Vergebung: Für Dich und für mich
Vergebung beschäftigt Religion und Philosophie schon seit Jahrtausenden. Jetzt interessiert sich auch die
Psychologie dafür: Wenn wir verzeihen, tun wir nämlich nicht nur anderen Gutes – sondern vor allem uns selbst.
Von Ümit Yoker (Text), Irene Meier (Illustration)

Warum soll ich Nachsicht walten lassen, wenn mir jemand Schaden zufügt? Wenn sich nicht mehr gutmachen lässt, was angerichtet wurde? Wo Einsicht und Reue fehlen? «Es ist völlig menschlich, erst einmal zurückschlagen zu wollen, wenn man verletzt wird», sagt der Psychologe Mathias Allemand. Erstaunlich sei vielmehr, dass es uns immer wieder gelinge, von Rache und Hass abzusehen und dem Menschen, der uns wehgetan hat, mit Achtung und gar Verständnis zu begegnen. «Genau das macht es so faszinierend, die Vergebung zu erforschen», so der Titularprofessor an der Universität Zürich. «Sie ist einer der kontraintuitivsten Prozesse überhaupt.»
Die grossen Weltreligionen befassen sich seit Jahrtausenden mit dem Thema. Auch in der Philosophie hat die Vergebung lange Tradition, auf der Liste der Tugenden steht sie stets weit oben. In der Psychologie dagegen ist die Vergebungsforschung ein junges Gebiet. Everett L. Worthington, einer der wichtigsten Wissenschaftler auf dem Gebiet, verortet ihren Anfang in den 1980er-Jahren, wie er in einem neu aufgelegten Handbuch zum Thema schreibt. Damals habe der amerikanische Theologe und Ethiker Lewis Smedes die Fachwelt mit zwei zentralen Botschaften aufgerüttelt. Erstens: Verzeihen dient nicht nur der Person, der verziehen wird, sondern auch derjenigen, die verzeiht. Zweitens: Vergebung geht auch ohne religiöses Motiv.
Was man aber unter Vergebung genau versteht, variiert bis heute nicht nur je nach Glaubensrichtung stark. Auch in der Psychologie hat man sich bisher vor allem darauf einigen können, was sie alles nicht ist: So bedeutet Vergebung keineswegs, dass man erlebtes Unrecht billigt oder duldet. Ebenso wenig heisst Vergebung, dass man Geschehenes rechtfertigt oder vergisst, herunterspielt oder Strafen erlässt. Sie ist weder dasselbe wie Gerechtigkeit noch ist sie Versöhnung.
Es sei auch gar nicht immer ratsam oder möglich, die Beziehung zur anderen Person wieder aufzunehmen, sagt Allemand, der auch an der Pädagogischen Hochschule Schaffhausen als Senior Researcher tätig ist. «Man kann auch Menschen vergeben, die tot sind oder die man nicht persönlich kennt.» Natürlich falle es leichter, wenn jemand seine Fehler aufrichtig bedaure; eine Bedingung sei es indessen nicht.
Auch wenn es keine offizielle Definition gibt: Viele greifen auf die Begriffsbestimmung von Robert Enright zurück, um das Wesen dieser Tugend einigermassen zu fassen zu kriegen. Vergebung, so der Gründer und Übervater der psychologischen Vergebungsforschung, beginne mit dem Schmerz und der Einsicht, dass Zorn und Groll unser gutes Recht sind, und das Geschehene ungerecht war und bleibt. Sie erfordere jedoch, dass wir diese Gefühle irgendwann aufgeben, auch wenn sie uns zustehen – und dem Menschen, der uns wehgetan hat, stattdessen etwas geben, worauf er keinerlei Anspruch geltend machen kann: unser Wohlwollen, unsere Wertschätzung, unser Mitgefühl.
Wie gesagt: Wir tun uns damit oft auch selbst einen Gefallen. Ärger, Wut und Trauer seien natürliche Reaktionen auf erlebtes Unrecht, sagt auch Allemand. «Wenn uns solche Emotionen aber über Monate oder Jahre hinweg einnehmen, bleibt irgendwann nur wenig Energie und Raum mehr für anderes.» Wer nicht mehr aus dem Grübeln und Gedankenkreisen komme, sei einem permanenten Stress ausgeliefert, der auch krank machen könne.
Mit zunehmendem Alter scheinen uns unbewältigte Verletzungen dabei besonders zuzusetzen, beobachtet der Psychologe in seiner Forschung. So litten ältere Menschen, die nicht loslassen könnten, häufiger unter depressiven Symptomen. Auch körperliche Beschwerden wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen können die Folge von dauerhaftem Stress sein.
Die gute Nachricht: Wenn wir älter werden, nimmt tendenziell auch unsere Bereitschaft zu verzeihen zu. Ältere Menschen scheinen zudem weniger verletzende Erfahrungen zu machen, stellt Allemand fest. «Oder sie nehmen einfach nicht mehr so vieles als Kränkung wahr.» Vieles erlebe man nicht mehr zum ersten Mal, Verlassenwerden zum Beispiel, und reagiere nicht mit derselben Intensität darauf wie noch als junger Mensch, vermutet der Vergebungsforscher. Auch hätten die meisten von uns mit der Zeit ein Set an Bewältigungsstrategien beisammen, das helfe, gelassener mit Verletzungen umzugehen und auf das Positive im Leben zu fokussieren.
Verzeihen ist nüchtern betrachtet also auch ein wichtiges Werkzeug, um unser Wohlbefinden wiederherzustellen und zu wahren. Warum das mit zunehmendem Alter erst recht gilt, dazu gibt es in der Forschung mehrere Annahmen: So legen wir irgendwann mehr Wert darauf, die Verbindung zu den Nächsten aufrechtzuerhalten als stetig neue Freundschaften zu schliessen und unseren Bekanntenkreis zu vergrössern. Verzeihen hilft, langjährige Beziehungen zu festigen. Oft spielt im Alter ausserdem die Religion wieder eine grössere Rolle. Angesichts der immensen Bedeutung, die die Vergebung dort hat, dürfte auch dies einen Einfluss haben.
Je mehr uns unsere Sterblichkeit bewusst wird, desto stärker wird zudem der Wunsch, mit der Welt ins Reine zu kommen. «Niemand will auf sein Leben zurückblicken und dabei auf riesige Baustellen stossen», sagt Allemand. «Wir wollen Vergangenes als kohärente Geschichte verstehen.» Wobei: Manchmal kommen ungelöste Konflikte genau in dieser Rückschau zum ersten Mal nach langer Zeit überhaupt wieder hoch.
Und vielleicht hat es auch damit zu tun: Wir werden im Lauf des Leben nicht nur verletzt, sondern verletzen eben auch selbst, und sei es ungewollt. Gerade in langen Beziehungen dürfte die Bereitschaft zu verzeihen darum auch damit zu tun haben, dass einem selbst schon manches Mal vergeben wurde. Man greife bei einer Verfehlung sozusagen auf das «Guthaben» zurück, das sich in der «Vergebungsbank» angesammelt hat, schreiben die amerikanischen Sozialforscher Neal Krause und R. David Hayward in einem wissenschaftlichen Beitrag.
«Das alles bedeutet nicht, dass es nicht auch nachtragende ältere Menschen gibt», betont Allemand. Er staune in seinen therapeutischen Interventionen immer wieder über die heftigen Gefühle, die selbst lange zurückliegende Kränkungen auslösen könnten. «Natürlich denken auch diese Menschen nicht unablässig an das Erlebte, sondern haben sich Strategien für ihren Alltag zurechtgelegt.» Solange eine bewusste und konstruktive Auseinandersetzung aber fehle, dürften sie weiter schwer daran schleppen.
Familienmitglieder und Freunde können da oft nicht viel ausrichten. «Es ist ein bisschen wie bei der Trauerarbeit», sagt der Psychologe. Gut möglich, dass das Umfeld irgendwann den Eindruck habe, dass man loslassen und nach vorne schauen sollte. «Verzeihen ist aber ein sehr individueller Prozess», betont Allemand. «Man sollte ihn weder aus religiösen noch psychologischen Motiven erzwingen.» Manchen Menschen gelinge es auch einfach aufgrund ihrer Persönlichkeit besser, Verletzungen relativ schnell hinter sich zu lassen, andere haderten bis ins hohe Alter. Als Aussenstehende könne man aber auf die Möglichkeit einer professionellen Begleitung aufmerksam machen, sei es Seelsorge, Beratung oder Psychotherapie. «Manchmal hilft es auch, wenn man von eigenen Erfahrungen erzählt.»
Natürlich gibt es auch Verletzungen, die man weder vergeben will noch soll. «Wir haben grundsätzlich das Recht, nicht zu verzeihen», sagt Allemand. Werde man in einer Beziehung systematisch gekränkt, sei ein Schlussstrich sicher besser. Es befremde ihn stets ein wenig, wenn in dramatischen Situationen wie Krieg oder Missbrauch umgehend die Frage nach Vergebung gestellt werde. Ein solcher Prozess brauche sehr viel Raum sowie den richtigen Zeitpunkt.
Wie Verzeihen geht, können aber auch Kinder schon lernen. «Sie schauen sich von uns Erwachsenen ab, wie wir Verletzungen thematisieren und damit umgehen», gibt Allemand zu bedenken. Was wir vorlebten, spiele auch hier eine wichtige Rolle. In einer noch nicht publizierten Studie hat der Psychologe über mehrere Jahre hinweg die Vergebungsbereitschaft von drei Familiengenerationen untersucht. Es zeigte sich: Grosskinder sehen Oma und Opa eher Fehler nach als den eigenen Eltern – und Grosseltern vergeben ihren Enkelinnen und Enkeln mehr als den eigenen Kindern. Ein mässig erbauliches Forschungsresultat für die Elterngeneration also – schöne Nachrichten dafür für Grosseltern.
