Geschlechtsoffene Erziehung: « Gut ist, was dir gefällt »

Markus Tschannen erzieht seine Kinder geschlechtsoffen. Im Interview erklärt er, was das bedeutet, wie die Grosseltern damit umgehen und warum er dafür auch schon eine Haarschleife getragen hat.

Von Geraldine Capaul (Interview) und Tibor Nad (Fotos)

Brecht (7) hüpft den Weg zum Spielplatz, die rote Mütze fest auf dem Kopf, und plaudert. Beebers (1,5) schweigt, beobachtet alles und lässt sich tragen. Die beiden sind die Kinder von Markus Tschannen (40), Brecht und Beebers ihre Spitznamen. Sehr oft sprechen Tschannen und seine Frau aber auch einfach vom grossen Kind und vom Baby. Sie sagen dann zum Beispiel: «Kind, weisst du, wo sich das Baby versteckt?» Markus Tschannen schaut das blonde Kleinkind auf dem Arm an und sagt: «Also, eigentlich ist es ja kein Baby mehr.» Doch bei unserem Treffen geht’s nicht um die Frage, wie lange ein Baby ein Baby ist. Es geht darum, warum die Tschannen-Kinder hier nicht als Mädchen oder Buben vorgestellt werden, warum stattdessen mit verschiedenen Pronomen gespielt wird: Der Kommunikationsberater und seine Frau (31) erziehen ihre beiden Kinder geschlechtsoffen, auch als geschlechtsneutrale Erziehung bekannt. «Bei geschlechtsneutral dachten jedoch viele, man wolle aus Kindern ‹Neutren› machen», sagt Tschannen, «ihnen jedes Geschlecht absprechen und sie nur in graue Kleidung hüllen.» Diese Vorstellung wird dem Konzept nicht gerecht. Denn es sei ja gerade die Vielfalt, die ihnen wichtig sei. Mittlerweile sind wir auf dem Spielplatz angekommen, das grosse Kind hüpft los. Das Baby bleibt, wo es ist, der Vater erzählt.


Markus Tschannen, was antworten Sie, wenn Sie gefragt werden, ob Ihre Kinder Mädchen oder Buben sind?
Wenn die Kinder dabei sind, treffen die Leute meist von sich aus Annahmen. Die korrigiere ich nie. Werde ich gefragt, kommt es auf die Situation an. Manchmal erkläre ich dann, dass wir zwei Kinder haben, die wir geschlechtsoffen erziehen.

Geschlechtsoffen – was heisst das?
Über das Geschlecht schränkt die Gesellschaft Kinder ein. Sie weist ihnen bei der Geburt ein Geschlecht zu, das vielleicht nicht mit der Geschlechts­identität übereinstimmt, die sich mit 4 bis 5 Jahren entwickelt. Vor allem aber konfrontiert sie Kinder ständig mit Erwartungen, wie Mädchen oder Buben zu sein haben. Wir möchten das nicht. Unsere Kinder sollen sich frei von Geschlechtserwartungen entwickeln.

Das klingt jetzt etwas abstrakt.
Wir versuchen, Geschlechterklischees nicht ständig auf unsere Kinder einprasseln zu lassen. Geschlechtsoffene Erziehung wird oft an Kleidung und Spielsachen festgemacht. Persönlich finde ich die Sprache und den Medienkonsum wichtiger.

Wie leben Sie das im Alltag?
Wir reden zum Beispiel bei Berufsbezeichnungen auch von Pilotinnen und Krankenpflegern. Aber es fängt viel früher an, indem wir Fremde nicht ständig als Frau, Mann, Mädchen oder Junge bezeichnen und damit dem Geschlecht Wichtigkeit beimessen. Wir vermeiden typische Fallen: Jungs für Aktivität zu loben und Mädchen fürs Hübschsein. Weiter haben wir unseren Kindern von Anfang an Vielfalt vermittelt. Dass nichtbinäre Menschen existieren, dass ein Penis nicht unbedingt Mann bedeutet, dass es verschiedene Beziehungsformen gibt. Beim Medienkonsum achten wir ebenfalls auf Vielfalt. Dass auch Mädchen Fussball spielen und ­Familien in Büchern nicht immer nur aus Mama, Papa, Sohn, Tochter und Hund bestehen.

Aber wenn die Kinder Lust auf einen pinken Pulli haben? Oder eine Outdoorhose in Olivgrün?
Dann dürfen sie das selbstverständlich tragen. Wir wollen sie nicht einschränken, sondern eben genau das Gegenteil bewirken und ihnen versichern, dass Farben kein Geschlecht haben. Dasselbe gilt für Spielsachen. Bäbi, Bagger, Raumschiffe und Spielküchen sind für alle Kinder da.

Gibt es Rollenklischees in Ihrer Ehe?
Wir arbeiten Teilzeit und kümmern uns gleichermassen um Kinder und Haushalt. Ich bin für die Wäsche zuständig und für alle medizinischen Belange der Kinder. Aber klar haben wir auch traditionellere Rollen: Mein Hobby ist die Forstwirtschaft, meine Frau kümmert sich um den Garten. Keine Rollenverteilung ist per se falsch. Problematisch ist die Erwartung, dass das Geschlecht die Rolle bestimmt. Wir versuchen unseren Kindern zu vermitteln, dass ich Bäume fälle und pflanze, weil ich das gerne mache, nicht weil ich ein Mann bin.

Inwiefern hilft Ihre Erziehung den Kindern fürs Leben?
Als ich in der Schule war, mussten wir zwischen Handarbeiten und Werken wählen. Alle Mädchen nahmen Handarbeiten, alle Jungs Werken. Ich bezweifle, dass das in jedem Fall den wahren Interessen entsprach. Natürlich hoffe ich, dass unsere Erziehung die Kinder ermächtigt, selbstbewusste Entscheide zu treffen, zum Beispiel in der Berufswahl. Und noch etwas finde ich wichtig. Spüren unsere Kinder einmal, dass sie schwul, lesbisch oder trans sind, dann wissen sie drei Dinge: Ich bin nicht alleine, es ist völlig in Ordnung und ich muss vor meinen Eltern kein Coming-Out haben.

Eine der ersten Fragen, die eine schwangere Frau oder ein werdender Vater zu hören bekommt, ist die nach dem Geschlecht. Warum ist das in unserer Gesellschaft so wichtig?
Als Verlegenheitsfrage kann ich das sogar nachvollziehen. Es befremdet mich weit mehr, wenn Eltern um das Geschlecht ihrer Kinder viel Lärm machen, es an einer eigens veranstalteten Party verkünden und aus ihren Babys und Kleinkindern krampfhaft kleine Frauen und kleine Männer formen.

War das früher anders?
Es gab zumindest nicht Lego und Überraschungseier extra für Mädchen und der Bruder trug die Kleidung der grösseren Schwester nach. Produkte nach Geschlecht zu vermarkten, ist eine lukrative Strategie geworden. Aber woher das Bedürfnis kommt, das Geschlecht über alles zu stellen, das weiss ich wirklich nicht.

Wussten Sie vor der Geburt, dass Sie Ihre Kinder ­geschlechtsoffen erziehen wollen oder haben die ­Kinder Sie durch ihre Art drauf gebracht?
Uns war beiden klar, dass wir die Kinder möglichst frei von Geschlechter­stereotypen erziehen wollen. Trotzdem war es ein Prozess. Wir mussten uns auch erst von stereo­typen Denkmustern lösen und Wissen aufbauen.

Zieht Ihr Umfeld mit?
Als das zweite Kind zur Welt kam, wollten wir erst niemandem etwas zum Geschlecht verraten. In der näheren Familie kam das nicht so gut an, also haben wir schliesslich gesagt, was in der Geburtsurkunde steht. Wir wollten ja niemandem die Freude am Kind verderben.

Sie wohnen direkt neben Ihren Eltern. Wie gehen die Grosseltern damit um?
Sie respektieren unsere Wünsche nach geschlechtlicher Vielfalt. Bei Geschenken greifen sie sogar äusserst selten in die Klischeekiste. Ich rechne ihnen das hoch an und erwarte nicht, dass sie unsere Beweggründe komplett nachvollziehen können.

Finden Sie es wichtig, dass das unmittelbare Umfeld mitmacht?
Es wäre schade, wenn das Umfeld querschlagen würde. Wir wollen aber auch nicht andere kontrollieren. Grosi geniesst schliesslich Redefreiheit, muss aber ihrerseits damit leben, dass wir ihre Aussagen gegenüber dem Kind kommentieren.
Was raten Sie Grosseltern, deren ­Enkel geschlechtsoffen erzogen ­werden und die damit nicht viel ­anfangen können?
Seid ruhig kritisch, aber bitte auch neugierig. Fällt keine schnellen Urteile. Wenn eure Kinder eine geschlechtsoffene Erziehung praktizieren, haben sie sich längere Zeit intensiv damit auseinandergesetzt und sich viel Wissen angeeignet. Es ist ein interessantes Thema. Redet mit euren Kindern, stellt ihnen viele Fragen, nehmt euch ebenfalls Zeit zu verstehen, worum es geht.

Viele Eltern sagen, dass ihre Kinder anziehen dürfen, was ihnen gefällt, und spielen, womit sie wollen. Ist es damit getan?
Vielen Eltern ist vermutlich nicht bewusst, wie sehr und wo überall ihre Kinder von Geschlechter­erwartungen beeinflusst werden. Dem Buben die Barbie nicht zu verbieten, ist sicher gut, aber doch eher das Minimum. Selbstverständlich dürfen alle Eltern entscheiden, wie weit sie gehen. Wir sind eher konsequent, haben aber auch mehr Kontrolle, weil unsere Kinder nicht fremdbetreut sind.

Ihr grosses Kind geht jetzt aber in die Schule. Die Gspändli sind anders erzogen. Die Schulen, die Läden, viele Bücher und Filme sind voller Mädchen- und Bubenklischees. Haben Sie als Eltern dagegen eine Chance?
Die ersten Jahre sind wichtig. Das Kind entwickelt seine Geschlechtsidentität, seine Persönlichkeit und Einstellungen, die es mit der Einschulung nicht einfach vergisst. Wir wollen unsere Kinder auch nicht von der Aussenwelt abschotten. Wir zeigen Ihnen, wie sie dieser Aussenwelt begegnen können, und das tun wir weiterhin.

Funktioniert es soweit?
Ich glaube schon. Das grosse Kind hat seine Geschlechtsidentität gefunden, scheint sich aber nicht gross von Geschlechterklischees einschränken zu lassen. Klar, manchmal kommt es mit einer aufgeschnappten Bemerkung nach Hause. Einmal hat eine Lehrerin gesagt, dass Haarschleifen nur für Mädchen seien.

Und wie reagieren Sie darauf?
Wir sagen dem Kind, dass wir anderer Meinung sind. In diesem Fall habe ich zufällig wenige Tage danach die Klasse auf einem Ausflug begleitet und dabei den ganzen Tag zwei Schleifen getragen. Eine in der Frisur, die andere im Bart.

Sie haben mal getwittert: «Nie fühle ich mich so sehr missverstanden, wie wenn ich versuche zu erklären, was geschlechtsoffene Erziehung ist.» Warum reagieren die Menschen so heftig auf diesen doch eigentlich harmlosen Erziehungsansatz?
Vermutlich, weil sie sich das alles extremer vorstellen, als es ist. Sie denken, wir würden unsere Kinder einer Gehirnwäsche unterziehen. Dabei leben sie ein ganz normales Leben. Wir versuchen lediglich, ihnen etwas mehr Möglichkeiten aufzuzeigen.

Kritiker fürchten, dass sich Kinder durch die geschlechtsoffene Erziehung nicht einem Geschlecht zuordnen können und deshalb in eine Identitätskrise geraten. Was sagen Sie dazu?
Ah, das Argument der «verwirrten Kinder», das hört man oft. Ich glaube, es ist genau umgekehrt.

Wie meinen Sie das?
Ein Junge liebt Pferde über alles, hört und liest aber überall, dass Pferde Mädchenkram seien. Der ist doch verwirrter, als wenn wir ihm sagen:
Gut ist, was dir gefällt und womit du dich wohlfühlst. •

Markus Tschannen auf Twitter und Instagram: @souslik


Bilderbücher zum Thema Diversität

Die Sprache und die Medien haben Einfluss auf unsere Kinder. Nach meinem Interview mit Markus Tschannen, der seine Kinder geschlechtsoffen erzieht, haben meine Söhne und ich in der Bibliothek etwas bewusster geschaut, was wir ausleihen. Also eigentlich nur ich. Mein Sohn nimmt, was er bekommt. Hauptsache, ein Comic ist auch dabei.

Folgende Kinderbücher sind natürlich nicht nur für Kinder, die geschlechtsoffen erzogen werden, geeignet. Sondern für alle.

„Du gehörst dazu – Das grosse Buch der Familien“, Mary Hoffman, Fischer Sauerländer, 40 Seiten, ab 4 Jahren: Heute gibt es Familien in allen Grössen und Formen. Manche Kinder leben nur mit ihrem Papa zusammen oder mit ihren Grosseltern. Familien leben in Häusern oder in Wohnungen. Manche fahren in den Ferien weit weg in ferne Länder, andere bleiben zu Hause. Das Buch zeigt leicht verständlich und gut illustriert wie unterschiedlich das Zusammenleben sein kann und dass wir alle dazu gehören.

„Das grüne Küken“, Anke Faust, Adele Sansone, Nord Süd Verlag, 32 Seiten, ab 4 Jahren: Der Gänserich liebt Kinder und er möchte so gerne sein eigenes Küken grossziehen. Eines Tages findet er ein seltsames Ei und beginnt sofort, es auszubrüten. Aus dem Ei schlüpft ein Küken, das dem Gänserich so ganz und gar nicht ähnlich sieht. Es ist nämlich sehr grün. Das haben auch die anderen Tiere gesehen und ärgern das grüne Küken. Traurig macht sich das kleine Küken auf die Suche nach seinem »wirklichen« Vater. Bis es merkt, dass es ja bereits einen tollen Papa hat, der es liebt, auch wenn es anders aussieht als er.

„Der Junge im Rock“, Kerstin Brichzin, Minedition Verlag, 32 Seiten, ab 4 Jahren: Felix trägt gerne Röcke. Dann fühlen sich seine Beine so frei an und er kann viel besser klettern und springen. Doch die Kinder in der neuen Kita sagen: „Du siehst aus wie ein Mädchen.“ Und meinen das nicht positiv. Das Buch erzählt, wie Felix von seiner Familie unterstützt seinen Weg geht und schliesslich stolz mit Kleid in die Kita geht.

„Wau, Wau, Miau“, Blanca Lacasa, Ellermann Verlag, 40 Seiten, ab 4 Jahren: Fabio ist der etwas andere Hund. Er bellt nicht, geht nicht an der Leine. Und wer ihm Stöckchen wirft, kann lange warten. Eines nachts findet der kleine Max heraus, was Fabio wirklich liebt. Er trifft sich mit einer Truppe Katzen und verhält sich wie eine von ihnen. Statt Stöckchen zu werfen, stellt Max Fabio anderntags eine Schale Milch hin. Fabio schnurrt selig und schmiegt sich verschmust an seine Beine. Endlich wird Fabio verstanden.

– Blog zum Thema: buuu.ch