Rund um den Kaugummiweg

Wo kleine Flecken gross rauskommen: Auf dem Zücher Kaugummiweg entdeckt man Kunst von einer
ungewohnten Seite.

Von Eli Wilhelm (Text)

Die Grossmutter wollte mit Enkelin Felia (12) Zürich erkunden. Der «Kaugummiweg» versprach, sie quer durchs Niederdorf zu führen, ganz ohne kompliziertes Rätseln wie bei den Foxtrails, jederzeit beendbar und völlig gratis. Er wurde vom Musée Visionnaire initiiert, das Ben Wilson eingeladen hatte, auf dem Pflaster klebende Kaugummis in Kunstwerke zu verwandeln. Wilson hat das mit Tausenden von Chewing Gums in seiner Heimatstadt London gemacht und hinterliess seine Kunst schon in vielen anderen Städten.
Grossmutter und Felia hatten eine Karte mit 23 Standorten dabei. Sie fanden den ersten einigermassen mühelos und waren froh um ihre Handys und die Vergrösserungsfunktion – die Zeichnungen waren so klein und detailreich! Auch auf dem Boden liegend bräuchte es fast noch ein Vergrösserungsglas. Sie zogen weiter und wurden von einem kleinen Schaufenster angezogen, hinter dem ein alter Mann mit weissen Locken ein Buch reparierte. Er winkte sie in den Laden und sie landeten in einer anderen Welt: riesige alte Bücher, winzige Büchlein, alte Maschinen, Stapel von Papieren. Ein älterer Herr brachte gerade die Babar-Bücher seiner Kindheit herein, die brauchten Rücken- und Randverstärkung. Felia und die Grossmutter erfuhren lange und anschaulich Erstaunliches über Buchbinde- und Druckkunst, bevor sie sich von dem sympathischen Buchbinder losrissen. Er empfahl, unbedingt die Achatfenster im Grossmünster und die Aussicht vom Turm zu geniessen.
Eigentlich wollten Enkelin und Grossmutter nun mehr Kaugummis suchen, schafften es aber nicht an der Buchhandlung vorbei, die in einer ehemaligen Metzgerei eingezogen war. Sie planten, auf dem Weg zum Grossmünster mit Unterstützung von Google Maps so viele Kaugummis wie möglich zu suchen. Zwei fanden sie, dann waren sie überwältigt von den Achatscheiben von Sigmar Polke in den Kirchenfenstern und dass sie einen Teil vom «Totentanz» von Sprayer Harald Naegeli beim Turmaufstieg entdeckten. Also ja, die beiden haben nachher noch sechs Kaugummis gefunden, darunter ihren Liebling mit dem Sonnenuntergang, der inzwischen auch tatsächlich stattgefunden hatte. Sehr zufrieden genossen sie im Restaurant gegenüber vom zuletzt entdeckten Kaugummi inmitten indischer Familien ihre Currys.

Kaugummiweg Ausgangspunkt ist die Predigerkirche in Zürich, man kann aber an jedem be-
liebigen Standort einsteigen. Auf der Website des Musée Visionnaire gibts eine Karte zum Download:

museevisionnaire.ch/wp-content/uploads/251002-IVI-Ben-Wilson-2025.pdf

Eli Wilhelm (65) testet mit Enkelinnen, befreundeten Kindern und Jugendlichen regelmässig Museen.
museumstester.ch