Kinderbuch-Tipp: Licht malt die Stimmung

Ein bisschen Schnee, eine bläuliche Aquarellsuppe und stereotyper Kerzenschein hinter Eisblumen: Illustrierende kümmern sich oft wenig um die Lichtverhältnisse; sie denken grafisch. Sogar beliebte Weihnachtsbilderbücher bieten mehr faulen Zauber als Lichterzauber. Doch es geht auch anders …

Illustration: Sydney Smith, aus: Ein Fest für den Weihnachtsmann, Aladin Verlag

Von Hans ten Dornkaat (Text)

Der Kanadier Sidney Smith ist zu Recht ein international gefeierter Illustrator. Er kann innere Zustände verständlich inszenieren und ist der psychologische Meister im Bilderbuch. Aber er kann – zusammen mit dem Autor Mac Barnett – auch vergnüglich erzählen: «Es ist noch nicht lange her, da feierte der Weihnachtsmann kein Weihnachten.» Schon die Begriffe in «Ein Fest für den Weihnachtsmann» zeigen an, dass hier der gemütliche Bartträger mit Rentieren auftritt. Die Zwerge wollen feiern, sie bringen ihm das Frühstück ans Bett, aber sie wollen auch, dass er einen Baum beschafft. Als sie sich sorgen, weil der Alte eine viel zu grosse Tanne fällt, sagt der Weihnachtsmann nur: «Wird schon passen.»
Smith illustriert locker mit breitem Pinsel. Doch wie er den blauen Himmel über dem Schnee, die Nacht mit und ohne Lichterketten oder den Kerzenschein in der Nikolaushütte malt, das ist kraftvolle Lichtregie. Und so kommt auch der «Jemand» daher, der mit einem Sack voller Geschenke anklopft. Schnee wirbelt herein, die Gestalt sprengt fast den Türrahmen. Wer wohl beim Weihnachtsmann den Weihnachtsmann spielt? Der richtige erkennt den Besucher, doch verrät er den Zwergen nichts. Wir allerdings sehen ihn im Bild.
In «Der Polarexpress» hört ein Bub an Heiligabend das Quietschen von Zugbremsen. Er schaut durch die Vorhänge, wagt sich im Pyjama in den Schnee hinaus und klettert in einen Waggon. Sind die Fahrt durch Wälder und über Viadukte und schliesslich der Empfang beim Weihnachtsmann in seiner Stadt nur ein Traum? Auf dem Rückweg verliert der Bub das Glöckchen vom Rentierschlitten und damit den Beweis für sein Erlebnis. Aber am nächsten Morgen findet er ein kleines Paket unter dem Baum, mit Gruss von «W.»: Das Glöckchen klingt schöner denn je.
Das Bilderbuch erschien erstmals vor bald 40 Jahren, wurde neu aufgelegt und hat auch als Filmvorlage gedient. Wie Chris van Allsburg die Lichtstimmungen malt, ist nicht nur grosse Kunst, sondern macht eindrücklich klar, dass Magie – selbst in der Abbildung des Glöckchens (unten) – auch von Lichtregie lebt.

Zwei Nachbemerkungen
Ich könnte jetzt auf einen der berühmtesten Künstler weltweit verweisen, auf den Niederländer Rembrandt van Rijn. Er hat das Licht so überzeugend gemalt wie wenige Altmeister. Er schaffte das, indem er mit Dunkel nicht sparte.
Aber noch wichtiger ist mir, auf eine mögliche Verstimmung zu reagieren: Sollten Sie sich ärgern über die Invasion angelsächsischer Weihnachtsmänner, so gestehe ich, dass mir das gelegentlich auch so geht. Deshalb habe ich, als ich noch im Verlag arbeitete, ein wunderbar «einheimisches» Bilderbuch neu aufgelegt; ganz ohne Rentierklimbim, dafür mit dem Esel Nuck, der die Rolle ungehorsamer Kinder übernimmt: «Nikolaus und der dumme Nuck».


Ein Fest für den Weihnachtsmann.
Mac Barnett (Text), Sydney Smith (Bilder). Aladin Verlag.

Der Polarexpress.
Chris van Allsburg, Deutsch von Hansjörg Schertenleib. Aladin Verlag.

Nikolaus und der dumme Nuck.
Luise von der Crone (Text), Adelheid Schait (Bilder). Atlantis Verlag.