Ein Museum für Kopf, Hand und Herz

Grossvater Hans Abplanalp (71) testet mit fünf seiner acht Enkelkinder das Museum für Kommunikation in Bern. Er und die Kinder sind begeistert.

Von Hans Abplanalp (Text) und Matthias Luggen (Fotos)

Vor etwa zwanzig Jahren organisierte ich für mein Lehrer-Kollegium einen Fortbildungstag im Museum für Kommunikation: Es war ein voller Erfolg, der etliche Klassenbesuche zur Folge hatte.

Jetzt ist das Museum fachgerecht modernisiert worden und begeistert mich erneut, ganz im Sinne von Pestalozzis «Kopf – Hand – Herz». Mit fünf Enkelkindern zwischen fünf und neun Jahren habe ich es besucht und jene Stationen herausgegriffen, welche auf ihr Alter zugeschnitten sind.

Gleich hinter dem Eingang liegt eine riesige runde Platte mit einem Labyrinth. Wir verteilen uns rundherum und versuchen, eine Kugel ins Ziel zu rollen. Dazu müssen wir kommunizieren: einander zurufen, helfen, die Bewegungen der Platte absprechen, koordinieren. Es dauert eine Zeit lang, bis wir es zusammen schaffen. Spielerische Kommunikation, die den Enkelkindern einiges abverlangt: zurückstehen, sich durchsetzen, Rücksicht nehmen, rufen, schweigen, strahlen, helfen.

Ein besonderer Genuss ist das Gestalten einer Briefmarke. Jedes Enkelkind fotografiert sich selber und wählt danach ein Markensujet aus, in das es sein eigenes Gesicht einfügt. Dazu sucht es sich eine Postkarte aus, welche samt Briefmarke ausgedruckt wird. Alle fünf Kinder senden diese nun frankierte Karte samt Unterschrift als Überraschung an Eltern oder Grosseltern: Ein ganz spezielles Souvenir ist entstanden. Und Lou, die Drittklässlerin, schreibt danach zum ersten Mal in ihrer Schulkarriere einen Brief mit Gänsekiel und Tinte.

FASZINATION ROHRPOST

Weitere interaktive Stationen sprechen die Kinder sofort an, wie etwa das Filmkaraoke, wo sie eine einfache Filmszene nachspielen und -sprechen und danach das Resultat auf einem Bildschirm ansehen können. Oder sie senden sich gegenseitig per Rohrpost Kurznachrichten oder eine kleine Zeichnung. Davon können sie fast nicht genug bekommen. Lou, Yarin, Florence, Emilie und Nino machen bei einem weiteren Posten je ein Selbstporträt (Selfie). In einem besonderen Apparat in der Digitalabteilung drucken sie dann ihre Fotografien aus und 
integrieren sie in eine Gesichtswand.

Ratatösk heisst das Eichhörnchen in der nordischen Mythologie, welches Nachrichten auf dem Weltenbaum übermittelt. Auf zwölf Holztüren jeglicher Grösse ist es abgebildet, verstreut im ganzen Museum. Meine Enkelkinder öffnen verschiedene solcher Türchen und entdecken dahinter immer ein Spiel: Puzzle, Memory, Pixelspiel, Erinnerungen ertasten, Geräusche zuordnen. Es sind diese abwechslungsreichen Tätigkeiten, welche vor allem die jüngsten Museumsbesucher ansprechen, ich würde meinen, ab ungefähr drei Jahren.

DIGITAL UNBESCHWERTE ENKELKINDER

Ältere Kinder, Jugendliche und Erwachsene können zum Beispiel ihre Empathie für andere Menschen überprüfen oder sich mit den Fragen auseinandersetzen: «Ist Lachen gut?» – «Ist Lügen schlecht?» Oder an einem lebensgrossen Bildschirm versuchen herauszufinden: «Passen wir zwei zusammen?» Oder sich bewusst werden, wie sich die Kommunikation bei Säuglingen entwickelt: Gehör – Gesichtsausdrücke – Gerüche – Blickkontakt – Stimme. Diese interaktiven Posten verlangen natürlich neben der Lesefähigkeit ein gewisses Verständnis für anspruchsvollere Gedanken, auch wenn die spielerische Komponente nie fehlt.

Und wer als Grossvater oder Grossmutter bei Bildschirmen, Touchscreens und andern elektronischen Geräten Bedienungshilfe benötigt, dem gehen entweder digital unbeschwerte Enkelkinder zur Hand oder aber die Ausstellungsbetreuerinnen und -betreuer. Ich konnte von diesen Helfern vor allem im Teil «Datacenter» profitieren, wo Jugendlichen und Erwachsenen gezeigt wird, wie wir heute unser digitales Leben gestalten: zum Beispiel die Chancen und Risiken des Internets, von Facebook, Twitter oder Instagram. Mittel- und Oberstufenschüler werden in dieser Abteilung ihre wahre Freude haben und gleichzeitig Gedankenanstösse erhalten.

DREI HITS FÜR MEINE ENKELKINDER

Diese drei Museumsereignisse haben allen Enkelkindern besonders gefallen und sie in den Bann gezogen.

1. In in Frankreich entwickelter Roboter, Grösse Kleinkind, mit welchem die Kinder Hand in Hand spazieren können und … mehr sei hier nicht verraten. «Am besten hat mir der Roboter gefallen», sagte jedes der fünf Enkelkinder, unabhängig vom andern, nach dem Museumsbesuch. Die Faszination für dieses kleine Wesen und dessen Möglichkeiten der Kommunikation ist begreiflich, die kritische Auseinandersetzung mit den Vor- und Nachteilen künstlicher Intelligenz für diese ganz junge Generation natürlich noch nicht möglich.


2. Unsere Betreuerin öffnet uns ein altes Postauto, in welchem wir Platz nehmen und ans Steuerrad sitzen dürfen. Einfach so, nostalgisch, aber eben speziell.



© Museum für Kommunikation

3. Und da ist noch dieses ausgebrannte Auto ausgestellt – vom berühmtesten Schweizer Postüberfall, als 53 Millionen Franken gestohlen wurden. Die ganze Geschichte beeindruckt die fünf Enkelkinder und wirft bei ihnen Fragen auf.

VIELE GROSSELTERN

Schon beim Vorbereitungsbesuch ist mir aufgefallen, wie viele Grosseltern mit ihren Enkelkindern dieses Museum besuchen. Wahrscheinlich genügt ein Halbtag, um die Kinder nicht zu überfüttern oder zu überfordern. Mehrmaliger Besuch ist für Fans angebracht. Und so verlassen wir begeistert das Museum, welches den Europäischen Museumspreis 2019 erhalten hat – zu Recht, wie ich meine, denn es macht Kommunikation erlebbar, auf überraschende Art und Weise. Die Enkelkinder kommen sicher alle paar Jahre wieder, sei dies mit ihren Eltern – oder mit mir. •

INFOS
Das Museum ist Dienstag–Sonntag von 10–17 Uhr geöffnet.
Eintritt für Kinder bis 6 Jahre: gratis
Kinder 6–15 Jahre: 5 Franken
Erwachsene 15 Franken
AHV, IV, Studierende, 16–25 Jugendkulturpass: 10 Franken.

Besondere Veranstaltungen: www.mfk.ch

EUROPÄISCHER MUSEUMSPREIS 2019
Das Museum für Kommunikation erhielt den Museumspreis 2019 des Europarats. 
Die Begründung der Jury: Es ist «ein eindeutig sehr interaktives, alle Sinne ansprechendes, beteiligungsorientiertes, zugängliches, 
spielerisches, offenes und demokratisches Museum».


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