung Einzug.
Zum Abschluss eines offenen Gesprächs mit einem weiteren porträtierten Grossvater hätte ich diesem gern die Hand geschüttelt, ein pandemiebedingtes No Go. In «Berühren verboten» auf Seite 34 erfahren wir von Neuropsychologe Lutz Jäncke, dass wir vermutlich ganz davon abkommen werden, einander die Hand zu geben. Lutz Jäncke sagt zudem: «Was die drei Küsschen betrifft, so werden diese sicherlich mehr im intimen und familiären Bereich gepflegt und nicht mehr nahezu metastatisch bei jedem auch nur so entfernt Bekannten.» Darüber bin ich erleichtert. Ich konnte der Schmatzerei noch nie viel abgewinnen.
Wie aber begegnen wir in Zukunft Menschen, mit denen wir nicht im Umarmungs-Modus verkehren? Werden wir zum Nasen- oder Stirnreiben übergehen, ähnlich der Inuit oder Maori (Hilfe, Mundgeruch!) oder zum yogischen Namastegruss, den ich auf der Yogamatte sehr gern mag, im Umgang im Alltag allerdings als etwas zu distanziert empfände? Ich mag den Händedruck. Die Art, wie einem die Hand gedrückt, geschüttelt, geschwungen oder bloss lahm hingehalten wird, sagt so vieles aus über den Menschen am Ende des ausgestreckten Arms, über dessen Sympathie oder Desinteresse, über die Intensität oder Flüchtigkeit einer Begegnung. Ich hoffe einfach, dieses unbeholfene «Tütschen» der Ellbogen wird nicht das Rennen machen.
Man kann es also auch so sehen: Wir erleben gerade nicht nur die erste weltweite Pandemie seit 100 Jahren, sondern gehören zur prägenden Masse der Veränderung eines Jahrhunderte alten Rituals.
Geniessen Sie den Sommer, liebe Grosseltern.•


Karin Dehmer berührt gern andere Menschen, was ihr zu Pandemiezeiten immer wieder Zurechtweisungen von Freunden und Kollegen einbringt.
karin.dehmer@grosseltern-magazin.ch

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