Let’s talk about Sex

Emilie Lötscher versteckte ihre «Bravo» einst zwischen den Geigennoten. Ihr Enkel Luca stellt seine Fragen heute einer Künstlichen Intelligenz. Dazwischen liegen 70 Jahre gesellschaftlicher Wandel und eine Konstante: Jugendliche jeder Generation suchen Antworten auf Fragen zu Liebe, Körper und Sexualität.

Von Susanna Valentin (Lauftext) und Marisa Zürcher (Illustration)

«Schöne Gefühle, selbst gemacht», wirbt Dr. Sommer auf der Titelseite der ­«Bravo». 70 Jahre nach der ersten Ausgabe blättert der 14-jährige Luca* durch das Jugendmagazin, bleibt bei einzelnen Überschriften hängen und legt das Heft schliesslich wieder auf den Wohnzimmertisch. «Die Themen interessieren Jugendliche in meinem Alter schon», sagt er. Viel Neues entdeckt er allerdings nicht. «Meine Eltern haben mir Fragen schon sehr früh beantwortet. Ich habe jüngere Geschwister, da war zum Beispiel das Thema, wie Kinder entstehen, sehr schnell auf dem Tisch.» Überhaupt sei die Stimmung zu Hause entspannt und Aufklärung kein Riesending gewesen wie zu Zeiten seiner Grossmutter. «Und wenn ich etwas sofort wissen möchte, frage ich die KI.»
Seine Grossmutter Emilie Lötscher* blickt auf die «Bravo» und nimmt sie in die Hände. Sie ist zehn Jahre älter als «Bravo», ihre Erinnerungen an erste Berührungspunkte mit dem Magazin sind geprägt von Heimlichkeit und Scham. «Eine Kollegin hat mir einmal ein Heft mitgegeben, das ich dann in meinen Geigennoten vor meinen Eltern versteckt habe.» Allerdings habe sie es darin vergessen und der Geigenlehrer habe es entdeckt. «Er hat furchtbar mit mir geschimpft, dass er mir nie zugetraut hätte, solche Lektüre zu konsumieren.» Luca schüttelt den Kopf. Für ihn ist es unvorstellbar, dass eine heutige Lehrperson auf diese Weise reagiert hätte. «Ich glaube, das würde sie überhaupt nicht interessieren. Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass das so eine Riesensache war.» Eine Zeitschrift, zwei völlig unterschiedliche Erfahrungen: In den 70 Jahren «Bravo» hat sich gesellschaftlich einiges verändert.

Aufklärung mit Hindernissen
«Die ‹Bravo› war und ist noch immer mehr als ein Aufklärungsmedium», sagt Peter-Paul Bänziger dazu. Er ist Professor und Dozent am Departement Geschichte der Universität Basel und hat unter anderem zur Geschichte der Sexualität publiziert. «Musik, Popkultur, Mode, Beziehung und alles, was dazugehört», zählt er auf, «in kulturpessimistischen Kreisen galt sie damals als Schundliteratur und nicht für die Entwicklung anständiger Gesellschaftsmitglieder geeignet.» Insbesondere nicht für Mädchen oder junge Frauen, wie Emilie Lötscher an eigenem Leib Anfang der 1960er-Jahre erfahren hat. Und doch war es für die jungen Menschen damals eine zuverlässige Quelle für Informationen rund um den eigenen Körper und Sexualität. «Es ist nicht so, dass es keine anderen Aufklärungswerke gegeben hätte, entsprechende Literatur existiert seit dem frühen 20. Jahrhundert. Sie war aber nicht gut ­zugänglich», ergänzt Peter-Paul Bänziger.
Emilie Lötscher und ihr Bruder stiessen daheim auf ein solches, versteckt in der hintersten Ecke eines Schrankes. Wahrscheinlich habe sich ihre Mutter dieses vor der Hochzeit zugelegt, um sich selbst zu informieren, was sie im Ehebett erwarte. «Mein Bruder und ich lasen heimlich darin und versorgten uns damit mit dem Wissen, das in unserer Umgebung als absolutes Tabu gehandelt wurde», erinnert sich die 80-Jährige. – Immer mit der Angst, entdeckt zu werden.
Hört ihr jüngster Enkel Noé* (9) diese Geschichte, reagiert er erstaunt. «Bei uns zu Hause legt meine Mutter Büechli auf den Tisch, in denen zum Beispiel Fragen von Kindern beantwortet werden.» (Anm. der Redaktion: «Klär mich auf – 101 echte Kinderfragen rund um ein aufregendes Thema» von Katharina von der Gathen und Anke Kuhl). Manchmal lese er ein bisschen darin, meistens frage er aber einfach seine Mutter, die ihm immer eine Antwort gebe, auch wenn ihm die Frage etwas unangenehm sei. «Einmal bin ich aber auch neben meinem Kollegen gesessen, der bei Google die Frage eingegeben hat, wie Sex funktioniere.» Die Antwort war unaufgeregter, als sie hätte ausfallen können: Ein Erklärvideo für Kinder gab das Wissen preis, wie Geschlechtsverkehr ­funktioniert. Das Suchresultat hätte anders aussehen können, wäre in diesem Gerät keine Kindersicherung installiert gewesen.

Pornografie Auf Klick
Auch Luca hat die Frage schon dem Chatbot Gemini – dem KI-Assistenten von Google – gestellt. «Meistens lasse ich Fragen, die mir im Kopf herumschwirren, von einer KI beantworten», erklärt er. Im eingangs erwähnten Fall sei die Antwort sachlich-informativ ausgefallen und habe ihn nicht auf pornografische Seiten geführt. Dass Kinder und Jugendliche in der heutigen Zeit sehr schnell mit pornografischen Inhalten in Kontakt kommen können, ist Grund für das Projekt «Talk about Porno­graphy», das Thomas Brückmann initiiert hat. Der Genderwissenschaftler arbeitet für männer.ch, den Dachverband für Schweizer Männer- und Väterorganisationen. «Der einfache Zugang im Internet zu Pornografie macht eine gute Begleitung notwendig. Dazu gehört, diese Seiten nicht zu verteufeln, sondern den Dialog darüber zu finden», sagt Brückmann. Jugendliche seien durchaus in der Lage, das Gesehene nicht auf das reale Leben zu übertragen und vorgespielte Genderrollen zu hinterfragen. «Manchen dient ein entsprechender Film als Anschaumaterial, wie Sex funktioniert», erklärt er. Fakt sei, dass in der Regel bloss ein Kästchen angeklickt werden müsse, mit dem man bestätigt, über 18 zu sein, um die Inhalte zu konsumieren. «Und das macht die Gespräche darüber umso wichtiger», ist Brückmann überzeugt, «weil Pornos nicht als Bildungsmaterial, sondern als Unterhaltung zur Lusterzeugung bei Erwachsenen hergestellt werden.»
Lust sei ein Element gewesen, das in ihrer Jugend schlicht nicht mit Sexualität in Verbindung gebracht worden sei, erinnert sich Emilie Lötscher. «Man soll sich nur einem Mann hingeben, wenn man bereit für ein Kindlein sei», so die Worte, die ihr und ihren Mitschülerinnen im Sexualkundeunterricht der dritten Oberstufen durch eine Ärztin eingebläut worden seien. «Hingeben! Das muss man sich einmal vorstellen!», betont sie heute, als 80-jährige Frau.
Als Ende der 1960er, Anfang der 1970er die Pille verfügbar wurde, wurde sie zunächst innerhalb bestehender Ehen verwendet. «Die Pille hatte zunächst die Funktion, dritte, vierte oder fünfte Schwangerschaften in Ehen zu verhindern, die bereits mit Kindern gesegnet waren», erklärt Peter-Paul Bänziger. Ihr Zweck sei es zunächst nicht gewesen, Sexualität aus Freude an Körperlichkeiten zu ermöglichen. Emilie Lötscher war zu dieser Zeit verlobt und konnte sich dadurch das Verhütungsmittel verschreiben lassen. Später, als die Verlobung wieder aufgelöst wurde, erhielt sie beim Wunsch nach weiterer Verschreibung vom Arzt eine lange Moralpredigt. «Einander unverheiratet nahe zu sein, war zwar nicht mehr verboten», erzählt die mehrfache Grossmutter, «es war aber nach wie vor gesellschaftlich geächtet.» Sie ist froh, dass ihre Enkelkinder heute offener über ihre Wünsche und Bedürfnisse im Hinblick auf Beziehungen sprechen können.

Von Moral zu Konsens
Nicht nur der Zugang zu Sexualaufklärung hat sich verändert. Auch Themen wie sexualisierte Gewalt sind heute Teil der öffentlichen Debatte. «Verglichen mit einem Zeitraum von 70 Jahren sind diese wichtigen Themen, die seit jeher existieren, erst seit relativ kurzer Zeit sichtbar geworden», führt Peter-Paul Bänziger aus. «Die Frauenbewegung hat sie zwar schon früh aufgebracht, doch erst #Metoo und ähnliche Debatten haben die Bevölkerung breit sensibilisiert.» Noé kennt die Möglichkeit von sexuellen Übergriffen aus dem Präventionsunterricht in seiner Schule, den er in der 3. Klasse besuchte. «Uns wurden kurze Theaterstücke vorgespielt, in denen Menschen gegen ihren Willen angefasst wurden», erzählt er. Danach sei besprochen worden, wie man darauf reagieren könne. Bänziger unterstützt solche Angebote: «Besonders Mädchen müssen darin gestärkt werden, Grenzen setzen zu können. Aber auch Jungs brauchen Aufmerksamkeit. Sie benötigen Vorbilder, um ein dialogisches Verständnis von sich selbst entwickeln zu können. Heute ist eine Beziehung immer auch ein Raum für Aushandlungsprozesse.»
Blickt Peter-Paul Bänziger als Historiker auf die vergangenen 70 Jahre zurück, ist er hin und wieder erstaunt. «Klar, die Offenheit und der Zugang zu Sexualität und dem eigenen Körper haben sich gewandelt. Zugleich orientieren wir uns heute noch immer ganz stark an den üblichen Normen: denjenigen einer Zweierbeziehung beispielsweise.» Sich selbst über die sexuelle Identität als Person zu definieren, sei zudem heute viel stärker ausgeprägt als noch vor wenigen Jahren. «Dabei könnte doch diese Thematik gerade aufgrund der gesellschaftlichen Offenheit und gestiegenen Toleranz viel weniger Raum einnehmen und Vielfalt als Normalität gesehen werden.»

Die Fragen bleiben
Die «Bravo» hat den gesellschaftlichen Wandel rund um Liebe, Beziehungen und Sexualität über Jahrzehnte begleitet. Für Noé ist die Sache mit dem Zusammensein noch nicht sehr aktuell. «Wahrscheinlich interessieren einen die Mädchen mehr, wenn man grösser ist.» Er sehe das bei den 6.-Klässler:innen in seinem Schulhaus, dort gäbe es hin und wieder neue Paare. Luca lässt die Sache mit den Beziehungen auf sich zukommen und ist froh, sich schon ein paar Gedanken darüber gemacht zu haben, KI und Eltern sei Dank. Vielleicht ist die «Bravo» mit Dr. Sommer längst nicht mehr das zentrale Medium für Jugendliche, um sich Tipps zu holen. Doch ob zwischen den Geigennoten versteckt oder einem Chatbot gestellt: Die Fragen zu Liebe, Beziehungen, Identität und Sexualität beschäftigen jede Generation aufs Neue.•

*Namen geändert

Podcast zum Thema
In unserem Podcast «Generation Grosseltern» reden wir mit der Sexualpädagogin Katharina Baer. Baer ist Mutter und Grossmutter, war Lehrerin und unterrichtete u. a. Biologie und Bildnerisches Gestalten. Später spezialisierte sie sich auf Sexualpädagogik und war massgeblich an der Einführung der Sexualpädagogik im Kanton Aargau bzw. an den dortigen Schulen beteiligt, wo sie selbst bis über die Pensionierung hinaus auch
Aufklärung unterrichtete. Wie wurde sie selber aufgeklärt? Wie redet man heute über Sexualität, Körper und Grenzen? Ausserdem gibt sie Tipps, wie Grosseltern mit Fragen der Enkelkinder zum Thema umgehen.
Zu hören ab 15. September, überall wo es Podcasts gibt, sowie auf grosseltern-magazin.ch