Wissen wir das wirklich? Es kommt doch sehr darauf an, bei welchen Themen oder Fragen wir Erwachsenen zumindest glauben, die Wahrheit zu kennen. Aber im Zeitalter von Fake News sind wohl die meisten von uns etwas vorsichtiger geworden mit der Behauptung, von einer Nachricht mit
Sicherheit zu wissen, dass sie wahr sei. In welchem Zusammenhang könnte ein Kind die Frage gestellt haben? Ging es ihm um Zeitungsberichte? Vermutlich eher nicht. Hatte das Kind vielleicht mitbekommen, dass sich um die Weihnachtszeit allerhand Geheimnisse ranken, mit denen die Erwachsenen, sagen wir mal, «flexibel» umgehen? Woher weiss der Samichlaus, was ein Kind angestellt hat?
Ist es wahr, dass das Christkind die Geschenke bringt? Stimmt es, dass Jesus in einem Stall zur Welt gekommen ist? Und wenn die Weihnachtsgeschichte nur eine Legende wäre: Ist sie dann weniger wahr? Um auf solche Kinderfragen sinnvoll eingehen zu können, braucht es von uns Erwachsenen die Bereitschaft zur Selbstreflexion: Woher nehme ich die Gewissheit, etwas als wahr zu deklarieren?
Sind es historische Fakten (Widerstand gegen die römischen Herrscher in Jerusalem vor 2000 Jahren; ein Mann namens Jesus und weitere, die deswegen hingerichtet wurden; Menschen, die glaubten, dass dieser Jesus Gottes Sohn sei und ein Friedensreich errichten würde; andere, etwa 600 Jahre später, hielten ihn für einen Propheten …) oder sind es Glaubensgewissheiten (Jesus ist der gottgesandte Erlöser, angekündigt von Engeln, im Stall geboren, von Hirten und Königen besucht und verehrt …)? Nicht nur für Kinder ist es wichtig, zwischen «wahr für alle» (Faktenwissen) und «wahr für mich» (Glaubens­gewissheiten) unterscheiden zu können. Und sollte uns ein Kind die Titelfrage stellen, sollten wir ehrlicherweise zugeben, dass auch wir Erwachsenen über viele Fragen zuerst nachdenken und nachforschen müssen, um herauszufinden, ob etwas wahr sei. Und vielleicht philosophieren wir danach gemeinsam über Engel und Christkind, denn es ist wahr, dass es beides (zumindest als Wort) gibt, aber auf welche Weise es sonst noch wahr sein könnte, das dürfen wir für uns selber herausfinden – oder als Weihnachtsgeheimnis stehen lassen. Ein zu diesem Thema passendes Buch in der Adventszeit wäre Jostein Gaarders «Weihnachtsgeheimnis» (Hanser oder DTV). Das Buch erzählt in Märchenform von der Zeit- und Kulturreise eines kleinen Mädchens, das vom 20. Jahrhundert in Norwegen zurück ins Jahr Null in Bethlehem reist. Ab 6 Jahren zum Vorlesen empfohlen und mit spannenden kultur- und kunsthistorischen Informationen für die Vorlesenden.

Die Philosophie-Pädagogin Eva Zoller Morf hat vor über 30 Jahren das Philosophieren mit Kindern entdeckt und in Büchern und auf kinderphilosophie.ch publik gemacht.
Als Grossmutter freut sie sich nun über die kleinen Philosophen in ihrem Leben. Gerne nimmt sie auch Ihre Kinder­fragen entgegen, um zu überlegen und zu beschreiben, wie man damit umgehen könnte: redaktion@grosseltern-magazin.ch

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