Schweizer Reise
Zusammen unterwegs, früher, heute und morgen: Die Ausstellung «Tourismus. Reiseziel Schweiz» im Forum Schweizer Geschichte Schwyz führt durch die einheimische Reisegeschichte. Dabei tauchen Generationen in Erinnerungen ein, machen Selfies und schreiben Postkarten.
Geraldine Capaul (Text)

Foto: Mara Truog


Im Forum Schweizer Geschichte Schwyz beginnt die Reise gleich beim Eingang. Kinder erhalten dort eine nostalgische Hotelplan-Tasche, Grosseltern und Enkelkinder bekommen Jetons in die Hand gedrückt. Damit lässt sich die Ausstellung «Tourismus. Reiseziel Schweiz» spielerisch entdecken: Rätseln, Ausprobieren, Schauen, Zuhören und Diskutieren. Mit den Jetons wird auch gleich eine erste Frage aufgegriffen, die Generationen verbindet: Reisen kostet Geld – wer konnte sich Ferien früher überhaupt leisten?
Die von den Co-Kuratorinnen Anna Wälli und Sibylle Gerber gestaltete Ausstellung zeigt, wie eng der Tourismus mit der Schweizer Geschichte verknüpft ist. «Tourismus geht jede und jeden an. Denn wir haben alle Berührungspunkte damit», sagt Anna Wälli. Die Ausstellung erzählt deshalb nicht nur von Reisen, sondern auch davon, wie sich die Schweiz selbst verändert hat.
Heute reisen viele Menschen «öfter, schneller, weiter». Früher war das Gegenteil der Fall. Bis ins 18. Jahrhundert galt die Schweiz vor allem als beschwerliches Transitland auf dem Weg nach Italien. Erst mit Aufklärung und Romantik wandelte sich der Blick auf die Alpen. Aus bedrohlichen Bergen wurden Sehnsuchtsorte. Künstler wie Albrecht von Haller prägten das Bild der Schweiz als ursprüngliches Hirtenland mit Freiheit und Demokratie. Reiseberichte von Autor:innen wie Johann Wolfgang von Goethe machten die Alpen zusätzlich bekannt. Bereits Mitte des 18. Jahrhunderts erschienen erste Reiseführer – im 19. Jahrhundert stiessen diese das heute noch bekannte Sternesystem an.
Ein Schwerpunkt der Ausstellung liegt auf der Rigi, dem einstigen «Modeberg» Europas. 1870 reisten rund
40 000 Menschen auf die Rigi – zu Fuss, per Pferd oder sie wurden in der Sänfte hochgetragen. Mit der Eröffnung der Rigibahn im Jahr 1871 stieg die Zahl der Gäste schlagartig auf 100 000. «Mobilität und Tourismus gehen Hand in Hand», erklärt Anna Wälli. Die Ausstellung zeigt dazu historische Filmausschnitte und Objekte aus der Frühzeit des Reisens.
Zu den Lieblingsobjekten von Anna Wälli gehört die sogenannte Echokanone von der Kleinen Scheidegg. Einheimische feuerten sie einst ab, um Gästen das Echo der Berge vorzuführen – gegen Bezahlung natürlich. «Sie zeigt sehr schön, wie die oft sehr arme Bevölkerung mit dem Tourismus Verdienstmöglichkeiten entdeckte», sagt Wälli. Denn die Menschen in den Tourismusregionen boten alles an, was Besucher:innen faszinierte: Alphornblasen, Jodeln oder kleine Blumensträusse. Manches davon empfanden Reisende allerdings eher als aufdringlich denn als romantisch.
Sibylle Gerbers Herzstück ist die originale Sitzbank der Rigibahn: «Wenn man sich vorstellt, wie viele Menschen aus verschiedenen Ländern schon auf ihr gesessen haben …» Im «Souvenirshop» – dem Bijou der Kuratorinnen – treffen kunstvoll gefertigte Fächer mit Rigimotiv auf modernen Kitsch. Einige der Erinnerungsstücke stammen aus dem Museumsteam – Dinge, die vielleicht nicht besonders, dafür voller Geschichten sind.
Auch Grosseltern dürften beim Rundgang immer wieder eigene Ferienerinnerungen entdecken. Sie haben ihre Ferien früher vermutlich mehrheitlich in der Schweiz verbracht. Vielleicht waren sie aktiv dabei, als das Camping populär wurde, und durften miterleben, wie Anbieter wie Hotelplan oder Reka das Reisen erschwinglicher machten. Es blieb dennoch lange ein Privileg. Übrigens: 1966 waren in der Schweiz auf Bundesebene gesetzlich gerade einmal zwei Wochen Ferien garantiert.
Legendär ist die Geschichte der Entstehung des Wintertourismus. Der Hotelier Johannes Badrutt soll 1863 englischen Stammgästen versprochen haben: Wenn ihnen der sonnige und trockene Winter in St. Moritz nicht gefalle, müssten sie nichts bezahlen. Ob wahr oder erfunden – die Geschichte wurde zum perfekten Marketinginstrument.
Die Ausstellung verschweigt jedoch auch die Schattenseiten des Tourismus nicht. Die beiden Weltkriege erzeugten einen massiven Einbruch, die Corona-Pandemie später einen zweiten. Heute stehen Themen wie Klimawandel, Schneemangel, Wohnungsknappheit und Overtourism – also die Überlastung von Reisezielen durch zu viele Besucher:innen – im Fokus. «Tourismus ist immer zweischneidig», sagt Sibylle Gerber. Besonders spannend sei deshalb auch hier der Austausch zwischen Grosseltern und Enkelkindern: Wie hat sich Reisen verändert? Was wünschen wir uns für die Zukunft?
Unterstützend wirken dabei die interaktiven Inputs. Ein alter Postkartenautomat verteilt zufällig Vintage-Postkarten, die gemeinsam beschrieben und verschickt werden können. An anderer Stelle wird deutlich, wie soziale Medien heute zu neuen Reiseführern geworden sind – inklusive Selfie-Spots. «Mit jedem Foto, das wir teilen, können wir potenziell zu einem Teil des heutigen Overtourismus werden», sagt Anna Wälli.
Aber blicken wir nochmals zurück: Welche Erinnerungen haben die beiden Kuratorinnen an ihre Kindheitsreisen? Anna Wälli verbrachte die Sommerferien in Polen, im Heimatland ihrer Mutter. «Lange war die Schweiz für mich vor allem ein Winterferienland.» Unvergessen sind die unglücklichen Plastikskis, die sie als Vierjährige bekam, und mit denen sie mehr schlecht als recht rutschen konnte. Sibylle Gerber denkt an Ferien im Tessin zurück: «Wenn ich heute als Erwachsene dahin gehe, fühle ich mich immer so wohlig, so voller schöner Kindheitserinnerungen.» Besonders gern verbrachte sie Zeit bei ihren Grosseltern in Schänis – mit Bootsausflügen und Baden im See. Manchmal nahm der Grossvater eine Angelrute mit. Er meinte es gut. «Aber eigentlich war das dann immer etwas langweilig», sagt Sibylle Gerber und muss lachen.
Diese Anekdoten der beiden Ausstellungsmacherinnen zeigen eine Sonnenseite des Tourismus: Reisen schafft gemeinsame Erlebnisse, Erinnerungen und Geschichten, die Generationen verbinden können. •
Ausstellung bis am 02.05.2027 Öffnungszeiten und Infos forumschwyz.ch/tourismus

