Moderne Wege der ADHS-Therapie und die Rolle der Grosseltern

Viele Grosseltern erinnern sich noch an den „Zappelphilipp“ aus dem Struwwelpeter – ein Sinnbild für ein unruhiges, unaufmerksames Kind. Heute weiss man, dass hinter solchem Verhalten oft eine neurobiologische Besonderheit steckt: die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung, kurz ADHS. Wenn Enkelkinder diese Diagnose erhalten, wirft das bei Grosseltern oft Fragen auf. Die Zeiten, in denen man dies als blosse „Erziehungsfrage“ abtat, sind vorbei. ADHS ist keine „Modeerscheinung“, sondern eine reale Veranlagung, die den Alltag des Kindes und der gesamten Familie stark beeinflussen kann.

Kinder mit ADHS haben es oft schwer, den Erwartungen in der Schule oder im sozialen Miteinander gerecht zu werden. Ihr Gehirn verarbeitet Reize anders; es fällt ihnen schwerer, Wichtiges von Unwichtigem zu filtern und ihre Impulse zu steuern. Doch es gibt gute Nachrichten: ADHS ist heute gut verstanden und sehr gut behandelbar.


Der Weg zur Klarheit: Nicht jedes unruhige Kind hat ADHS

Bevor eine Therapie beginnen kann, steht eine sorgfältige Abklärung an. Die Sorge, dass Kinder heutzutage zu schnell einen Stempel aufgedrückt bekommen, ist verständlich. Eine seriöse ADHS Diagnostik ist jedoch ein aufwendiger Prozess, der weit über einen kurzen Test hinausgeht. Fachärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie oder spezialisierte Psychologen führen diesen durch. Dazu gehören ausführliche Gespräche mit den Eltern und dem Kind, standardisierte Fragebögen, die Beobachtung des Kindes in verschiedenen Situationen und oft auch Rückmeldungen der Schule. Es ist wichtig, andere mögliche Ursachen für das Verhalten auszuschliessen, etwa Hör- oder Sehprobleme, familiäre Belastungen oder andere psychische Besonderheiten. Erst wenn ein klares Muster über einen längeren Zeitraum und in verschiedenen Lebensbereichen (z.B. Zuhause und in der Schule) besteht, wird die Diagnose gestellt.


Ein Plan mit vielen Bausteinen: Die multimodale Therapie

Bei ADHS gibt es nicht die eine Lösung. Erfolgreich ist fast immer eine Kombination verschiedener Ansätze, die individuell auf das Kind zugeschnitten werden. Man spricht hier von einer „multimodalen Therapie“.

Der erste Pfeiler ist oft die Aufklärung – für das Kind und die Familie. Alle müssen verstehen, was ADHS ist und was es nicht ist (nämlich keine Absicht oder Faulheit des Kindes).

Ein zentraler Baustein ist die Verhaltenstherapie. Hier lernt das Kind konkret, wie es sich besser organisieren, wie es auf seinen „inneren Akku“ achten oder wie es Wut und Impulse besser steuern kann.

Mindestens ebenso wichtig ist die Beratung der Eltern und des nahen Umfelds. Eltern (und oft auch Grosseltern) lernen, wie sie mit klaren Strukturen, positiver Bestärkung und konsequenten, aber fairen Regeln den Alltag erleichtern können. Es geht darum, die Umgebung an das Kind anzupassen, statt vom Kind zu verlangen, sich gegen seine Veranlagung „zusammenzureissen“.


Das kontroverse Thema: Medikamente als Helfer

Kaum ein Thema wird im Zusammenhang mit ADHS so emotional diskutiert wie der Einsatz von Medikamenten, beispielsweise mit dem Wirkstoff Methylphenidat. Für viele Grosseltern mag der Gedanke befremdlich sein, einem Kind „Psychopharmaka“ zu geben.

Hier ist ein nüchterner Blick hilfreich: Diese Medikamente sind keine Beruhigungsmittel, die das Kind „stillstellen“. Im Gegenteil. Sie wirken im Gehirn auf jene Botenstoffe (vor allem Dopamin), die bei ADHS im Ungleichgewicht sind. Das Medikament hilft dem Gehirn, Reize besser zu filtern und die Konzentration zu bündeln. Für viele Kinder ist dies die Voraussetzung, um von der Verhaltenstherapie überhaupt profitieren zu können. Sie erleben plötzlich, dass sie stillsitzen können und dem Unterricht folgen. Die Entscheidung für oder gegen eine medikamentöse Unterstützung ist immer eine medizinische, die von Ärzten gemeinsam mit den Eltern nach sorgfältiger Abwägung getroffen und engmaschig kontrolliert wird.


Die Stütze im Hintergrund: Was Grosseltern tun können

Als Grosseltern befindet man sich in einer besonderen Position. Man ist nah dran, trägt aber nicht die tägliche Hauptverantwortung. Diese Position kann Gold wert sein.

Der wichtigste Beitrag ist Verständnis – für das Enkelkind und für die Eltern. Eltern von Kindern mit ADHS sind oft am Rande der Erschöpfung. Sie kämpfen an vielen Fronten: mit der Schule, mit Vorurteilen und mit der eigenen Kraft. Sie brauchen keine Ratschläge, was sie „falsch“ machen, sondern Rückhalt und Entlastung.

Grosseltern können ein Ruhepol sein. Wenn das Enkelkind zu Besuch ist, helfen klare Absprachen und eine verlässliche Struktur. Gleichzeitig bieten Grosseltern oft den Raum, die Stärken des Kindes zu fördern. Kinder mit ADHS sind häufig ausserordentlich kreativ, empathisch, begeisterungsfähig und humorvoll. Diese positiven Seiten zu sehen und zu spiegeln, stärkt das Selbstwertgefühl des Kindes enorm.

Das Ziel einer ADHS-Therapie ist nicht, ein „perfekt angepasstes“ Kind zu formen. Das Ziel ist, dem Kind Werkzeuge an die Hand zu geben, damit es seine Potenziale entfalten und trotz seiner spezifischen Wahrnehmung einen guten Weg ins Leben finden kann.