Erinnerungen an Grosseltern – bei Johann Wolfgang Goethe

Aus dem Grosseltern-Magazin 4/2025

François Höpflinger (77)
ist in selbstständiger Forschung und
Beratung zu Alters- und Generationenfragen tätig. Nebst seinen wissenschaftlichen
Arbeiten schrieb der Soziologieprofessor auch diverse Kurzgeschichten, Satiren und Fabeln.
Er ist verheiratet, hat zwei
Kinder und vier Enkelkinder.

Als einer der ersten deutschen Dichter widmete Johann Wolfgang Goe­the (1749–1833) in seinem Werk den Grosseltern breiten Raum. Dies namentlich in seiner 1811 verfassten Autobiografie «Dichtung und Wahrheit». Während seiner Kindheit in Frankfurt um die Mitte des 18. Jahrhunderts lebten seine Grosseltern mütterlicherseits nicht weit entfernt von Goethes elterlicher Wohnung und er besuchte sie oft.

Seine Beschreibung hat das Bild der Grosseltern in der deutschsprachigen Welt bis heute wesentlich geprägt. Dies gilt etwa für die Vorstellung von «verwöhnenden» Gross­eltern, die Kindern mehr Freiraum erlauben als die «strengen Eltern»: «Vor didaktischen und pädagogischen Bedrängnissen flüchteten wir gewöhnlich zu den Grosseltern.» Heute gibt es allerdings mehr «verwöhnende Eltern», wie umgekehrt «strenge Grosseltern» selten wurden. Schulkinder treffen Grosseltern zumeist, wenn sie schulfrei haben oder bei Feiern. Daraus kann sich ein vom schulischen Alltag abgehobenes, freizeitorientiertes Bild der Grosseltern ergeben. Dieses Bild kann durch die Tatsache verstärkt werden, dass in diesem Alter der Enkelkinder viele Grosseltern pensioniert sind und damit nicht mehr beruflichem Stress unterliegen.

Bei Wolfgang Goethe sowie vielen späteren Autoren und Autorinnen findet sich ein weiterer Aspekt, der bis heute zu einem typischen Bestandteil von Erinnerungen an Grosseltern gehört: Die spezifische Verbindung von Grosseltern mit Gegenständen, aber auch mit Verhaltensweisen, die aus der Sicht von Enkelkindern als «altmodisch» oder «veraltet» erscheinen. So schreibt Wolfgang Goethe über seinen Grossvater: «Alles, was ihn umgab, war altertümlich. In seiner getäfelten Stube habe ich niemals irgendeine Neuerung wahrgenommen. Seine Bibliothek enthielt ausser juristischen Werken nur die ersten Reisebeschreibungen, Seefahrten und Länderent­deckungen. Überhaupt erinnere ich mich keines Zustandes, der so wie dieser das Gefühl unverbrüchlichen Friedens und einer ewigen Dauer gegeben hätte.»

Das Bild «altmodischer Grosseltern» widerspiegelt die bis heute zentrale Tatsache, dass einzelne Generationen in Gesellschaften mit raschen technologischen und gesellschaftlichen Veränderungen unterschiedliche Generationenprägungen erfahren. Die Beziehung von Enkelkind und Grosseltern ist durch markante Generationenunterschiede geprägt. Die Einstufung von Grosseltern als «altmodisch» hilft mit, Generationenkonflikte von vornherein zu entschärfen, da Grosseltern dadurch nicht mehr der Norm unterliegen, sich der jüngeren Generation ständig anzupassen. Auch wenn viele heutige Grossmütter und Grossväter technisch à jour sind, sind sie doch Vertreter und Vertreterinnen der familialen Vergangenheit und gerade deshalb wichtig. Im Kontakt mit ihnen wird die Familiengeschichte lebendig – und wer weiss besser über die Jugendsünden der Eltern Bescheid als die Grosseltern? •