(Aus Grosseltern-Magazin 02/2018)

Vier Millionen Südsudanesen sind auf der Flucht, zwei von ihnen sind die 85-jährige Elizabeth Araba und ihre 40-jährige Enkelin Margrit. 

Von KLAUS PETRUS (Text und Fotos)

Vor vier Monaten noch hatte Elizabeth Araba ein Daheim, hatte ihren Mann und ihre Kinder, ein paar Kühe, den Garten hinter der Lehmhütte, ein Strohdach über dem Kopf. Jetzt kauert die 85-Jährige auf einer Holzbank in einem fremden Land, ihre Hand zittert, die Augen sind unruhig, sie ist erschöpft und flüstert: «Ich will nach Hause.» Diesen Satz wird sie noch viele Male sagen.

Nach Hause, das ist ein Dorf nahe der Stadt Yei im Süden von Zentraläquatoria im Südsudan, dem jüngsten Staat der Welt. 2011 wurde das Land unabhängig, man versprach sich Frieden und wirtschaftlichen Aufschwung. Doch es kam anders. Der Machtkampf zwischen dem Präsidenten Salva Kiir vom Volk der Dinka und seinem ehemaligen Stellvertreter Riek Machar von den Nuer entfachte 2013 einen bis heute anhaltenden Bürgerkrieg. Zehntausende mussten in diesem grausamen Gemetzel bereits ihr Leben lassen, vier Millionen Südsudanesen sind auf der Flucht, das ist ein Drittel der Gesamtbevölkerung. Davon sind über eine Million ins benachbarte Uganda geflohen, eine von ihnen ist Elizabeth Araba, die sagt: «Dieser Krieg ist sinnlos, wir bringen uns gegenseitig um, ohne zu wissen, warum.»

OHNE IHRE ENKELIN HÄTTE SIE ES NICHT GESCHAFFT

Fast drei Wochen war Elizabeth Araba auf der Flucht, sie musste alles zurücklassen bis auf ein Bündel Decken. Da w  ar ihr Mann schon tot. Wo ihre Kinder jetzt sind, das weiss sie nicht. Oder will nicht darüber reden. Wer in die Hände der Regierungssoldaten oder Rebellen gerät, wird gefoltert, die Frauen und Mädchen werden vergewaltigt, wieder und wieder. Die UN-Berichte über sexuelle Gewalt im südsudanesischen Bürgerkrieg lesen sich wie Chroniken des Grauens.

Solche Gedanken verscheucht Elizabeth Araba, die alte Frau muss sich noch immer von den Strapazen der Flucht erholen. «Drei Wochen im Busch, wir hatten kaum Wasser, mussten uns von Beeren und Kräutern ernähren.» Ohne die Nachbarn und ihre Enkelin, mit der Elizabeth Araba die Flucht ergriff, hätte sie es nicht geschafft. Neben Kindern und Säuglingen gehören alte Menschen unter den Geflüchteten zu den am meisten verwundbaren. Viele von ihnen sind krank und gebrechlich, sie bleiben zuhause zurück oder sterben auf der Flucht. Nach Angaben des evangelischen Hilfswerks World Vision machen Alte bloss drei Prozent aller aus dem Südsudan Vertriebenen aus.

Als Elizabeth Araba über die Grenze nach Uganda kam, wurde sie zuerst medizinisch untersucht, man gab ihr das Nötigste. Dann wurde sie registriert und provisorisch in einem grossen Sammelzelt untergebracht. Dort lebte sie einige Tage, immer noch erschöpft, bis Hilfsorganisationen sie mit einem Lastwagen nach Bidi Bidi brachten, eine riesige Zeltstadt mit fast 300 000 Geflüchteten, die sich schier endlos über die karge, unwirtliche Landschaft Nordugandas erstreckt. «Man gab uns ein Stück Land, gab uns Saatgut, eine Parzelle, auf der wir eine Hütte bauen konnten. Da fühlte ich mich endlich in Sicherheit», erzählt Elizabeth Araba.

AUF HILFE ANGEWIESEN

Aber auch jetzt war sie auf Hilfe angewiesen. Männer, die Baumstämme und Zeltplanen brachten, um die Behausung aufzubauen, ihre Enkelin Margrit, die das Wasser in Plastikcontainer abfüllt und die schweren Säcke mit Mais oder Soja schleppt. Schon daheim im Südsudan hatte die 40-Jährige ein enges Verhältnis zu ihrer Grossmutter. «Wir halfen uns gegenseitig aus, wenn es dem anderen an etwas fehlte, wir waren eine grosse Familie», sagt Margrit, die wenig spricht. «Jetzt sind nur noch wir beide übriggeblieben.» Zwei Frauen, verloren zwischen den Generationen: Margrits Mutter, das älteste Kind von Elizabeth Araba, ist verschollen, ihre beiden Söhne kämpfen auf Seiten der Rebellen, die einzige Tochter wurde bei einem Überfall auf das Dorf verwundet, sie überlebte die Machetenhiebe nicht.

Doch Not schmiedet zusammen. Dort, wo inzwischen die Zelthütte von Elizabeth Araba und Margrit steht, leben auch Menschen aus der einstigen Nachbarschaft, es formen sich neue Gemeinschaften, ja sogar Familien. Was für die Vertriebenen aus dem Südsudan selbstverständlich scheint, wird von der ugandischen Regierung speziell gefördert: Wer Kinder, die ihre Eltern verloren haben, in seine Familie aufnimmt, soll einen einmaligen finanziellen Beitrag erhalten.

Überhaupt passiert im Norden Ugandas derzeit Einmaliges. Kein anderes Land hat im vergangenen Jahr so viele Geflüchtete bei sich aufgenommen. Und auch jetzt, nachdem fast eineinhalb Millionen Menschen ins Land geströmt sind, bleiben die Grenzen offen, und noch immer verteilt die Regierung Land an die Vertriebenen: 30 mal 30 Meter sind es für jede Familie, darauf dürfen sie ackern und siedeln und bleiben, so lange sie wollen.

«Wir sind Brüder und Schwestern, die Grenze zwischen unseren Ländern ist nur künstlich, ein Erbe des britischen Kolonialismus», sagt Robert Baryamwesiga, Campmanager von Bidi Bidi. Tatsächlich gibt es zwischen den beiden Regionen – dem südlichen Teil des Südsudans und Norduganda – nur wenig kulturelle Unterschiede, viele der Menschen hüben wie drüben reden dieselbe Sprache, sie haben dieselbe Religion. Zudem wissen auch die Ugander nur zu gut, dass die Flucht ins Nachbarland oft die letzte Rettung bedeutet. Seit den späten 1980er Jahren trieb hier während zwanzig Jahren der Kriegsverbrecher Joseph Kony mit seiner Rebellentruppe Lord’s Resistance Army, der «Widerstandsarmee des Herrn», sein Unwesen, er liess 100 000 Ugander niedermetzeln und trieb zwei weitere Millionen in die Flucht, die meisten von ihnen über die Grenze in den damaligen Sudan.

SIEDLUNGEN STATT FLÜCHTLINGSLAGER

Schon wegen diesen Gemeinsamkeiten strebt die ugandische Regierung nach Integration statt Separation. «Wir wollen keine Lager, wir wollen Siedlungen», erklärt Baryamwesiga. «Die Geflüchteten leben zusammen mit der ugandischen Bevölkerung, sie beackern dasselbe Land wie wir, sie beten in denselben Kirchen wie wir, ihre Kinder besuchen dieselben Schulen wie die unsrigen.» Hinter dieser Politik steckt freilich auch ein Kalkül, das gibt Baryamwesiga gerne zu. «Die internationalen Gelder und die Arbeit der vielen Hilfsorganisationen hier vor Ort kommen auch uns zugute.» So wurden in den vergangenen zwei Jahren im unterentwickelten Norden Ugandas erstmals seit Langem wieder die Strassen ausgebessert, es entstanden neue Märkte, Geschäfte, Unterkünfte und Restaurants, es wurden Brunnen gebohrt und Schulen gebaut.

Doch die bis heute andauernde Flüchtlingswelle stellt die ugandische Regierung auch vor Herausforderungen. Elektrizität ist ein Problem, aber auch Wasser und Nahrung. Fürs Jahr 2017 kam gerade mal ein Drittel der von der UNO einberechneten Hilfsgelder zusammen. Für die Geflüchteten hat das konkrete Auswirkungen. «Wir kriegen zu wenig Essen, manchmal reicht es nur für zwei oder drei Wochen im Monat», klagt Elizabeth Araba. Wie vielen anderen fehlt ihr und ihrer Enkelin Margrit das Geld, um zusätzliche Nahrungsmittel auf den Märkten von Bidi Bidi einzukaufen. «Dann müssen wir hungern oder sind von den Almosen der anderen abhängig.» So geht es vielen. Zwar sollen die Geflüchteten schon bald von ihrem eigenen Garten leben können, doch bis dahin sind die meisten ohne Arbeit und haben kein Geld.

Ein anderes Problem ist der Konflikt zwischen den beiden Erzfeinden Nuer und Dinka, die für den Bürgerkrieg im Südsudan mitverantwortlich sind. Zwar lautet die Devise der ugandischen Regierung, dass im Südsudan bleiben solle, was dort passiere. Doch die Realität sieht bisweilen anders aus. Offensichtlich sitzt die Feindschaft zwischen den beiden Völkern tief, und es kommt in den Flüchtlingssiedlungen immer wieder zu Ausschreitungen. Deswegen hat die ugandische Regierung nun damit begonnen, die Vertriebenen nach Nuer und Dinka zu trennen und in separaten Siedlungen unterzubringen.

KEIN VERGESSEN

Auch Elizabeth Araba und ihre Enkelin Margrit gehören zu den Nuer. Ob sie jemals vergessen kann, was die Dinka ihrer Familie angetan haben, daran zweifelt die alte Frau. Doch will sie keine Feindschaften fortsetzen, nicht hier, in diesem fremden Land. «Ob Nuer oder Dinka, wir sind Flüchtlinge, das macht uns alle gleich.» Wie es sein wird, wenn sie in ihr Dorf nahe der Stadt Yei heimkehrt, das weiss sie nicht. Vielleicht wird wieder Frieden sein, vielleicht werden sich Nuer und Dinka aufs Neue bekriegen. Doch daran mag Elizabeth Araba jetzt nicht denken. Sie will einfach nur bald wieder nach Hause.