Solo, stark, lebensfroh: Mein Weg aus der Einsamkeit

Ob gewollt oder ungewollt: Allein zu sein ist nicht immer einfach. Die Welt ist zumeist auf Paare und Familien ausgerichtet, wir fallen aus der Norm und sogar im eigenen Umfeld fehlt es oft an Verständnis. Auch für uns selbst kann das Sololeben ungewohnt sein, noch keine Normalität. Es ist eine Lebensform, eine Kunst, die gelernt, geübt und verfeinert werden will.

Verena Steiner (Text), und Elena Knecht (Illustration)

Dieser Text ist ein Teil des Dossiers zum Thema „Solo“ aus dem Grosseltern-Magazin 4/2025. Ein Dossier über selbständige Kinder, mutige Witwen und das Alleinsein als Chance, mehr über sich zu entdecken. Bestellen Sie hier diese Ausgabe.


Zweieinhalb Jahre nachdem mein Mann in den Bergen ums Leben gekommen war, war meine grösste Erschütterung zwar abgeklungen, doch fühlte ich mich einsam und innerlich leer. Ich konnte mir nicht vorstellen, jemals wieder ein Buch zu schreiben; kein Thema schien mir interessant genug. Umso mehr wollte ich etwas gegen diese innere Leere unternehmen und meine Lebensfreude zurückgewinnen. Dazu musste ich herausfinden, wie ich aus der Einsamkeit herauskommen und auch als Alleinstehende ein erfülltes Leben führen kann.

Meine Recherchen führten mich hin zu neuen Themen wie Mut, Achtsamkeit, Mitgefühl, Freundschaft und Sinn. Bald entwickelte ich ein Leitmotiv für mich: «Solo, stark und lebensfroh» – diese drei Begriffe fassten die Vorstellung meines idealen Ichs zusammen. Ich entwarf grössere und kleinere Mutprojekte und machte mich an die Umsetzung; spielte, experimentierte und übte und musste bisweilen über mich selbst und meinen Eifer lachen. Manches gelang, manches weniger, doch blieb ich stetig dran. Dazu tauschte ich mit anderen Ungebundenen Erfahrungen aus und nahm mir Zeit zum Reflektieren und zum Tagebuchschreiben. Bald begann ich auch, regelmässig zu meditieren. Mein unfreiwilliges Alleinsein entwickelte sich allmählich zu einem Sololeben aus freien Stücken. Eineinhalb Jahre nach Beginn der Recherche dachte ich zum ersten Mal daran, ein Buch über diesen Prozess zu schreiben, um meine Erkenntnisse zu teilen.


NEUE PERSPEKTIVEN GEWINNEN

Längst nicht alle Alleinstehenden sehen ihre Situation als Chance, sich innerlich zu befreien, die eigene Persönlichkeit zu entfalten und unabhängiger zu werden. Das Idealbild der romantischen Partnerschaft ist allzu tief in unserer Kultur und in unseren Köpfen eingegraben. Der Gedanke, dass auch ohne – oder sogar gerade ohne – eine Partnerschaft ein gutes und sinnerfülltes Leben machbar ist, kommt oft gar nicht auf.

Wie glücklich sind Alleinlebende im Vergleich zu Menschen in einer Partnerschaft? Die Glücksforscherin Sonja Lyubomirsky ist dieser Frage nachgegangen. In ihrer gross angelegten Befragung ging es sowohl darum, wie glücklich sich die Befragten generell im Leben fühlen, als auch um die täglichen kleinen Glücksmomente. Beim Lebensglück schnitten die Verheirateten etwas besser ab, während beim Erleben von alltäglichen Glücksmomenten die Solistinnen und Solisten die Nase vorne hatten.

Bei meinen Vorbildern entdeckte ich eine innere Haltung, in der das Solodasein etwas gänzlich Unverkrampftes ist. Mich beeindruckte, wie es für sie die einfachste Sache der Welt ist, allein in ein Konzert zu gehen, allein in einem Hotel zu übernachten oder allein auf einen Berg zu kraxeln. Und wie sie es genauso lieben, mit anderen Menschen zusammen zu sein, Freundschaften zu pflegen und sich gesellschaftlich zu engagieren. Das imponierte mir. So wollte ich auch sein. Als ich damit anfing, bewusst aus dem Haus zu gehen, um das noch ungewohnte Alleinunterwegssein zu üben, kamen neue Vorbilder hinzu: die junge Frau auf der Finnenbahn, die mich beeindruckte, weil sie allein mitten im Wald und anscheinend ohne Angst im Nacken ihre Runden drehte. Die Dame im Businessdress, die solo mit einem Glas Prosecco vor dem Café am Bellevue sass und es zu genies­sen schien. Oder die Wanderin im Zug, die voller Begeisterung von ihrer geplanten Tour erzählte.


MUTPROJEKTE ENTWERFEN

Die eindrücklichsten Erlebnisse beginnen mit dem eigenen Mut. Machen Sie eine Ideenliste für kleine Solounternehmungen an einem freien Nachmittag oder abends nach Arbeitsschluss. Bereiten Sie eintägige Abenteuer fürs Wochenende vor, sodass Sie die Pläne bei Bedarf bloss aus der Schublade ziehen können. Vielleicht denken Sie bereits an mehrtägige Ausflüge oder gar Soloferien. Geben Sie Ihren Vorhaben immer einen zeitlichen Rahmen und setzen Sie klare Fristen. Damit sorgen Sie für den nötigen Schub bei der Umsetzung.

Was wohl alle Alleinstehenden kennen, sind Gefühle der Einsamkeit und des Nicht-Dazugehörens, wenn sie unter Paaren und Gruppen sind. Besonders dann, wenn der Solostatus noch neu für sie ist. Dies kann sie daran hindern, allein ins Kino, auf Gruppenreise oder unter fremde Menschen zu gehen oder einer Einladung zu folgen. Interessant ist jedoch, dass dieses Gefühl, diese Befangenheit von «Ich bin allein» nicht in jeder Situation aufkommt. Es ist eine Denkgewohnheit, die sich ändern lässt.

Gespräche mit Alleinstehenden zeigen immer wieder, dass das Dinieren abends allein im Hotel oder in einem Restaurant am meisten Mut benötigt. Eigentlich erstaunlich, denn es besteht überhaupt keine reale Gefahr. Es gibt bloss dieses tiefsitzende Unbehagen, das durch kaum bewusste Denkmuster wie «Was sucht denn der, abends allein unterwegs?» oder «Was stimmt bei dieser Frau nicht, dass sie allein essen muss und keine Freunde hat?» entsteht. Dieses Unbehagen ist ein Gradmesser dafür, wie tief wir in den vorherrschenden gesellschaftlichen Normen verhaftet sind. Machen Sie sich solche Barrieren im Kopf bewusst, gestehen Sie sich die Hemmungen ein. So können Sie sie überwinden lernen und das «Dinner for One» spielerisch einüben.


VERBUNDENHEIT ÜBEN

Ohne Partnerschaft ist die emotionale Einsamkeit nicht weit, diese Bedürftigkeit nach Nähe, Verständnis und Verbundenheit. Hier kommt die Selbstfürsorge ins Spiel. Sie ist für Alleinstehende ein Muss, das weiter geht, als für Entspannung und eine gute Balance von Arbeit und Erholung zu sorgen. Es geht auch darum, uns das, was uns ohne ein vertrautes Gegenüber an Struktur, an Liebe und Ermunterung, an Feedback und an Freude fehlt, ein Stück weit selbst zu geben. Sich selbst Partnerin oder Partner, Mutter und Coach zu sein. Was dabei entscheidend ist, bringt die australische Psychologin Dorothy Rowe auf den Punkt: «Behandeln Sie sich liebevoll. Dies ist die schwierigste Veränderung, die es zu machen gilt. Wenn Sie dies schaffen können, ist der Rest einfach.»

Als ich noch tief in der Trauerphase war, schenkte mir eine verwitwete Bekannte ein Buch mit dem Titel «Mitgefühl». Sie meinte dazu, dieses Buch habe ihr viel geholfen und sie wünsche dies auch mir. «Die Frau hat gut reden, mit ihren fünf Grosskindern und einem jüngsten Sohn, der sie vergöttert», dachte ich, «so wie sie hätte ich gerne mitfühlende Menschen um mich, die mich umarmen und trösten, wenn es mir nicht gut geht.» Dass Mitgefühl stets auch Mitgefühl mit sich selbst einschliesst, mehr noch, dass nach buddhistischer Auffassung das Selbstmitgefühl die Basis ist, um mit anderen Menschen mitfühlend zu sein, kam mir zu jener Zeit nicht in den Sinn. Hätte ich bloss einen Blick in das Buch des ehemaligen tibetischen Mönchs Thupten Jinpa geworfen, wäre mir das sogleich aufgegangen. Ich hätte bereits damals erkannt, dass das Einüben von Mitgefühl nicht nur meine emotionale Einsamkeit lindern, sondern mich zu einem sozial offeneren und empathischeren Menschen machen kann.

Dass sich Verbundenheit nicht nur mit Nahestehenden spüren lässt, ist den meisten Menschen zu wenig bewusst. Solange sie in Partnerschaft, Familie und Freundeskreis aufgehoben sind, sind sie kaum sensibilisiert dafür. Finden sie sich dann plötzlich allein, merken sie, welch wichtige Rolle auch fremde Menschen spielen können.

Die Sozialpsychologin Barbara Fredrickson spricht von «Mikromomenten der Verbundenheit», wenn etwas zwischen zwei Menschen anklingt, wenn sie etwas berührt, wenn Resonanz spürbar ist. Diese Resonanz, dieser kurze verbindende Impuls entsteht, wenn wir mit einem Gegenüber positive Gefühle teilen. Ich habe diese befreiende Wirkung schon oft erlebt. Sei es unterwegs auf Solotouren oder unter fremden Menschen, wenn ich eine Veranstaltung oder einen Kurs besuche. Es braucht bloss eine Frage oder ein paar freundliche Worte mit dem Sitznachbarn, mit dem Personal am Schalter oder an der Sesselbahn: Sobald wir einen Moment der Resonanz erzeugen können, sieht die Welt ganz anders aus.•


Dieser Text ist ein Auszug aus «SOLO – Alleinsein als Chance», Arisverlag 2025 (260 Seiten, ca. 26 Franken).


Verena Steiner (77) ist Biochemikerin, war lange an der ETH Zürich tätig und hat sich auf Lernprozesse spezialisiert.