Manuel Burkart vom Cabaretduo Divertimento hat die künstlerische Ader seiner Grossmutter und das schlaksige Äussere seines Grossvaters ­geerbt. Daneben verdankt er ihnen noch unglaublich viele schöne Erinnerungen.

Von Geraldine Capaul (aufgezeichnet)

Mimi und Bobo sind mir in wärmster Erinnerung. Wir verbrachten viel Zeit bei meinen Grosseltern mütterlicherseits auf dem Hönggerberg in Zürich. Bobo – Werner Jurt – war ein herzensguter, ruhiger, besonnener Mensch, der sehr auf seine Gesundheit achtete. Vielleicht auch wegen seines Berufes. Er arbeitete als Drogist am Rennweg in Zürich. Ich sehe ihm sehr ähnlich, er war ebenfalls gross und schlaksig.
Mimi, Maria Jurt, war Künstlerin, sie hat professionell gemalt, aber ihre Werke nur selten ausgestellt. Als hyperbescheidene Frau stand sie nie gern im Mittelpunkt. Dass sie gut zeichnen konnte, war auch für uns Enkel ein Geschenk. Wir haben oft dort übernachtet. Wenn wir im Bett lagen, hat Mimi uns eine frei erfundene Geschichte von der Familie Hoppedipoppel erzählt. Sie hat die Geschichte aber nicht nur erzählt, sondern grad live illustriert. Was da in unseren Kinderköpfen passieren durfte, unglaublich. Wir schliefen immer in ihrem Atelierzimmer, dort hatte sie die ganze Wand mit einer Waldszene und grossflächigen Märchen- und Romanfiguren bemalt. Die rote Zora war da, die sieben Zwerge, Pumukl. Und eine Eule. Alles war so gezeichnet, als ob die Figuren einem mit den Augen durch den Raum folgten. Das war faszinierend – und auch ein wenig unheimlich.
Als Teenager habe ich Mimi mal gefragt, ob sie mir zeichnen beibringen könne. Wir sind zusammen hingesessen und sie hat mir gezeigt, wie man mit Bleistift Gesichter zeichnet – die Augen in der Mitte zum Beispiel. Das Gesichterzeichnen habe ich nie verlernt und es mittlerweile meinen Kindern beigebracht.
Im Wohnzimmer der grosselterlichen Wohnung standen dunkle Möbel auf dicken Teppichen, vor dem Sofa ein Holztischchen mit einem langen Tischtuch. Samstagabends durften wir manchmal eine typische Samstagabend-Show schauen, «Wetten, dass …?», «Versteckte Kamera» oder so. Dazu assen wir das Abendessen. Essen vor dem Fernseher? Ein absolutes No-Go bei meinen Eltern. Es gab zum Beispiel das legendäre Birchermüesli von Bobo, bei welchem er seine Gesundheitsansprüche zu vergessen schien – da war so viel Rahm drin. Manchmal bereitete Mimi halbweich gekochte Eier mit selbst gemachter Mayo vor. Nach dem Essen legten sich meine Schwester und ich bäuchlings unter dieses Tischchen und schauten den Rest der Sendung.
Meine drei Geschwister und ich wuchsen auf dem Land auf. Deshalb war die städtische Atmosphäre bei meinen Grosseltern besonders faszinierend. In ihrem Badezimmer etwa gabs ein kleines Dachfenster. Ich sass gern in diesem Raum und lauschte dem leisen Rauschen der fernen Hardturm-Autobahn – ein unvergessliches Geräusch. Oder die Sache mit dem Fussball: Als Kind war ich mega GC-Fan. Von Mimis und Bobos Balkon aus sah man ins Hardturm-Stadion hinein. Ich stand also da auf diesem Balkon, mit dem Feldstecher in der Hand, und schaute die Matches. Ehrlich, ich hatte das Gefühl, die Fans stünden unter dem Balkon.
Mimis und Bobos letzte Monate waren schwer. Sie lebten am Schluss zusammen in einem Heim, weil Bobo zusehends geistig abbaute. Bei einem Besuch, ich war bereits erwachsen, nahm Mimi gerade an einer Gymnastikstunde teil. Ich seh sie vor mir, wie sie auf einem Stuhl sass, mit den Seidenbändern in der Hand. Ich sah ihr an, dass sie sich total deplatziert fühlte. Bei diesem Bild schnürt sich mir noch heute der Hals zu.
Bobo starb 2002. Meine Mutter brachte ihm die letzten ­Monate täglich Schokolade und eine kleine Flasche Rotwein. Er ist friedlich eingeschlafen. Mimi ist zwei Jahre vor ihm gegangen. Sie war bis zum Schluss unfassbar sozial, setzte sich selber erst an die etwa 100. Stelle. Ich sah sie oft am Telefon, weil sie ­allen zuhörte, für alle ein offenes Ohr und vor allem ein offenes Herz hatte. An ihre Beerdigung kamen dann auch unfassbar viele Menschen.
Es sind so viele Erinnerungen, und dafür bin ich riesig dankbar. Wie schön wäre es gewesen, wenn meine Kinder Mimi und Bobo hätten kennenlernen dürfen.•


Manuel Burkart (42) bildet zusammen mit Jonny Fischer das erfolgreiche Schweizer
Cabaretduo ­Divertimento. Die beiden Bühnenprofis sind mit ihrem 5. Programm «Sabbatical» auf Tour und spielen vor ausverkauften Sälen. Zurzeit sind aber alle Vorstellungen wegen der Corona-Krise verschoben. Manuel Burkart lebt mit seiner Frau und den drei Kindern im Zürcher Oberland. Infos zu den Auftritten und DVDs:
cabaret-divertimento.ch