Kontaktabbruch
Alice, Lisa und mich vereint etwas ganz Spezielles: Wir alle drei sind Grossmütter. Und wir alle dürfen keinen Kontakt zu unseren Enkelkindern haben. Wie ist es so weit gekommen?
Von Anne ZuLauf (Text) und Irene Meier (Illustration)

September 2016. Es war ein schöner, warmer Tag im Spätsommer. Meine Enkeltochter hatte den ganzen Tag mit ihrem Papi – meinem Sohn – bei uns verbracht. Sie spielte, kletterte und tobte mit meinen beiden jüngeren Töchtern herum, welche lediglich ein paar Jahre älter sind als sie. Mit roten Wangen, verschwitzt und glücklich stieg sie in das Auto ihrer Mama, die sie abholen kam. Knuddeln, umarmen, Kuss auf die Wange, die Tür schloss sich. Die Fünfjährige winkte uns allen wild zu, lachte und fuhr mit ihrer Mama davon. Dass dies das letzte Mal sein sollte, dass ich meine Enkeltochter sehen werde, dass dies das letzte Bild sein wird, welches ich von ihr habe, tief in mir drin, macht mich immer noch fassungslos.
In meiner langjährigen journalistischen Tätigkeit habe ich die Themen Kontaktabbruch, Entfremdung von Vätern, Müttern und Grosseltern und ganzen Familien diverse Male thematisiert. Ich habe Psycholog:innen, Kinderanwält:innen, KESB-Verantwortliche und Richter:innen interviewt und Texte publiziert. Immer auch in der Hoffnung, noch irgendwas für uns, für unsere Familie, meinen Sohn, und vor allem für meine Enkeltochter bewegen zu können. Doch wir waren chancenlos.
Mehr sage ich heute nicht mehr dazu. Ich habe akzeptieren müssen, dass ich aus dem Leben meines Enkelkindes entfernt worden war. Dass ihre, meine und die Biografien der ganzen Familie anders geschrieben wurden, als es eigentlich vorgesehen war.
Juni 2026: Lisa* und Alice* sitzen mir im Bistro des Landesmuseums Zürich gegenüber. Wir haben diesen Treffpunkt für unser Gespräch ausgesucht. Wir kannten uns bisher noch nicht. Doch wir haben eines gemeinsam: Auch Lisa und Alice dürfen ihre Enkelkinder nicht sehen. Bei ihnen kommt noch erschwerend hinzu, dass auch der Kontakt zu ihren Kindern abgebrochen ist.
Im Bistro ist gerade Mittagszeit und viel los. An den Tischen essen Familien zu Mittag, Kinder kraxeln von den Stühlen und rennen herum, Grosseltern trinken in der Pause des Museumsbesuchs mit ihren Enkelkindern einen Sirup, essen ein Sandwich. Kinderstimmen, Gelächter und angeregte Gespräche sind zu hören. Genau dies sind Szenen, die Alice und Lisa gar nicht gut ertragen. Sie verdeutlichen das Ausgeschlossensein vom Leben der Menschen, die sie am meisten lieben. Erste Tränen fliessen an unserem Tisch. Viele weitere werden folgen, als sie die beiden Grossmütter ihre Geschichten erzählen.
Alice: «Am Anfang war alles völlig normal und wunderschön. Wir waren da, als die Kinder zur Welt kamen. Wir konnten zu allen drei Enkelkindern eine schöne Beziehung aufbauen. Acht Jahre betreuten wir sie an ungefähr drei Tagen die Woche. Einerseits aus Freude und Liebe zu den Kindern. Andererseits auch, damit die Eltern arbeiten konnten. Wir haben mit ihnen gespielt, gebastelt, gebacken. Das hat jeweils ausgesehen bei uns zu Hause! Ein wunderbares Chaos. Wir sind mit den Kindern spazieren gegangen, mein Mann immer eines von ihnen auf den Schultern. Ich habe heute noch Karten meiner Tochter, auf denen sie geschrieben hatte, wie froh sie sei und wie schön sie es finde, dass wir uns so liebevoll um die Kinder kümmern. Auch zu unserem Schwiegersohn hatten wir ein gutes Verhältnis. Es war eine herzliche Drei-Generationen-Beziehung. Doch dann passierte meiner Tochter etwas Tragisches, worüber ich hier nicht sprechen kann. Und kurz darauf traf ein Schicksalsschlag die Familie meines Schwiegersohns. Wir unterstützten die Familie in dieser schwierigen Zeit. Doch kurz darauf kam es zum Kontaktabbruch. Als meine Tochter das letzte Mal mit den Kindern bei uns war, gab sie sich abweisend, kalt und beleidigte mich. Ich wollte mit ihr unter vier Augen reden. Doch sie hat mir die Autotür vor der Nase zugeschlagen. Nie vergesse ich, wie verwirrt mich die Kinder beim Wegfahren durchs Fenster angeschaut haben. Mein Mann und ich wurden einfach aus ihrem Leben gestrichen. Das war vor 15 Jahren.»
Es ist still am Tisch. Alice braucht eine Pause. Die Gefühle, sie sind kaum auszuhalten. Dann sagt Alice, dass sie alles erdenklich Mögliche getan habe. Sie schrieb der Tochter Briefe, sie machte Angebote zur Versöhnung. Sie sprach mit Mediator:innen, welche Kontakt zu ihrer Tochter aufnahmen. Doch alle Vorschläge zu Gesprächsterminen scheiterten. Als die Kinder älter waren, schrieb sie ihnen Briefe, liess ihnen zum 18. Geburtstag Blumensträusse liefern. Ob sie sie bekommen haben? «Ich weiss es nicht.» Geburtstage und Feiertage sind besonders schwer für sie. Selbst nach all den Jahren weint Alice immer wieder um ihre Tochter und die Enkelinnen. Lisa drückt Alices Hand, tröstend. Dann erzählt sie ihre Geschichte.
Doch als ich Lisa drei Wochen später den geschriebenen Text zum Gegenlesen schicke, schreibt sie mir, dass sie ihre Teilnahme zurückziehe. Zu gross ist die Trauer, der Schmerz und vor allem die Angst, dass ihre Familie sie trotz Anonymisierung ihres Namens erkennen könnte. «Ich will mir nicht die letzte Chance verbauen. Das würde ich nicht ertragen.»
Darum geht hier die Geschichte mit Alice weiter. Der Kontaktabbruch veränderte ihr ganzes Leben: Da ist die Beziehung zum Partner, die leidet. Weil beide mit der Trauer und dem Verlust anders umgehen. Da sind die sozialen Beziehungen, die schwierig werden, wenn man am Tisch in Tränen ausbricht, sobald Freundinnen und Freunde von den Erlebnissen mit ihren Enkelkindern erzählen. «Man zieht sich zurück», sagt Alice. «Unbeschwerte freundschaftliche Beziehungen sind kaum mehr möglich». Und da ist die Scham. Scham über die gesellschaftliche Vorverurteilung. Weil keine:r glaubt, dass man unschuldig in eine solche Situation gerät. Alice sagt: «Die Leute sind der Meinung, dass ein Kontaktabbruch eine Vorgeschichte haben muss. Dass von Seiten der Grosseltern etwas passiert sein muss. Dass es absehbar und ein schleichender Prozess gewesen sein muss. Doch bei uns war das nicht so. Es ist aus heiterem Himmel geschehen. Einfach so. Von einem Tag auf den anderen.»
Alices Mann ist vor ein paar Jahren verstorben. Seither trägt sie die Last und Trauer allein. Der Schmerz über den Verlust der Enkelinnen und der Tochter ist unermesslich. Sie trifft regelmässig ihre Seelsorgerin und geht in eine «Selbsthilfegruppe für verlassene Eltern». Am Schluss des Gesprächs stelle ich Alice doch noch einmal die Frage, die mich selbst umtreibt mit meiner eigenen Geschichte: Haben wir irgendwas dazu beigetragen, dass es zum Kontaktabbruch kam? «An dieser Frage kommt niemand vorbei. Man hinterfragt sich täglich, vor allem, wenn der Abbruch so plötzlich passiert ist. Die Warum-Frage stand für mich lange Zeit im Vordergrund, trieb mich um. Inzwischen habe ich durch die vielen Gespräche mit Fachpersonen eine andere Sicht auf das Geschehene: Jetzt lautet die Frage nicht mehr, Warum? Sondern: Wozu?», sagt Alice.
Und ich? Ich hatte damals selbst noch kleine Kinder, ein Berufsleben, einen getakteten Familienalltag und war wohl nicht gerade die super engagierteste Grossmutter. Ich war einfach da und freute mich, wenn meine Enkeltochter bei uns war. Sie war für mich ein schöner und bereichernder kleiner Mensch mehr in unserer grossen, bunten Familie. Ich kann mich an keine einzige Situation erinnern, in der ich mich der Mutter meiner Enkelin gegenüber derart übergriffig oder deplatziert verhalten hätte, dass das einen Beziehungsabbruch gerechtfertigt hätte.
Schätzungen zufolge sind rund neun Prozent aller Eltern vom Kontaktabbruch zu den eigenen Kindern und/oder den Schwiegerkindern betroffen, was folglich oft zu Kontaktabbrüchen zu Enkelkindern führen kann. Genaue statistische Zahlen gibt es nicht, was unter anderem mit der Scham und der gesellschaftlichen Vorverurteilung erklärt wird. In der Literatur und in Medienberichten ist zu lesen, dass die Abbrüche meist aus tiefen Verwundungen heraus passieren und oft schleichende Prozesse seien. Das mag auf viele Fälle zutreffen. Aber es gibt Ausnahmen.
Der Götti der Ältesten von Alices Enkelinnen habe das Mädchen irgendwann gefragt, ob sie nicht mal wieder zu ihren Grosseltern wolle. Sie antwortete: «Ich würde gerne, aber ich darf ja nicht.» Alice vermutet, dass ihre Enkelinnen sehr gelitten haben am plötzlichen Kontaktabbruch. Heute sind sie erwachsen. Alice hat die Hoffnung, dass sie eines Tages vor ihrer Türe stehen. «Weil sie sich erinnern, wie schön ihre Beziehung zu uns einst war und wie lieb wir uns hatten.» Es wäre der schönste Tag in Alices Leben.
Das ist auch meine Vision, wenn ich an meine Enkelin denke. Gerade kürzlich schaute ich ein Video an, das Aufnahmen von einem Fest zeigt, welches wir mit ihr besucht hatten. Ich sah, wie die Kleine sich tanzend im Kreis drehte, hörte ihre herzige Stimme «Grosi, lueg mau!» rufen. Ein anderes Video zeigt, wie sie nach einem Besuch an einem YB-Match zusammen mit ihren kleinen Tanten «Scharlachrot» von Patent Ochsner sang und dabei ihre wilden Locken schüttelte. Ich weinte. So viele Tränen hinterlassen die Geschichten von Abbruch und nicht gemeinsam gelebtem Leben. So viel Trauer. Schmerz. Bei mir. Bei der ganzen Familie. Wie viel Trauer und Schmerz hat sie erlebt?
Sollte diese kleine Maus, die nächstes Jahr die Schule beenden wird, irgendwann vor mir stehen, werde ich sie in die Arme nehmen. Dann ist Stunde null. Und wir werden den ersten Schritt machen – in unsere gemeinsame Zukunft.•
*Die richtigen Namen von Alice und Lisa wurden anonymisiert. Sie wollten keinen Abrechnungskampf über ein Medium führen. Und sie wollen ihre Enkelkinder schützen. Der Grund, warum sie sich an das Grosseltern-Magazin gewendet haben, ist, dass sie einen Appell «an alle Eltern da draussen» richten möchten: «Grosseltern sind so wichtig für die Enkelkinder! Sie sind ein Geschenk, sie können euren Kindern so viel mitgeben ins Leben. Unterbrecht diese natürliche Linie nicht!»
Dem Grosseltern-Magazin ist bewusst, dass wir hier lediglich eine Seite zu Wort kommen lassen. Es geht nicht um Schuldzuweisung, sondern darum, den Schmerz entfremdeter Grosseltern unbewertet aufzuzeigen. Selbsthilfegruppen für «Verlassene Eltern und Grosseltern» gibt es unter selbsthilfeschweiz.ch
Recht auf Umgang per Gesetz?
In den letzten Jahren gab es einzelne Fälle, bei denen Grosseltern vor Gericht das Besuchsrecht für Enkelkinder zugesprochen bekommen haben. Bei allen Diskussionen steht primär das Wohl und das Interesse der Kinder im Zentrum. Grosseltern haben vom Gesetz her kein Recht auf Umgang mit Enkelkindern. Empfohlen wird, in einer ersten Phase die Streitigkeiten über das Besuchsrecht per Mediation oder Familienberatungsstellen zu lösen. Oft kommt man auf diesem Weg zu einer gangbaren Lösung. Ist das nicht der Fall, ist für eine allfällige Erteilung des Besuchsrechts die KESB am Wohnort des Kindes zuständig. Bestehen keine nachweisbaren Gründe für eine Kontaktverweigerung (Gewalt, Übergriffe), haben die Eltern zum Wohl des Kindes in der Regel eine Alternative anzubieten. Zum Beispiel ein begleitetes Treffen mit einem Elternteil. Wird der Antrag durch die KESB «beschwerdefähig» abgelehnt, können Grosseltern den Kontakt am Gericht einklagen. Sie müssen jedoch die «ausserordentlichen Umstände» beweisen können. Die könnten gegeben sein, wenn die Grosseltern durch häufige Betreuung eine besonders enge und gefestigte Beziehung zu den Enkel:innen haben. Möchte das Kind gerne zu den Grosseltern und ist nicht anzunehmen, dass das Besuchsrecht dem Kind schadet – etwa wegen Streitereien der Erwachsenen vor dem Kind –, stehen die Chancen für Grosseltern nicht schlecht. Die Treffen dürfen für das Kind jedoch nicht zum Zwang werden. Bringen Grosseltern diesen Beweis der «ausserordentlichen Umstände» nicht, können sie den Kontakt gegen den Willen der Eltern nicht durchsetzen.
Quelle: Beobachter Rechtsberatung

