Sina: «Ich trinke jeden Morgen den Cappuccino aus Emmas Tasse»

Die Grossmutter von Sina hiess Emma. Sie kam als uneheliches Kind am Anfang des letzten Jahrhunderts zur Welt und wuchs bei ihrer Grossmutter auf. Viele Jahre später lebte auch Sina einige Zeit bei Grossmutter Emma. In diesen Tagen erscheint das dreizehnte Studio­album der Mundartsängerin. Es heisst «Emma». ­

Von KARIN DEHMER (Interview)
und TIBOR NAD (Fotos)

Sina (52) feiert ihr 25-Jahr-Bühnenjubiläum mit einem neuen Album. Anlässlich ihrer Tournee durch die ganze Schweiz, die im März startet, wird sie ihren Fans die neuen Songs live präsentieren. Heutzutage überwiege Vorfreude die frühere Nervosität vor Konzerten, sagt die Walliserin im Interview mit «Grosseltern». Sie habe nicht mehr den Anspruch, eine gesanglich perfekte Glanzleistung hinzulegen, dafür Vertrauen in ihre Stimme und in die Kraft der Freude. Im Gespräch verrät sie zudem, weshalb das neue Album ihr bisher persönlichstes geworden ist.


Sinas Onkel René, Sinas Mutter Hildegard, Grossmama Emma, Grosspapa Alois, Tante Josi, Tante Susi (vlnr).

Grosseltern-Magazin: Ihre Grossmutter Emma ist gestorben, gerade als Ihre Karriere begann. Was denken Sie, hätte Emma von ihrer singenden Enkelin gehalten?
Sina: Die Liebe zu ihren Nächsten war Emma stets das Wichtigste. Aus diesem Grund bin ich sicher, dass sie zu allem, was mich glücklich macht, ein grosses «Ja» sagen würde. Ihre erste Frage war stets: «Wie geht es dir?», und als Nächstes: «Willst du Roggenbrot. Trockenfleisch? Käse?»

Liebe und Essen also.
Ja, genau.

Vor drei Jahren haben Sie für «Grosseltern» unter der Rubrik «meine Grosseltern» über Emma geschrieben. Dort erwähnten Sie, dass Ihre Tochter Emma heissen würde, wenn Sie eine hätten. Nun haben Sie Ihr dreizehntes Album «Emma» genannt.
Ich habe Emma ein Lied geschenkt, das war mir ein Anliegen. Das Album an sich ist aber keine Hommage an meine Grossmutter – es steht vielmehr für ein Lebensgefühl.

Welches Lebensgefühl?
«Emma» ist mein bisher persönlichstes Album, auch wenn das nach abgedroschenem Werbetext tönen mag. Es beschreibt mich als Frau in der heutigen Zeit, in meinem Alter und mit meiner Geschichte. Themen wie Liebe, Wurzeln, die Suche nach Verlorenem und nach unerfüllten Sehnsüchten mögen dieselben bleiben, diese Themen bleiben ja eigentlich das ganze Leben dieselben, aber die einzelnen Geschichten dazu ändern sich mit den Jahren.

Wie sind Sie vorgegangen, um dieses Lebensgefühl in die Songs zu packen?
Zum ersten Mal habe ich nicht mit der Musik begonnen. Ich hab das ganze umgedreht – für mich der mühsamere Weg – und zuerst drei Jahre lang Texte geschrieben, die den Rhythmus des Albums vorgeben sollten. Erst im zweiten Schritt kam die Musik dazu. Beim Song «Emma» musste dieses Gebet mit Streichquartett einfach sein, er dauert nun knapp fünf Minuten. Die Bilder im CD-Booklet habe ich auf Leinwand aufgezogen und dann bemalt. So wurde alles zu einem Ganzen.

Auffallend sind auch die vielen Gastauftritte von anderen Schweizer Musikern auf dem Album.
Ich wollte zurück zu meinen musikalischen Wurzeln: Gitarre und mehrstimmige Gesänge. Nach den passenden Stimmen dafür habe ich lange gesucht. So sind unter anderen Duette mit Ritschi von Plüsch und Gigi Moto entstanden. Vieles haben wir live aufgenommen und dann bewusst so stehen gelassen, damit die Songs nicht zu geschliffen tönen.

Produziert wurde die Platte von Adi Stern, einem weiteren Schweizer Musiker. Muss man sich die Schweizer Musikszene als grosse Familie vorstellen, die sich gegenseitig aushilft und unterstützt, oder ist diese Anhäufung von Schweizer Künstlern auf «Emma» Zufall?
Ich bin ein Herdentier. Mir ist es wohl, Leute um mich zu haben. Und wenn dann verschiedene Stimmen zusammen harmonieren und ins Schwingen geraten, dann löst sich alles rundum auf. Das ist pure Energie.

In der ersten Zeile vom Titelstück «Emma» erzählen Sie davon, wie Emma sich eines Tages hinlegte und nicht mehr aufstehen wollte.
Die Ärzte fanden nichts. Sie sagten, meine Grossmutter sei organisch gesund. Ich glaube, Emma hat in ihrem Leben Dinge erlebt, die sie viele, viele Jahre mit sich selbst ausmachte, und plötzlich klappte das nicht mehr.

Sie hat sich also zum Sterben hingelegt?
Sie hatte keine Kraft mehr und hat aufgegeben, ja. Bis zu ihrem Tod dauerte es dann aber sechs oder sieben Jahre.

Hatte sie Angst vor dem Tod ?
Nein, ich glaube, sie hatte vielmehr Angst vor dem Leben. Heute würde man das eine schwere Depression nennen. Aber Emma hat nicht gelernt zu reden oder sich helfen zu lassen.

Sie wissen also nicht, was Emma so zu schaffen machte?
Zum Teil. Meine Tanten haben es mir stückweise erzählt. Aber diese Geschichten möchte ich lieber für mich behalten.

War Emma sehr religiös?
Sie hatte einen wahnsinnig starken Glauben. Ich selbst haderte sehr mit Gott, als meine Mutter gestorben ist. Aber Emma hat selbst da nie gezweifelt. Darum habe ich sie sehr beneidet, um die Kraft, die sie bis am Schluss aus dem Glauben gezogen hat.

Als Ihre Mutter gestorben ist, waren Sie sechs Jahre alt. Zusammen mit Ihrem Bruder haben Sie danach mehrere Jahre bei Emma gelebt.
Interessant daran ist, dass Emma, die ein uneheliches Kind war, selber auch eine Zeitlang bei ihrer Grossmutter lebte. Aus diesem zarten jungen Mädchen wurde eine starke, zähe Frau, die ich bewunderte, wie alle Frauen, die in den kargen Kriegsjahren hauptsächlich für ihre Familien gesorgt haben.

Gibt es einen Grund, weshalb Sie Emma nicht bereits früher in einem Song verewigt haben?
Jetzt, wo der Weg vor mir kürzer wird, als der, der hinter mir liegt, gibt mir der Blick zurück Aufschluss darüber, wer ich sein wollte und wer ich tatsächlich bin. Das Bedürfnis, diese Geschichten auf «Emma» auszudrücken, war bis anhin einfach noch nicht da gewesen.

Sie haben keine Kinder, aber denken Sie, Sie könnten später einmal für Ihr Gottimeitli Elina oder Ihre Nichten und Neffen eine Art Emma werden?
Ich versuche, etwas vorzuleben, und möchte damit nicht nur Frauen in meinem Beruf ein Vorbild sein, sondern auch in meinem persönlichen Umfeld.Eine meiner Nichten will auch Sängerin werden und Elina malt – wir zeigen uns jeweils gegenseitig unsere Bilder. Ich will Spuren hinterlassen und damit vielleicht den einen oder andern Weg pfaden. Junge Mädchen sollen sich nicht zurückhalten müssen mit ihren Bedürfnissen, sie sollen selbstbewusst und laut werden dürfen und selbstbestimmt ihren Weg gehen.

Denken Sie oft an Emma?
Jeden Morgen, wenn ich aus einer Tasse ihres Services, das ich geerbt habe, meinen Cappuccino trinke.

Adele weint ja manchmal, wenn sie auf der Bühne ihr sehr persönliches Liebeslied «Someone like you» singt. Könnte Ihnen das mit dem Song «Emma» auch passieren?
Davor habe ich schon Respekt. Ich habe noch keine Ahnung, wie es sich anfühlen wird, den Song mit der Band live zu spielen. Ich habe vor, ihn zu spielen, aber vielleicht entscheide ich mich dann auch kurzfristig dagegen. Diese Möglichkeit lasse ich mir offen. •



Karin Dehmer traf Sina im Historischen Museum Baden zum Gespräch.

Emma

Du hesch di irgend äs tagsch eifach dargleit
Ohni Wort und ohni Tränä
Vo da wäg han di nur no im Nachthämmli gseh
Und scho bald het keinä meh gfregt
Du hesch gschlafu am Tag hesch *ghöirut in är Nacht
Was äs het sus niäma värstannu
Wa d hesch griäft us um Zimmer: Isch epper da
Hei wär Melissugeischt uf äs Zuckärli gitropft
Und gseit ja Emma wiär sii da
Ohhh Emma
Bi so mängum Blick im Spiägil erkänn i mi in diär
Ohhh Emma
Ei Hüüt han i z’wenig und äs Härz han i z’vill
Ohhh Emma
Wiär hei di genau gliichi Händ und ds gnau gliich Müül
Zwei Läbu in ganz andrä Wältä
Du hesch Fäldär gipflüägt und Polänta gibratu
Die 5 Wunnä gibättu im Fiischtru
Diini Grossmüätär isch där ä Heimat gsi als Chind
Dä mit iisch widärholt schich di Gschicht
Und jetz gsehn i di uf dänä schwarzwissu Bildär
Die Ziit bliibt stah du lüägsch mi a
Ja Emma wiär sii und bliibä da

REFRAIN
A sanftä Blick – ä fiini Stimm
Diinä Schoos ä Inslu – ’s isch nit so schlimm
Waxu in diim Schärmu – värgässus niä
Will ä Teil vo miär bliibt immär hiä

REFRAIN
Ohhh Emma
Stell diis Chriiz in äs Egg hesch sus lang gnüäg gitreit
Ohhh Emma
Legg där Sunntagsrock a mach di zwäg fär di Reis
Ohhhh Emma ich säg äs Gibät fär dich

*ghöirut: geschrien


Sina heisst mit bürgerlichem Namen Ursula Bellwald und kam am 28. Mai 1966 in Visp zur Welt. Sie ist verheiratet und lebt im Kanton Aargau. Alle Daten ihrer bevorstehenden Tournee: www. sina.ch

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