von Hanna Hinnen (Text)

Letzthin erzählte mir der Nachbarsbub, sie dürften in der Schule keine Dächlikappe tragen und auch keine Hosen, die so weit unten sind, dass man den Füdlispalt sieht. «Das verstehe ich aber schon», meinte ich. «Gilt das für Buben und Mädchen?» «Natürlich!», antwortete er, «warum sollte das nur für Buben gelten?» Da erzählte ich ihm von den Kleidervorschriften, mit denen ich aufgewachsen war und die immer nur für uns Mädchen galten. Alle Mädchen hatten eine Schürze zu tragen – auch noch in der Sekundarschule. Die Schürzen stopften wir nach dem Unterricht in die Schulmappe, damit wir etwas erwachsener aussahen.
Hosen waren für Mädchen streng verboten. Ich hatte einen weiten Schulweg und fuhr mit dem Velo zur Schule. Das war im Winter sehr kalt mit dem kurzen Rock und den Nylon­strumpfhosen. Deshalb wurde den Mädchen gestattet, bei Minustemperaturen in Hosen zu kommen. Einmal im Januar zeigte das Thermometer minus 1 Grad. Ich zog die Hosen an und fuhr zur Schule. Der Lehrer schaute auf das Thermometer – es zeigte unterdessen plus 1 Grad – und ­schickte mich nach Hause. Ich solle im Rock wiederkommen, es sei nicht kalt genug. Und ich fuhr die drei Kilometer nach Hause, zog den Rock an und radelte mit blau gefrorenen Beinen wieder zurück. Ich ärgere mich jetzt noch, dass ich nicht protestiert habe. Heute würde sofort ein Anwalt eingeschaltet.
In der dritten Sek durften wir einen Metallkurs besuchen. Wir gestalteten Kupferplättchen und Ringe und bastelten Kupferketten daraus. Stolz trugen wir die fertigen Schmuckstücke im Unterricht. Unser Lehrer verbot uns das Kettentragen sofort. Die Ketten würden zu viel Lärm machen – sie klirrten manchmal ganz leise.
Und das ärgerte uns derart, dass wir am nächsten Tag alle mindestens ein halbes Dutzend Ketten trugen. Schliesslich hatten wir die Ketten in der Schule gemacht und wollten sie auch zeigen. Sogar die meisten Buben machten mit. Unser Lehrer bekam einen Tobsuchtsanfall, aber wir zogen die Ketten einfach nicht aus. Da merkte ich zum ersten Mal, dass die Kraft und Unterstützung von vielen etwas bewirken konnte.
Später an der Mittelschule – eine reine Mädchenschule – gab es keine Kleidervorschriften mehr. Und unsere Mathematiklehrerin schickte uns zum Demonstrieren auf die Strasse. Wofür wir demonstrierten vor über 50 Jahren? Natürlich für das Frauenstimmrecht, und das haben wir vor genau 50 Jahren auch erreicht!•

Hanna Hinnen lebt in Regensberg und war Lehrerin, Pädagogin, Lehrmittelautorin, Prozessbegleiterin, Mediatorin und Schulpräsidentin.
Sie hat einen Sohn und eine Tochter und zwei Enkel. Seit Beginn (2010) macht sie bei der GrossmütterRevolution aktiv mit.