Sich kümmern – ohne sich zu verlieren

Viele Menschen ab 60 sind tragende Stützen in ihrem Umfeld – sei es als Zuhörer:innen, Ratgeber:innen oder betreuende Angehörige. Diese stille Rolle verdient mehr Beachtung. Wie betreuende Angehörige ihre psychische Gesundheit stärken.



Ein stilles Engagement mit grosser Wirkung
Brigitte ist keine Ausnahme. In der Schweiz unterstützt rund jede zehnte Person regelmässig eine nahestehende ältere Person im Alltag – beim Einkaufen, bei administrativen Aufgaben, im Haushalt oder in der Pflege. Dank des Engagements dieser Angehörigen können Menschen, die Unterstützung benötigen, länger zu Hause leben. Doch wer dauerhaft für andere da ist, braucht selbst viel Kraft. Chronische Belastung kann zu Müdigkeit, Schlafstörungen oder depressiven Verstimmungen führen. Umso wichtiger ist es deshalb, dem eigenen Wohlergehen und der eigenen Gesundheit frühzeitig gut Sorge zu tragen.


«Ich mache das gern. Aber manchmal weiss ich nicht, wo ich bleibe.»
Brigitte, 71, pflegt ihren Mann seit dessen Schlaganfall.


Balance finden, bevor es zu viel wird
Betreuende Angehörige sind unterschiedlich stark belastet, je nachdem, wie intensiv und wie lange sie sich kümmern, wie nah sie der betreuten Person stehen und ob sie mit ihr zusammenleben. Besonders herausfordernd sind unvorhergesehene Änderungen wie Krankheitsschübe oder plötzliche Spitalaufenthalte.
Dazu ist es zentral, eigene Ressourcen bewusst zu erkennen, zu fördern und gezielt zu nutzen. Damit sind persönliche Kraftquellen gemeint, wie Bewegung, Entspannung oder kreative Tätigkeiten, ebenso wie soziale Unterstützung durch Mitmenschen. Viele scheuen sich jedoch, Hilfe von anderen anzunehmen. Doch konkrete Entlastung – ob durch Familienmitglieder, Nachbar:innen oder professionelle Dienste – verbessert nicht nur den Alltag, sondern trägt nachweislich zur langfristigen Gesundheit bei.
Ein gutes Gleichgewicht lässt sich Schritt für Schritt aufbauen. Es braucht Aufmerksamkeit und Achtsamkeit, um eigene Bedürfnisse ernst zu nehmen, und manchmal auch Mut, sich dafür einzusetzen. Dabei können schon kleine Veränderungen eine grosse Wirkung haben.


Zehn Impulse für den Alltag

  1. In Bewegung bleiben – Treppen nehmen, Bewegungsübungen im Alltag einbauen.
  2. Neues lernen – Hilfsmittel ausprobieren, Kurse besuchen.
  3. Hilfe annehmen – Ein «Ja, gerne» ist kein Zeichen von Schwäche.
  4. Kreativ sein – Kleine Projekte geben Erfolgserlebnisse.
  5. Pausen einplanen – Kurze Atempausen wirken Wunder.
  6. Kontakte pflegen – Gespräche ohne Bewertung tun gut.
  7. Eigene Stärken sehen – Abends drei Dinge notieren, die gelungen sind.
  8. Vorausschauend planen – Notfallplan, Vollmachten, Entlastungsoptionen.
  9. Sich mitteilen – Gefühle aussprechen entlastet.
  10. Gemeinsam lachen – Humor stärkt die Beziehung und senkt den Stress.

Dank Unterstützung mehr Lebensqualität
Als bei Peter (78) eine Demenz diagnostiziert wurde, veränderte sich das Familiengefüge. Seine Frau Eva (74) übernahm Schritt für Schritt mehr Verantwortung. «Ich wollte beweisen, dass ich alles alleine schaffe», erzählt sie. Nach einem Jahr merkte sie jedoch, dass es so nicht weitergehen konnte. Heute kommt dreimal pro Woche ein Entlastungsdienst und die Tochter übernimmt jeweils sonntags den Mittag. Eva hat wieder Zeit für Yoga im Park und für einen wöchentlichen Kaffee mit Freundinnen. «Ich hätte nie gedacht, dass eine Stunde für mich so viel verändern kann. Jetzt habe ich mehr Geduld – für Peter und für mich.» Ihr Fazit: Wer Unterstützung zulässt, gewinnt Lebensqualität für beide Seiten. Chronischer Stress kann krank machen. Studien zeigen: Angehörige mit guter Balance zwischen Belastung und Ressourcen bleiben gesünder – und können länger für ihre Lieben da sein. Vorsorge beginnt deshalb frühzeitig und startet bei sich selbst. Es geht nicht darum, perfekt zu funktionieren, sondern darum, in Verbindung mit sich selbst zu kommen und zu bleiben.


Weiterführende Unterstützung
Wer sich langfristig um eine nahestehende Person kümmert, muss und soll nicht allein bleiben. In der Schweiz gibt es verschiedene Stellen, die betreuende Angehörige begleiten, beraten und entlasten. Wenden Sie sich an Fachpersonen im Gesundheitswesen, an spezialisierte Beratungsstellen oder an den Sozialdienst Ihrer Gemeinde bzw. Ihres Kantons. Auch Organisationen wie Pro Senectute, das Schweizerische Rote Kreuz und Alzheimer Schweiz bieten Unterstützung.

Weitere Impulse finden Sie in unserer Broschüre «Ich unterstütze meine Angehörigen – Ich tue mir selbst und anderen Gutes» – kostenlos erhältlich auf gesundheitsfoerderung.ch/publikationen