Michael Grotzer ist leitender Arzt der Onkologie am Kinderspital der Universität Zürich und seit Beginn Janas behandelnder Arzt. Er weiss, welche Fragen bei Eltern von krebskranken Kindern als Erstes auftauchen, weshalb die Kinderkrebsforschung so wichtig ist und wie bedeutsam die Grosseltern für die betroffenen Familien sind.

Von MELANIE BORTER (Fragen)

Herr Grotzer, ist Krebs vererbbar?

Es gibt durchaus Krebserkrankungen, die eine erbliche Grundlage haben. Bei Hirntumoren im Kindesalter ist dies jedoch selten.

Stellen sich Eltern oft die Frage, ob sie den Kindern eine erbliche Vorbelastung mitgegeben haben?

Das ist tatsächlich eine häufige Frage. Was wir aus vielen Studien wissen, ist, dass Faktoren während der Schwangerschaft, Faktoren der Ernährung, Wohnort, Stürze auf den Kopf oder psychischer Stress nicht zusammenhängen mit der Entstehung von Hirntumoren. Und dass Vererbung meistens keine Rolle spielt.

Kinder und Jugendliche erkranken am häufigsten an Leukämien und an Hirntumoren. Wieso ist die Verteilung an Krebserkrankungen bei Kindern ganz anders als bei Erwachsenen?

Die Biologie von kindlichen Krebserkrankungen unterscheidet sich stark von derjenigen bei Erwachsenen. Äussere Faktoren (wie zum Beispiel Rauchen oder übermässige Sonnenbelastung) spielen praktisch keine Rolle im Kindesalter, bzw. benötigen viele Jahre Zeit, bis sie wirksam werden.

Es gibt aber nicht nur Unterschiede in der Verteilung, sondern auch Unterschiede in der Behandlung von Kindern und Erwachsenen.

Ja, viele kindliche Krebserkrankungen sprechen sehr gut auf Chemotherapie an. Und Kinder erholen sich besser und schneller nach intensiven Chemotherapien als Erwachsene. Wir versuchen deshalb, Radiotherapie im Kindesalter möglichst zu verzögern oder ganz zu vermeiden.

Hat sich die Behandlung von Kindern mit Krebs in den letzten 20 Jahren verändert? 

Die Behandlungen in den letzten 20 Jahren haben sich weiter verfeinert und verbessert. Die Heilungsraten sind weiter gestiegen. Zudem gibt es heute neue zusätzliche Medikamente und sehr gezielte Therapiestrategien im Rahmen von Personalized Medicine. Ein wichtiger Meilenstein in der Kinderkrebsfoschung ist die Entwicklung von Gentherapien für therapie-resistente kindliche Leukämien.

Wie wichtig sind aus Ihrer Erfahrung die Grosseltern für die betroffenen Familien?

Grosseltern bedeuten eine wichtige Unterstützung. Gerade für Familien mit mehreren Kindern oder Familien, wo beide Eltern arbeitstätig sind, sind Grosseltern Gold wert in Bezug auf 
Entlastung im Spital oder zu Hause.

MICHAEL GROTZER, leitender Arzt der Onkologie am Kinderspital der Universität Zürich, forscht seit beinahe 20 Jahren im Namen der Stiftung Kinderkrebsforschung Schweiz, die zu 70 Prozent durch private Institutionen und Spenden finanziert wird.

www.kinderkrebsforschung.ch