Ungefähr 5500 Kinder in der Schweiz sind in Pflege­familien untergebracht. Manche von ihnen leben nur vorübergehend auswärts, andere ver­bringen ihre gesamte Kindheit in einer Familie, aus der sie nicht stammen – und zu der sie trotzdem gehören.

Von KARIN DEHMER (Text) und Tibor Nad (Fotos)

Wenn Marianne Maibach donnerstags um acht Uhr das Haus ihrer Tochter betritt, ist ihr Enkel Lorin (5) bereits im Kindergarten, dafür stürmen ihr Lias (16 Monate) und Noel (2) entgegen. Noel will sofort wissen, was Grosi in ihrem Rucksack mit dabei hat. Die gelernte Kindergärtnerin und Spielgruppenleiterin nimmt jedes Mal andere Materialien zum Basteln mit. Sobald die Mutter sich auf den Weg zur Arbeit gemacht hat, beginnen Grossmutter und Enkelkinder mit dem Tageswerk. Heute malen sie einen gros­sen Weihnachtsbaum und bekleben ihn anschliessend mit allerlei Funkelndem und Glitzerndem.
Seit Lorins Geburt fährt die 58-Jährige einmal die Woche von ihrem Wohnort in Spiez mit Zug und Bus ins aargauische Freiamt und am Abend wieder zurück. Daneben führt sie an zwei Vormittagen eine Spielgruppe, gibt Eltern-Kind-Singkurse und hütet regelmässig ihre anderen Enkelkinder. «Ich habe meinen Kindern immer gesagt, dass ich sie unterstützen werde, wenn sie einmal Kinder haben.» Sie lacht. «Dieses Versprechen löse ich jetzt ein, auch wenn meine Enkelkinder fast alle gleichzeitig gekommen sind.»

Nach dem Mittagessen und wenn die beiden Jüngeren ihren Mittagsschlaf beendet haben, geht die Grossmutter mit den drei Jungs an die frische Luft. Später gibt es Zvieri, sie singen gemeinsam oder backen etwas. Ein ganz normaler Tagesablauf, wie er von vielen anderen betreuenden Grosseltern und ihren Enkelkindern bestritten wird. Mit dem Unterschied, dass eines von Marianne Maibachs Enkelkindern nicht ihr leibliches ist. Noel ist ein Pflegekind. Seit seinem vierten Lebensmonat lebt er bei der Familie ihrer Tochter. «Es kommt öfters vor, dass wir gefragt werden, ob Noel und Lias Zwillinge seien, weil sie fast gleich gross sind», erzählt Marianne Maibach. «Andere wundern sich, dass Noel seinen zwei Brüdern so überhaupt nicht ähnlich sieht.» Manchmal zuckt die Familie ob der Fragen die Schultern, manchmal klärt sie auf.

Vor drei Jahren entschieden sich die Tochter von Marianne Maibach und ihr Mann, ein Kind in Pflege zu nehmen. «Wir hatten früher jeden Sommer sogenannte Berliner Ferienkinder bei uns. Für meine drei Kinder war es normal, ihr Zuhause und ihre Eltern mit «fremden» Kindern zu teilen», sagt die achtfache Grossmutter. Sie glaubt, dass diese Erfahrung plus die Gewissheit der Tochter, jederzeit mit der Unterstützung ihrer Mutter rechnen zu können, nicht unwesentliche Faktoren bei ihrem Entscheid gewesen sind.

Eine öffentliche Aufgabe
Grundsätzlich können sich in der Schweiz alle volljährigen Personen bei einer sogenannten Familienplatzierungsorganisation (FPO) für eine Pflegeelternschaft bewerben. Das Auswahlverfahren ist von Organisation zu Organisation verschieden. Karin Gerber, Leiterin der Fachstelle Pflegekind Aargau, erläutert das Verfahren ihrer Fachstelle: «Mögliche Pflegeeltern werden unter anderem auf ihre Persönlichkeit, Konfliktfähigkeit, Gesundheit und erzieherische Eignung geprüft. Sie müssen verstehen können, dass das Kind aufgrund seiner Geschichte mögliche Verhaltensweisen aufzeigt, die besonderes Verständnis und Interventionen erfordern, und bei all dem darf das Wohl von eigenen Kindern natürlich nicht leiden.» Die Fachstelle Pflegekind Aargau führt schriftliche Assessments und Belastungstests durch sowie mehrere Gespräche mit allen Familienmitgliedern, auch allfällige Betreibungen und Vorstrafen werden abgeklärt. «Ein Pflegekind aufzunehmen ist eine öffentliche Aufgabe, die Grenzen zum Privatleben werden aufgeweicht. Dazu muss man bereit sein», so Karin Gerber. Die Familie wird regelmässig von einem Mitarbeitenden der Familienplatzierungsorganisation besucht, die Verhaltensweise des Kindes steht unter Beobachtung, die Pflegeeltern besuchen Supervisionen und werden zu entsprechenden Weiterbildungen oder Kursen angehalten.

Starke Verbindung von Anfang an
Kurz nach dem Abschluss der Formalitäten besuchte die Familie von Marianne Maibach Noel zum ersten Mal im Kinderheim. «Ich weiss bis heute nicht, was es war, aber ich hatte vom ersten Augenblick an eine starke Verbindung zu diesem Kind», erinnert sich die Grossmutter. «Daran hat sich bis heute nichts geändert. Ich spürte und spüre nie einen Unterschied in den Gefühlen für meine leiblichen Enkelkinder und für Noel.»
Noch während sich Baby Noel in der Familie eingewöhnte, meldete sich weiterer, leiblicher Nachwuchs an. Lias war unterwegs. «Natürlich ist es streng, drei Kinder zu haben, die altersmässig so nahe zusammen sind», sagt Marianne Maibach, «aber Noel und Lias profitieren auch vom jeweiligen Entwicklungsstand des anderen. Sie schauen einander Dinge ab und lernen voneinander.»

Besuche bei der Ursprungsfamilie
Am schwierigsten findet Marianne Maibach, wenn Noel jeweils einmal pro Woche seine leibliche Familie besucht. «Er weint jedes Mal und will nicht gehen.» Die Grossmutter fügt sofort hinzu, dass sich Noels leibliche Eltern sehr Mühe geben und sich immer auf ihren Sohn feuen. «Ausserdem sind die Besuche von einer Fachperson begleitet.» Trotzdem, wenn die Grossmutter am Donnerstag kommt, kann sie jedes Mal sagen, ob Noel am Tag zuvor zu Besuch bei seiner Ursprungsfamilie gewesen ist. «Er ist dann anhänglicher, will mich nicht loslassen.» Es ist unschwer zu erkennen, dass die Grossmutter mit diesen Besuchen hadert. Karin Gerber von der Fachstelle Pflegekind Aargau sagt denn auch, dass die Kontakte mit der Ursprungsfamilie für alle Beteiligten – das Kind, die Pflegefamilie und die Ursprungsfamilie – der sensibelste Bereich des Pflegsystems sei. «Die
Besuche sind wichtig und wenn das Kind nicht gefährdet ist, spricht nichts dagegen. Die Pflegeeltern müssen in der Lage sein, ihr Pflegekind auch in dieser schwierigen Situation zu unterstützen.» Sobald das Kind mögliche Gründe artikulieren kann, weshalb es seine Eltern nicht besuchen will, würden diese natürlich angehört und evaluiert werden.

Loyalitätskonflikt vermeiden
Eine gute Beziehung zwischen der Pflegefamilie und der Ursprungsfamilie ist einer der wichtigsten Faktoren für ein gutes Gelingen des Pflegesystems. «Wenn die Ursprungsfamilie gegen die Pflegefamilie oder das Pflegesystem opponiert, gerät das Kind sehr schnell in einen Loyalitätskonflikt», sagt Karin Gerber.
Von ihrer guten Beziehung zur Pflegefamilie ihrer Enkelin Julianna (7) profitiert auch Grossmutter R.H. (60) aus dem Kanton Solothurn. R.H.s Tochter leidet seit der Pubertät an schweren psychischen Problemen. Von der Geburt ihres Enkelkindes erfuhr R.H. durch eine wirre Nachricht ihrer Tochter vor sieben Jahren, in der sie ihr mitteilte, sie hätte vor fünf Tagen ein Mädchen geboren. «Am Tag ihres Anrufs hat sie das Kind zurück in die Geburtsklinik gebracht, weil sie damit überfordert war.» Sofort machten sich die frischgebackene Grossmutter und ihr Sohn, der soeben zum ersten Mal Onkel geworden war, auf die Suche nach dem Baby und fanden Julianna schliesslich in einem Kinderheim.
Mehrere Wochen wechselten sich die beiden täglich ab, um bei ihrer Enkelin und Nichte zu sein. «Wir fütterten oder badeten sie und waren einfach bei ihr. Sie hatte es sehr gut im Heim und wurde wunderbar umsorgt.»
Die Tochter verweigerte jeglichen Kontakt und es konnte nicht in Erfahrung gebracht werden, wer der Vater von Julianna ist. Die Frage, ob R.H. das Baby zu sich nehmen würde, stellte sich nur kurz. «Die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB) sucht immer nach dem bestmöglichen Szenario, und Julianna bei mir oder meinem Sohn unterzubringen, hätte dem nicht entsprochen. Unsere Beziehung zur Kindsmutter war zu angespannt. Das hätte nur Probleme gegeben.» Seit einiger Zeit stehen R.H. und ihre Tochter wieder in Kontakt, aber über Julianna reden sie kaum. «Es ist ein Thema, das wir umgehen.» Bis heute weiss R.H.s Tochter nicht, wie eng die Verbindung zwischen Grossmutter und Enkelin ist.
Die KESB hat R.H. in die Suche nach einer geeigneten Pflegefamilie einbezogen. «Dem Beistand war es sehr wichtig, dass wir uns gut verstehen würden, gerade weil wir ja sehr involviert waren.» Mittlerweile ist Juliannas Pflegebruder auch zu R.H.s Enkel geworden. Sie hütet regelmässig in der Familie und Julianna kommt auch zu ihr in die Ferien. «Dieses Kind ist mein grosses Wunder.»
Julianna weiss, dass ihre Pflegeeltern nicht ihre richtigen Eltern sind und sie war auch schon zu Besuch bei ihrer leiblichen
Mutter, die mittlerweile in einer psychiatrischen Klinik lebt. Aber für sie ist ihre Mutter eine fremde Frau. «Ihr Mami und ihr Papi sind ihre Pflegeeltern», sagt die Grossmutter.
Die KESB und die Familienplatzierungsorganisationen sind darum bemüht, gerade bei möglichen Langzeitaufenthalten einen konstanten Pflegeplatz für die Kinder zu finden. Und dies ist auch der grösste Wunsch und gleichzeitig die einzige Sorge von Grossmutter R.H: «Ich bin für jeden Tag dankbar, den Julianna bei dieser Familie leben kann. Aber es kann viel passieren. Es darf niemand krank werden. Die Ehen müssen halten.»
Die Furcht, dass ein Pflegekind umplatziert wird, kennt Marianne Maibach ebenfalls, aus der anderen Perspektive: «Die Fälle werden ja regelmässig wieder angeschaut und hundertprozentige Sicherheit hat man nicht, dass man das Kind bis zu
seiner Volljährigkeit behalten kann. Mit dieser Vorstellung im Hinterkopf muss man umgehen können, auch wenn sie schmerzhaft ist.» •

Pflegesystem in der Schweiz
Es gibt keine genaue Zahl, wie viele Pflegekinder es in der Schweiz gibt. Geschätzt leben rund 18 000 Kinder und Jugendliche nicht bei ihrer Ursprungsfamilie. Ca. 30 Prozent von ihnen sind in Pflegefamilien untergebracht. Die Kinder werden erst fremdplatziert, wenn alle anderen Massnahmen wie Beratung, Familienbegleitung und Therapie gescheitert sind oder wenn Eltern ihre Funktion als solche nicht wahrnehmen können. Besonders schnell geht es, wenn das Kindeswohl gefährdet ist.
Die Aufgaben der KESB
Berufsbeistände der KESB nehmen sich der Fälle an, die über verschiedene Quellen an sie gelangen (Sozial­arbeitende, Spitäler, Polizei oder die Familien selbst). Das Familien­gericht entscheidet in der Folge über eine mögliche Fremdplatzierung. Ist die Indikation für eine Pflegefamilie gegeben, wendet sich die KESB an Familienplatzierungsorganisationen (FPO) des Kantons, mit dem Auftrag, eine für das Kind passende Familie zu finden.
Die Aufgaben der Familienplatzierungs­organisationen (FPO)
Eine FPO kümmert sich um die Vermittlung und Begleitung von Pflegekindern und deren Pflegefamilien. Sie waltet
als Bindeglied zwischen Herkunfts- und Pflegefamilie. Sie sucht und bereitet Pflegefamilien schrittweise auf ihre anspruchsvolle Aufgabe vor. Nach der Aufnahme des Kindes wird die Pflegefamilie während der Zeit ihres Engagements von der Organisation unterstützt und begleitet. Bei den Aufenthalten wird unterschieden zwischen sogenannten SOS-Platzierungen bei unmittelbar gefährdetem Kindeswohl (maximal 6 Monate), mittelfristigen Platzierungen (wenn absehbar ist, dass die Kinder zurück zu den Eltern können) und Dauer­aufenthalten, die meist bis zur Volljährigkeit des Kindes dauern.
Pflegefamilie werden
In der ganzen Schweiz werden Familien gesucht, die Pflegekinder aufnehmen. Teilweise gibt es mehrere FPOs pro Kanton mit unterschiedlichen Bezeichnungen. Mögliche Vorgehensweise für Interessierte: Googlesuche mit den Stichworten «Pflegekinder» und Wohnkanton oder Auskunft einholen bei den
Sozialen Diensten des Wohnkantons.

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