Eine Familie als Dorf

Von Martina Seger-Bertschi (Text) und Nina BRUUN (Foto)


Wie Generationen zusammenwohnen, beleuchten wir in einer Serie. Diesmal zu Besuch bei Ursi und Peter Michel im Zweifamilienhaus in Weinfelden. 


«Hier haben wir einen Garten, sind für uns und doch mittendrin»: Ursi und Peter Michel mit Tochter Sascia, Schwiegersohn Daniel und den Enkelkindern Lela, Elia und Ruben.

Dienstagnachmittag auf dem Heimweg: Die Viertklässlerin Noela steigt die Treppe zur Haustür ihrer Grosseltern hinauf und guckt zum Küchenfenster rein. Ursi öffnet das Fenster, ein paar Worte werden gewechselt und die Oma reicht Noela ein Stück Gugelhopf heraus. Auch wenn die Grosseltern-Treppe für Noela und ihre Schwester ein Umweg ist, nehmen die Kinder, die im Nachbarhaus wohnen, meistens diese Route. «Damit sie den Kontrollblick machen können», sagt Opa Peter augenzwinkernd. Zwei weitere Geschwister sind bereits Teenager und bei den Grosseltern ab und zu auf Besuch. 

Cousine Lela, auch in der vierten Klasse, und ihre jüngeren Brüder Elia und Ruben haben es praktisch: Ihr direkter Heimweg geht am Oma-Opa-Küchenfenster vorbei, weil sie im gleichen Haus wohnen wie die Grosseltern. Vom gemeinsamen Eingang geht’s für die Kinder nochmals eine Treppe hoch zu ihrer Wohnungstüre. Die Türe der Grosselternwohnung ist auf der gleichen Ebene wie der Hauseingang. Direkt neben der Türe, die in den Keller führt, den sich die drei Generationen teilen. «Für uns ist ein Traum in Erfüllung gegangen. Wir hatten schon immer eine offene Haustür. Hier haben wir einen Garten, sind für uns und trotzdem mittendrin», sagt Ursi Michel, und ihr Mann Peter ergänzt: «Es braucht einfach Toleranz, jeder macht es anders, jede Generation macht es anders.» Ursi fügt hinzu: «Und die heutigen Eltern haben es streng, um Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen.» Verständnis und Respekt füreinander sind in diesen Worten spür- und hörbar. 

Es gibt zwei Anfänge und glückliche Fügungen, dass die älteste Tochter mit Familie nebenan im Haus namens Waldruh wohnt und die jüngste Tochter mit Familie im Zweifamilienhaus. 1992 war der erste Anfang, als Ursi und Peter Michel das Haus Waldruh in Weinfelden kauften. Vorher wohnten sie etwas abgelegen auf einem Bauernhof im Nachbardorf. Sascia war sieben und begann nach dem Umzug die Schule in Weinfelden. Ihre älteste Schwester Angela war elf Jahre alt, dazwischen Bruder Damian und Schwester Carina. 

Der zweite Anfang war vor 20 Jahren, als Sascia nach der Lehre als Floristin in jene Wohnung zog, in der sie immer noch wohnt. Zuerst in Wohngemeinschaften, später mit ihrem heutigen Mann. Die Vermieter lebten in der jetzigen Wohnung von Ursi und Peter Michel und sagten bald zu ihnen, dass sie das Haus altershalber gerne einmal abgeben möchten. Auch wenn dieser Zeitpunkt früher kam als gedacht, war es für das Ehepaar möglich, das Zweifamilienhaus zu erwerben. Sie bauten um und an, «damit wir einen Raum für einen Tisch haben, an dem alle miteinander essen können». Alle? Das sind Sascia mit ihren drei Kindern, die älteste Schwester Angela mit ihren vier Kindern und Carina, die einige Autominuten entfernt mit ihren zwei Kindern wohnt. Je nach Arbeitsplan ist Sascias Mann auch dabei. Das Kochen übernehmen Angela und die Grosseltern abwechslungsweise. Sind sie in den Ferien, findet dieser Mittwoch-Mittagstisch trotzdem statt und eine der Töchter kocht. «Mittwoch ist der Tag für uns Mütter, um Termine wahrzunehmen, weil immer mindestens eine erwachsene Person da ist und die Kinderbetreuung übernehmen kann», sagt Sascia.

Während des Umbaus wohnten die Grosseltern mit Sascia und Familie nebenan im Elternhaus. «Das war schon etwas anderes», erzählt Schwiegersohn Daniel. An der jetzigen Wohnform schätzt er, dass man einander unkompliziert aushelfen kann und trotzdem jede Partei eine eigene Wohnungstüre hat. 


Ursi ist seit knapp zwei Jahren pensioniert – sie war immer in Teilzeit berufstätig als Lehrerin für Textiles Werken. «Ich habe das Glück, einen fortschrittlichen Mann zu haben», sagt sie dazu. «Er schaute zu den Kindern, wenn ich am Unterrichten war. Es tat mir gut, mal vom Bauernhof rauszukommen, und die zusätzlichen Finanzen konnten wir gebrauchen.» Als sie Grossmutter wurde, bat sie die Schulleitung, freitags frei zu haben. Peter Michel reduzierte vor 13 Jahren (das älteste Enkelkind ist 15 Jahre alt) auf 80 Prozent, später auf 60. Nun ist er seit sechs Jahren pensioniert. 

Elia ist nach Hause gekommen. Er sei der Gärtner der Familie, wisse bereits, was zu jäten sei, was nicht und sage dies auch seinem Gotti, die nebenan wohnt, erzählen die Erwachsenen. Elia nickt und schmunzelt verlegen in seiner Handwerker-Jacke. Darauf ist der Name der Gärtnerei seines Onkels – der im Toggenburg lebt – aufgedruckt. Mit dem Garten hat es zu tun, wer von den drei Parteien wo wohnt. Angela hat sich schon bald vorstellen können, mit ihrem Mann das Elternhaus zu übernehmen. «Zu diesem Haus gehören 5000 Quadratmeter Land», sagt Peter Michel, «das ist nicht für alle machbar.» Der Wunsch nach weiterhin eigenem Garten und Sitzplatz ist der Grund, weshalb die Grosseltern unten wohnen, obwohl es lärmtechnisch umgekehrt logischer wäre. Ursi und Peter Michel ist es wichtig, dass sie trotz ihren Aufgaben regelmässig in die Ferien gehen können. Als Ursi fünfzig wurde und nach ihrer Pensionierung waren die Grosseltern zwei Monate mit dem Wohnmobil unterwegs. «Klar haben wir nach einer gewissen Zeit Heimweh nach den Kindern», sagt sie lachend. Die Grosseltern erzählen, dass sie auch schon verreist seien, obwohl das Heu noch auf der Wiese gelegen sei. Tochter Sascia betont: «Es ist klar, dass wir auch so einander helfen.» 

Wenn die drei Generationen aus ihrem Nähkästchen plaudern, tönt alles einfach. Herzlich. Schön. Und doch: Wo Menschen sind, gibt es Konflikte. Darauf angesprochen, reagieren die Erwachsenen gelassen; sie hätten das Glück, in vielem ähnliche Ansichten zu haben. Gebe es mal Unstimmigkeiten, sprächen sie es an. Zum Beispiel? Kürzlich fuhren die Enkelkinder mit den Velos durch den Garten und liessen die Velos anschliessend rumliegen. Die Grosseltern suchten das Gespräch und liessen die Kinder wissen, dass es ihnen wichtig sei, dass Sachen nach Gebrauch jeweils an ihrem Ort versorgt werden. Tochter Sascia sagt dazu, dass die Kinder solches oft besser von den Grosseltern annähmen als von den Eltern. Haben die Grosseltern Besuch, schauen die Enkelkinder gern rein: «Sie dürfen kurz ‹gwundere› kommen und dann sage ich ihnen, dass es nun Zeit sei, wieder zu gehen», erzählt Oma Ursi. 

Die Grosselternwohnung hat Küche, Stube, Bad, Schlafzimmer, Büro und ein Enkelzimmer. Dort schlafen die Enkelkinder, wenn sie mal zu ihnen in die Ferien kommen. Notabene nicht nur diejenigen, die im Toggenburg wohnen. Auch Lela, Elia und Ruben packen manchmal ihr Köfferchen, um einen Stock weiter unten bei ihren Grosseltern zu übernachten. Und wenn sie krank sind, verbringen sie den Tag oft auf dem Sofa der Grosseltern.


«Es braucht einfach Toleranz, jeder macht es anders, jede Generation macht es anders.»


Wo sehen die Michels ihre Zukunft? «Wir bleiben hier, bis wir sterben», sagt Ursi lachend. Wohlweislich haben sie die Wohnung als Alterswohnung umgebaut. Das Badezimmer ist rollstuhlgängig, beim Absatz in die Küche ist es möglich, eine Rampe einzubauen. Und wie sieht es aus mit der Treppe zur Haustüre? «Da könnten wir auf der anderen Hausseite einen Rollstuhl-Lift zum Balkon anbauen», antwortet Peter. Tochter Sascia ergänzt: «Es gäbe ja dann viele helfende Hände, so könnten wir auch etwas zurückgeben.» 

«Ich höre in meinem Umfeld oft, dass Gross­eltern sich beklagen, die Enkel kämen nicht vorbei», erzählt Peter Michel. «Aber die Beziehung lässt sich nicht erst aufbauen, wenn die Kinder zehnjährig oder älter sind.» – «Oder wir werden gefragt, wie es sei, so zu leben, und hören, dass andere Leute Hemmungen oder Befürchtungen haben, etwas Ähnliches umzusetzen», sagt Ursi Michel. «Wir haben eine Aufgabe und können im Kleinen etwas bewirken. Es gibt ja dieses Sprichwort, um ein Kind aufzuziehen, braucht es ein ganzes Dorf. Ich wünsche auch anderen jungen Eltern, dass sie sich so ein Dorf schaffen können.»


Dieser Artikel erschien im Grosseltern-Magazin 02/2025