Nik Hartmann: Meine Grosseltern waren Feriengrosseltern

Von seiner Grossmutter hat Nik Hartmann das Imitieren von Dialekten geerbt, vom Grossvater die Lust aufs Wandern. Er freut sich darauf, selbst einmal Grossvater zu werden.

Fernseh- und Radiomoderator
Nik Hartmann (47) ist in Burgdorf
und am Zugersee aufgewachsen.
Er ist verheiratet und hat drei Kinder. Zurzeit ist er in der Serie «SRF bi de Lüüt – Wunderland Spezial» zu sehen. Darin wandert er in 30 Tagen von
Vaduz nach Montreux.

Mein Bruder sass auf dem rechten Knie meiner Grossmutter und ich auf dem linken. Valentin war damals vier. Ich bin drei Jahre älter und unsere Grossmutter erklärte uns, dass wir bald weit weg ziehen würden. Ohne sie, aber dass sie uns auch immer wieder besuchen und uns schreiben würde und wir sicher auch zu ihr in die Ferien kommen dürfen. Das war 1979 in Burgdorf am Tag vor unserem Umzug in den Kanton Zug, weil Vati dort eine neue Stelle in der Papierfabrik antreten musste.

Hörnli und Ghackets am Kinderherd
Ich erzähle Ihnen hier gerne ein wenig von den Eltern meiner Mutter. Dort waren wir oft und dort feierten wir grosse Familienfeste. Den anderen Grossvater lernte ich nie kennen, denn er starb bei einem Autounfall, als mein Vater gerade mal 17 Jahre alt war. Und seine Mutter lebte eher zurückgezogen und kämpfte bis zu ihrem Tod mit dem schweren Schicksal.
Meine Grosseltern mütterlicherseits lebten in einem Haus am äussersten Rand von Burgdorf. Es grenzte an weite Felder und die Ausläufer der Emmentaler Hügel. Im Sommer wurde dort Raps angepflanzt, ein Duft, der mich noch heute stark an jene Zeit erinnert, als ich mit meinem Bruder zu meinen Grosseltern ein paar Tage in die Ferien durfte. Ich habe keine Ahnung, wie lange wir jeweils dort waren. Die Zeit ging sowieso immer viel zu schnell vorbei. Mein Grossvater Alfred war Schreinermeister und hatte im Keller eine Werkstatt eingerichtet. Wir konnten uns stundenlang mit einem Hobel, mit den Stechbeiteln oder dem Laubsägelchen beschäftigen, durften auf den vier Sendern am Fernseher im Wohnzimmer alles und ganz lange schauen und kochten auf einem kleinen Kinderherd Hörnli und Ghackets.

Meine Grossmutter Lotti war eine grossartige, kreative Frau. Und dies nicht nur in der Küche. Sie war eine passionierte Autorin und Journalistin. Da war zwar die Familie und die vielen Aktivitäten meines Grossvaters, der in unzähligen Vereinen aktiv war, ein grosser Wanderer, der jeden noch so kleinen Hoger namentlich kannte, doch Lotti schaffte es trotzdem, sich ihrer Leidenschaft, dem Schreiben, oft und mit grosser Anerkennung zu widmen. Mein Grossvater war der Ruhige, Lotti die Lustige. Im Imitieren von Dialekten und Nachäffen von Persönlichkeiten war sie eine Wucht – etwas, was ich von ihr erben sollte.
Das Zuhause meiner Grosseltern war immer bereit, viele Gäste aufzunehmen. Es war immer Betrieb im Haus. Und so, wie ich mich an Düfte erinnern kann, scheppert nur schon vom Drandenken die Türklingel in meinen Ohren und ich erinnere mich genau an das Geräusch, das die Glastür zum Eingangsbereich gemacht hatte, wenn sie ins Schloss fiel.

Das Gleis im Bett
Wir durften am Morgen auch zu Grossmutter ins Bett. Beim Reinspringen mussten wir immer höllisch aufpassen, dass wir nicht mit einer Hirnerschütterung liegen blieben; Lotti tendierte nämlich zu Beinkrämpfen und hatte aus diesem Grund ein Stück Eisenbahnschiene am Fussende postiert, das die Krämpfe lindern sollte. Und wie ich dies hier schreibe, merke ich, dass das für mich damals etwas ganz Selbstverständliches gewesen war. Ein Gleis im Bett. Offenbar hat es geholfen. Ich bin dem bis heute nicht nachgegangen. Gestorben ist Lotti dann auf alle Fälle nicht daran, sondern an Krebs. Bis zuletzt sprach sie nicht darüber und sie versicherte allen, es gehe ihr gut.
Mein Grossvater starb ein paar Jahre später mit 92.
Meine Grosseltern waren Feriengrosseltern. Und wie versprochen, schrieb Lotti uns in die Ferne an den Zugersee regelmässig Postkarten. Ganz lustige, mit Gedichten. Etwas, mit dem meine Mutter unsere Buben nun auch immer wieder überrascht. Ich freue mich drauf, wenn ich mal Grossvater bin. •

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