Seit jeher werden Kinder von Erwachsenen in den Schlaf begleitet, und vieles an unseren Einschlafritualen hat die vergangenen Jahrhunderte fast unverändert überdauert. Einiges ist dennoch neu am allabendlichen Abschied. Nicht immer teilen Eltern und Grosseltern ihre Ansichten dazu.

Von Ümit Yoker (Text) und Irene Meier (Illustration)

In der Wohnung meiner Grossmutter gab es keine Heizung, und doch kann ich mich nicht erinnern, dass ich je gefroren hätte. War ich mit meiner Mutter zu Besuch bei ihr im Appenzell, steckte mein Grosi den kleinen Heizstrahler neben dem Sofa ein, und wenn wir abends unter die Decke schlüpften, war unser Bett immer schon warm. In diesen Nächten teilte ich das Bett mit meiner Mutter, wir schliefen im Ehebett meiner Grossmutter. Sie selbst benutzte es nicht mehr, seit sie alleine mit meinem Onkel lebte, sondern schlief nebenan in einer kleinen Kammer. Das Ehebett füllte das Zimmer, in dem es stand, fast vollständig aus, der mattgoldglänzende Überwurf verlieh ihm etwas Königliches, eine Heizdecke sorgte für die Wärme. Selten sank ich als Kind wohliger in den Schlaf als in diesen Winternächten bei meiner Grossmutter.

Viel Raum für Nähe und Magie

Der Übergang vom Wachen zum Schlafen ist eine besondere Zeit. Wenn es abends still wird im Kinderzimmer, wenn sich der Tag zurückzieht, ist auf einmal viel Raum da für Nähe und Magie. Geschichten und Gespräche entfalten eine ganz besondere Wirkung in dieser dichten Atmosphäre. Es sind oft Momente grosser Innigkeit, die wir auch als Erwachsene noch fest in uns tragen.
Kinder wurden schon immer von den älteren Menschen um sie herum in den Schlaf begleitet – seien es Eltern oder Geschwister, Grosseltern oder Kammerzofen. «Kindliche Einschlafrituale sind ein universelles Phänomen», schreibt Christiane Schurian-Bremecker, Professorin für Soziale Arbeit an der CVJM-Hochschule in Kassel, in ihrer Habilitationsschrift. Sie hat darin die Einschlafrituale deutscher und türkischstämmiger Familien in Deutschland miteinander verglichen. «Der abendliche Abschied ist mit vielen Ängsten und Zweifeln verbunden – Rituale vermitteln Vertrauen, Geborgenheit und Sicherheit.» Selbst Babys schlafen besser, wenn das Zubettgehen immer die gleichen Handlungen umfasst, wenn ein Bad den Tag abschliesst oder Papi nach dem Schoppen noch ein Lied singt. Es macht die Schlafenszeit voraussehbar.

Rituale vermitteln Sicherheit, aber auch Normen

Das Einschlafritual, wie es viele von uns aus der eigenen Kindheit kennen und den eigenen Kindern und Kindeskindern weitergegeben haben – der feste Ablauf von Pyjamaanziehen, Zähneputzen, Bisimachen, Gutenachtgeschichte, Schlaflied oder Gebet –, ist noch nicht allzu alt. Es entstand als eine der vielen Konsequenzen der Aufklärung beziehungsweise des damals neuen Blicks auf das Kind: Kindheit war nun zum ersten Mal nicht mehr ein defizitäres Stadium auf dem Weg zum Erwachsenwerden, sondern wurde zu einer Phase eigenen Rechts. Auch die Umgebung des Kindes wurde entsprechend mehr und mehr auf dieses ausgerichtet. Spielsachen, Bücher und Geschichten sollten nicht nur unterhalten, sondern den Kindern auch Wissen und Werte vermitteln.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts entstanden in den Familien des Bürgertums schliesslich die ersten Kinderzimmer. Zum ersten Mal in der Geschichte schliefen Kinder jetzt nicht mehr mit Erwachsenen im selben Raum. Selbst an den Adelshöfen, wo sie schon früher ihre eigenen Wohnbereiche hatten, hatten Kinder die Nächte stets mit Kammerfrauen oder Erziehern verbracht, wie Schurian-Bremecker schreibt. Nun aber gingen sie zu anderen Zeiten und in anderen Räumen ins Bett als die Erwachsenen; sie bekamen nicht mehr alles mit, was die Gros-
sen abends besprachen, was die Grossen nächtens taten. Dies zog auch neue Einschlafrituale nach sich. Der allabendliche Abschied am Bettrand sollte Sicherheit und Geborgenheit vermitteln, aber auch das Familienleben strukturieren, Traditionen transportieren und Regeln des Zusammenlebens.
Das Repetitive und das Symbolische an Ritualen mache diese zu einem idealen Gefäss der Wissensvermittlung, sagt Schurian-Bremecker am Telefon. Kurz vor dem Einschlafen sei das Gehirn optimal für die Verankerung von Informationen eingestellt, Geschichten und Normen prägten sich in diesen Momenten besonders gut ein. Zum Schuldrill sollte man das Abendritual aber nicht machen: Die Empfänglichkeit hängt nicht nur damit zusammen, dass andere Ablenkungen wegfallen, sondern auch an der entspannten Atmosphäre, daran, dass das Kind sich wohlfühlt.

Körperliche Nähe spielt eine grosse Rolle

So wie der Tag einst für Lehrertöchter und Ärztesöhne zu Ende ging, tut er es für viele Kinder auch heute noch. Erstaunlich viel ist gleich geblieben an unseren Einschlafritualen in den vergangenen Jahrhunderten – und doch haben sie sich in mancher Hinsicht auch merklich verändert: So hat beispielsweise das Abendgebet seinen unangefochtenen Platz eingebüsst und ist längst nicht mehr so selbstverständlich wie noch ein oder zwei Generationen zuvor. «Gerade Grossmütter haben früher oft das Fundament zur religiösen Erziehung von Kindern gelegt», sagt Schurian-Bremecker.
Eltern und Kinder haben heute zudem eine körperlichere Beziehung zueinander. «Früher war es in den meisten Familien kein Thema, dass sich die Mutter abends zu den Kindern legte oder diese im Ehebett schlafen liess», sagt Beatrice Wyser Dahinden, bis zu ihrer Pensionierung vor einigen Wochen Elternberaterin bei Pro Juventute. Heute sind Familienbett und Beistellbetten vielerorts eine Selbstverständlichkeit. Die Ansichten von Eltern und Grosseltern fallen nicht selten unterschiedlich aus, wenn es um den allabendlichen Abschied geht. Das beginnt schon in den ersten Lebenswochen: Wie häufig soll man Babys herumtragen? Stehen wir seiner Autonomieentwicklung im Weg? Wo und wie findet es am besten in den Schlaf? «Dass man die Dunstabzugshaube laufen lässt, damit das Baby einschläft, wäre für meine Generation unvorstellbar gewesen.»
In der Fachwelt ist man sich heute weitgehend einig: Ein Zuviel an Nähe, an Halten und Tragen kann es in den ersten Lebensmonaten eines Kindes eigentlich nicht geben. Babys sind auf unsere Hilfe angewiesen, um in den Schlaf zu finden. Sie haben nur begrenzte Möglichkeiten, um sich selbst zu beruhigen. Die Sorge, dass man sie damit verwöhnt, ist unbegründet. «Einen Säugling allein in einem Zimmer schlafen zu lassen, ist eine Erfindung des Industriezeitalters», schreibt der Schweizer Kinderarzt Remo Largo im Buch «Kinderjahre». Auch für Kleinkinder sei das nächtliche Alleinsein häufig noch eine Überforderung. Sie brauchten für eine ruhige Nacht nicht die absolute Stille um sich herum, sondern viel eher den regelmässigen Atem eines vertrauten Menschen.

Die Illusion des perfekten Einschlafrituals

Doch muss man sich auch bei einer Fünfjährigen oder einem Achtjährigen noch jedes Mal eine Stunde hinlegen? «Einschlafrituale nehmen heute häufig mehr Zeit in Anspruch», sagt Wyser Dahinden. Das hat auch Schurian-Bremecker in ihrer Forschung festgestellt. Die Wissenschaftlerin macht dafür mehrere mögliche Gründe aus: Zum einen würden Eltern heute tagsüber oft weniger Zeit mit ihren Kindern verbringen; die Zeit vor dem Schlafengehen werde damit zu einer Gelegenheit, dies zu kompensieren und bewusst die Nähe zum Kind zu suchen. Zum anderen teilen Kinder ihr Zimmer heute seltener mit Geschwistern, was das Einschlafen häufig erschwere.
Das Einschlafen werde aber auch rasch zum Problem gemacht, hat Wyser Dahinden in ihren Beratungsgesprächen festgestellt. «Eltern sind schneller verunsichert als früher.» Die Flut an Erziehungsratgebern wecke häufig die unrealistische Erwartung, dass es nur die richtige Methode aufzuspüren gelte – dann klappts auch mit dem Schlafen. «Funktioniert das nicht so wie erhofft, geben sich gerade Mütter häufig die Schuld dafür.» Vielen Eltern falle es schwerer als früher, zwischen den eigenen Bedürfnissen und denen ihres Kindes abzuwägen und Grenzen zu setzen. Muss man nach sechs Gutenachtküsschen auch der Forderung nach einem siebten noch Folge leisten? Darf man das Einschlafritual nicht auch einmal abkürzen, weil man selbst dringend ins Bett müsste?
«Eine möglichst grosse Nähe und Enge in der körperlichen Beziehung wird häufig mit psychischem Wohlbefinden und einer starken Bindung gleichgesetzt», schreibt Largo im Buch «Baby­jahre». Das sei jedoch eine zu einseitige Vorstellung von der Entwicklung des kindlichen Selbstwertgefühls. «Denn nicht nur Geborgenheit, auch Selbstständigkeit ist ein wesentlicher Bestandteil des Selbstvertrauens.» Kinder einfühlsam zu begleiten, bedeute nicht einfach, ihnen das Zepter zu überlassen, ergänzt Wyser Dahinden. «Es geht darum, gemeinsam mit ihnen einen Weg zu finden, der sie in ihrer Entwicklung stärkt und autonom macht.» Man muss Kindern auch etwas zutrauen.

Hauptsache, es passt zur Familie

Aber: «Die heutigen Eltern gestalten die Beziehung zu ihren Kindern auch viel freier und selbstbestimmter», betont Wyser Dahinden. Die Mutter von vier Kindern erinnert sich, wie ihr nach der Geburt der ältesten Tochter in den Siebzigerjahren die Krankenschwester jeweils alle vier Stunden das Baby ins Zimmer gebracht und damit den Stillrhythmus vorgegeben habe. «Das wäre heute undenkbar.»
Auch beim Zubettgehen weiss letztlich jede Familie selbst am besten, was zu ihr passt. «Was zählt, ist, dass das Ritual für alle wichtig ist», sagt Wyser Dahinden. Das bedeutet auch, dass die allabendlichen Abläufe beim Grosi anders aussehen dürfen als zu Hause. «Ein Kind ist von klein auf in der Lage, sich auf das unterschiedliche Verhalten von Mutter, Vater und Bezugspersonen einzustellen», schreibt Largo in «Kinderjahre». Kinder formen Rituale ausserdem oftmals mit oder erfinden ganz eigene. Vielleicht legen sie jeden Abend alle Plüschtiere in derselben Abfolge neben sich ins Bett. Oder sie können – wie der neunjährige Oktay aus der Forschungsarbeit von Schurian-Bremecker – erst einschlafen, wenn Mama die Decke unter der Matratze festgeklemmt hat.
Beatrice Wyser Dahinden lässt den Tag mit ihren Grosskindern heute auf dieselbe Weise ausklingen, wie sie das schon mit deren Eltern getan hat: Die Familie blickt gemeinsam auf die vergangenen Stunden zurück, alle erzählen einander, was ihnen Freude bereitet und was sie geplagt hat. Entscheidend an Einschlafritualen ist nicht, ob sie eine Viertelstunde dauern oder eineinhalb Stunden. Entscheidend ist auch nicht, ob man aus einem Buch vorliest oder ein wenig plaudert. «Entscheidend ist», sagt Wyser Dahinden, «dass wir in diesem Moment ganz bei den Kindern sind.»•


Lektüretipps zum Thema „Einschalfen“

– Remo Largo: «Babyjahre. Entwicklung und Erziehung in den ersten vier Jahren.» Piper Verlag GmbH. München. 2019.
– Remo Largo: «Kinderjahre. Die Individualität des Kindes als erzieherische Herausforderung». Piper Verlag GmbH. München. 2019.
– Christiane Schurian-Bremecker: «Kindliche Einschlafrituale im Kontext sozialer und kultureller Heterogenität.» Kassel University Press. Kassel. 2008.


Tipps zum Vorlesen, Erzählen, Singen, Beten

Vorlesen
Die Gutenachtgeschichte ist der Klassiker unter den Einschlafritualen. Sei es Jim Knopf, Lucky Luke oder Ronja, die Räubertochter, sei es Bobo Siebenschläfer oder der Gorilla, der zur Schlafenszeit alle Zootiere aus den Gehegen lässt: Erwachsene lesen Kindern besonders gerne am Abend vor. Geschichten helfen, zur Ruhe zu kommen und sich auf den Schlaf einzustellen, wie die Wissenschaftlerin Christiane Schurian-Bremecker sagt. Die Beliebtheit der Gutenachtgeschichte zeigt auch, welchen Wert viele Eltern und Grosseltern dem Lesen beimessen. «Die früheste und wichtigste Instanz der Lesesozialisation ist die Familie.» Das allabendliche Vorlesen, das Mitlesen und die Gespräche über Bücher in entspannter Atmosphäre sind prägende Erlebnisse und bestimmen den kindlichen Zugang zur Welt der Bücher entscheidend mit.

Erzählen
Ob in Kyoto, Johannesburg oder im Berner Oberland, schon immer sassen die Erwachsenen abends zusammen und erzählten sich Geschichten – und stets lauschten auch Kinder mit, ob diese nun für ihre Ohren bestimmt waren oder nicht. Oft waren es die Älteren, die von der eigenen Vergangenheit berichteten oder von weit zurückliegenden Mythen und Sagen . Und immer ging es dabei nicht nur um Unterhaltung, sondern auch darum, die Werte und Traditionen einer Gesellschaft weiterzugeben. Noch heute finden Kinder kaum etwas so faszinierend wie das Leben, das ihre Grossväter und Grossmütter gelebt haben. Wenig tröstet mehr als das Wissen, dass auch die Grossen einmal Kind gewesen sind, dass auch sie Ängste hatten und Mut beweisen mussten.

Singen
Singen, für Kinder, mit Kindern, hat seinen festen Platz im Einschlafritual. Schon seit dem späten Mittelalter sind Wiegenlieder belegt, auch wenn damals noch niemand daran dachte, die Texte schriftlich festzuhalten, wie Schurian-Bremecker sagt. Erst als sich im 19. Jahrhundert die Perspektive auf das Kind ändert, rückt auch eine auf dessen Bedürfnisse abgestimmte Kultur in den Fokus. Dichter beginnen nun, bekannte Schlaflieder aus den vorangegangenen Jahrhunderten zusammenzutragen. Fortan werden sie nicht mehr von Dienstboten und Kinderfrauen vorgesungen, sondern von Müttern. Es sind Lieder, von denen viele noch heute jedes Kind kennt: «Der Mond ist aufgegangen», «Weisst du, wieviel Sternlein stehen» oder «Schlaf, Kindlein schlaf», das schon im Jahr 1611 erstmals Erwähnung gefunden hat.

Beten
So wie Geschichten und Lieder waren auch Gebete eigens für Kinder vor dem 19. Jahrhundert nicht üblich. Es gab zwar früher schon Familiengebete, aber zu diesen fanden neben den Kindern auch die anderen Familienmitglieder sowie die Hausangestellten zusammen. Gemeinsam mit den Kindergebeten verbreitete sich dann auch das Konzept des Schutzengels, der nächtens über Mädchen und Jungen wachte, aber auch eine Kontrollfunktion erfüllte: Seine Allgegenwärtigkeit wurde auch betont, um Kinder von unerwünschtem Verhalten abzuhalten – insbesondere davon, sich nächtens selbst zu berühren. War das Abendgebet noch vor wenigen Jahrzehnten hierzulande selbstverständlich, hat es in der Zwischenzeit in vielen Familien an Bedeutung eingebüsst.


Der Weg aus einem ausufernden Abendritual

In manchen Entwicklungshasen der Kinder tauchen Ängste auf, die sich oft erst beim Zubettgehen zeigen. Das Kind wünscht sich, die
Eltern mögen noch im Zimmer bleiben oder sich zu ihm ins Bett legen, bis es eingeschlafen ist. Das Verlängern des Abendrituals
vermittelt dem Kind in diesem Fall aber nicht mehr Aufgehobenheit oder Sicherheit. Was den meisten Kindern hilft, ist ein Abendritual mit klarem Ablauf und einem definierten Endpunkt, beispielsweise einem «Gute Nacht» an alle Kuscheltiere. Eine klare, positive, präsente Haltung stützt das Kind, wenn es Ängste zeigt. Trauen Sie dem Kind zu, dass es allein in den Schlaf findet und verweilen Sie nicht bei eigenen Unsicherheiten. Ein Einschlafritual sollte in den jeweiligen Familienalltag passen. Sind die Eltern oder Grosseltern mit dem Einschlafszenario nicht mehr zufrieden, ist es wichtig, es anzupassen. Das geht am besten, wenn man schrittweise vorgeht und das Kind je nach Alter einbezieht: «Du bist jetzt schon grösser, du darfst jetzt selber noch ein Buch anschauen oder noch ein Lied hören.» Wesentlich bleibt dennoch, Momente des Kontakts zu pflegen. Hier ist nicht die Länge wichtig, sondern die aktive Präsenz.