Von Mauern und Fäden

Von Anna Six (Text) und Sarah Menzi (Fotos

Das Band zum Vater halten, der im Gefängnis ist – dabei helfen Lilo und Martin ihrer 12-jährigen Enkelin. Eine Geschichte darüber, wie sehr Angehörige im Strafvollzug mitbetroffen sind.


Viele Briefe gehen hin und her zwischen dem Sohn im Gefängnis und seinen Eltern draussen.

Jonas (31) liebt es, zu kochen. In seiner Zelle hat er einen Campingkocher, mit dem er sich Kaffee zubereitet. Als der Ukraine-Krieg ausbrach und man fürchtete, auch in der Schweiz könnte das Gas knapp werden, durfte der junge Mann Kartuschen auf Vorrat bestellen. Im Gefängnis schien das niemand als Sicherheits­risiko einzuschätzen. Umgekehrt während der Untersuchungshaft in einer anderen Anstalt: Plötzlich war es beim Besuch nicht mehr erlaubt, Jonas ein Stück Käse mitzubringen, den er so gerne isst. «Heute nicht», sagte der Aufseher zu den Eltern, «probieren Sie es nächstes Mal.» 

Jonas’ Vater Martin lächelt müde, als er diese Anekdoten erzählt. Er und seine Frau Lilo haben viele Facetten des Schweizer Justizvollzugs erlebt. Daran gewöhnt haben sie sich nicht. An das Gefühl, als Angehörige eines Straftäters immer am kürzeren Hebel zu sitzen in diesem System. Daran, abhängig zu sein von den Entscheiden anderer. An die Frage nach dem Warum, die man oft besser nicht stellt. An den Schmerz, dass der eigene Sohn hinter Gittern ist. 

Im Wohnzimmer der beiden hängen Fotos an der Wand: Eine grosse Familie, drei Generationen, alle machen Faxen in die Kamera, legen die Arme umeinander, lachen. Ein junger Mann posiert stolz mit seiner Teenager-Tochter. Ganz normal? Dass die Bilder im Besuchsraum eines Schweizer Gefängnisses aufgenommen wurden, erkennt nur, wer es weiss. Sie zeigen Momente von Leichtigkeit in einem Familienleben, das schwer belastet ist. 

Jonas, der seit seiner Jugend «nicht auf der Schiene gelaufen» ist, wie es der Vater ausdrückt, ist das zweite von vier Kindern. Immer wieder ist er mit dem Gesetz in Konflikt gekommen. Über ihre Geschichte sprechen Lilo und Martin besonnen und offen – möchten aber im Artikel unerkannt bleiben. Zu gross ist die Furcht, in der Öffentlichkeit stigmatisiert zu werden. Mit 19 bekommt Jonas ein Kind, mit der Mutter ist er nicht zusammen, die kleine Isabel verbringt viel Zeit bei ihrem Vater, sie sind eng verbunden. Dann kommt es zum Riss: Jonas begeht eine schwere Straftat und muss in U-Haft. Seine Tochter ist viereinhalb. «Wir hatten sie in jener Zeit regelmässig bei uns», sagt Lilo. Das hat sich bis heute, acht Jahre später, nicht geändert. Isabel ist einmal im Monat fürs Wochenende da; lange verbrachte sie wöchentlich einen Tag bei den Grosseltern. 

Die drei machen auch zusammen Besuche im Gefängnis. In der ersten Zeit war dies besonders bedrückend. Lilo erzählt: «In der U-Haft sitzt du als Angehörige vor einer schmutzigen Scheibe, verschmiert mit Fingerabdrücken und Lippenstift, dahinter dein Sohn oder Vater. Du fühlst dich wie im falschen Film. Es tut unheimlich weh.» Martin sagt leise: «Man kommt in diesem Moment aufeinander zu, aber nicht zueinander.» Er legt seine kräftigen Hände auf den Stubentisch, schiebt die Fingerspitzen einander entgegen. Und stoppt, ehe sie sich berühren. 

Oft hörten die beiden: Man geht doch mit einem kleinen Kind nicht ins Gefängnis! Doch den Grosseltern war wichtig, dass der Faden zwischen Isabel und ihrem Papi nicht reisst. Sie dachten sich Hilfsmittel aus, nahmen Fingerpüppchen mit ins Gefängnis, mit denen sie vor der Scheibe spielten, oder der Vater versteckte sich auf seiner Seite unter dem Tisch. «Mit so wenig Mitteln die Beziehung zu erhalten, ist enorm anstrengend», sagt Martin. Doch der Familie ist es gelungen. In der nächsten Strafanstalt erreichte Isabels Mutter, dass das Kind mit dem Vater kuscheln und spielen durfte. Und im jetzigen Setting, wo die Bedingungen etwas lockerer sind, gibt es eben jene Fotobox – und Isabel darf zu den speziellen Vater-Kind-Besuchen ihre Ukulele mitnehmen. Auch Jonas hat eine, dann musizieren die beiden zusammen. «Endlich eine minimale Normalität», finden die Grosseltern über diese zusätzliche gemeinsame Zeit. Langsam entwickle sich der Strafvollzug in Richtung von mehr Kontaktmöglichkeiten für Angehörige (vgl. Box). 

Dennoch bleiben Briefe die einzige Art von Kommunikation, die sie frei mit ihrem Sohn und Vater führen können. Sie schreiben einander viel. Die Telefonzeiten sind eingeschränkt, die Dauer eines Gesprächs auf zwanzig Minuten begrenzt. Am Schluss piepse es dreimal, dann sei die Verbindung weg, schildert Lilo. «Unsere Enkelin ertrug das jeweils nicht und reichte das Telefon rasch weiter.» Für ein Kind sei die fremdbestimmte Beziehung, die sich durch die Haft ergebe, besonders schwierig. «Isabel wird bestraft für etwas, wofür sie nichts kann.» 

Apropos Strafe: Wie erklärt man einem Kind, was sein Vater getan hat, dass er eingesperrt ist? Lilo überlegt. «Ja, dafür braucht es schon ein ‹Gspüri› …» – «Das beste ‹Gspüri› hast du», sagt Martin und blickt liebevoll zu seiner Frau. Sie hätten immer versucht, die Fragen ihrer Enkelin kindgerecht zu beantworten, gegebenenfalls die Informationen gefiltert. Isabel selbst sei offen damit umgegangen, dass ihr Papi im Gefängnis sitze: «Schon im Kindergarten hat sie das den anderen erzählt.» Auch heute gibt es Freundinnen, die Bescheid wissen und das Mädchen unterstützen. 

Lilo und Martin gehen seit vergangenem Jahr zu den monatlichen Treffen einer Angehörigen-Gesprächsgruppe der Fachstelle ExtraMural in Zürich (vgl. Nachgefragt). «Als unser Sohn das erste Mal verhaftet wurde, wären wir froh gewesen um ein solches Angebot. Es fühlte sich grotesk an. Man wird in eine Welt hineingeworfen, von der man keine Ahnung hat.» Heute sind die beiden im Kreis der aktuell acht Teilnehmenden sowas wie die alten Hasen. Und sie stellen rückblickend fest, wie wertvoll während all der belastenden Erlebnisse der Zusammenhalt in ihrer Familie war. 

Dazu gehörten bis vor wenigen Jahren auch die Grosseltern von Jonas. «Sie standen voll hinter uns», sagt Martin über seine Eltern. Sie besuchten den Enkel im Gefängnis, solange es ging – noch mit 93 Jahren und am Stock. Umso traumatischer war für den Inhaftierten, wie er vom Tod seiner Grossmutter erfuhr. Jonas habe im Korridor einen Aufseher gekreuzt, dieser habe ihn unsanft angehalten und gesagt: «Und übrigens ist die Grossmutter tot.» Beim Grossvater war es nicht besser: Über den Zellenfunk habe man Jonas wissen lassen, dass dieser verstorben sei. Angesichts solcher Erlebnisse fällt es Martin schwer, nicht zu hadern. «Wieso kann das Personal nicht mehr Respekt walten lassen?» Die Strafe für einen Täter sei doch das Leben hinter Mauern, abgekoppelt von der Gesellschaft. «Ihn dort auch noch schlecht zu behandeln, ist unmenschlich.» 

Für ihn selbst sind die Besuche im Gefängnis eine Zerreissprobe. Angefangen bei der Frage, wer wann für wie lange hingehen darf: Je nach Anstalt sind die Besuchszeiten sowie der Kreis der Personen, die überhaupt als Besuchende zugelassen sind, stark eingeschränkt. Einer grossen Familie fordert das viel Organisation ab. Zumal noch einzelne alte Freunde Jonas ab und zu sehen möchten. «Auch diesen Beziehungen muss man Sorge tragen», meinen die Eltern. Das Besuchsmanagement empfinden sie als riesigen Balanceakt. Auf die Frage an die Enkelin, ob sie gerne häufiger zum Papi ginge, habe Isabel einmal geantwortet: «Nein, weil es so weh tut.» Bastelarbeiten, Fotos, Schulstoff: Nichts kann das Mädchen einfach ihrem Vater zeigen, wie das andere Kinder in ihrem Alter tun. Oder von wichtigen Prüfungen erzählen, von Liebeskummer. Für jedes Geschenk an den Inhaftierten muss ein Antrag geschrieben, für jeden Besuch selbst der engsten Familie ein Bewilligungsformular ausgefüllt werden. «Alle reden immer von Resozialisierung», sagt Martin, «aber wird im Vollzug wirklich alles für dieses Ziel getan?» Die Frage bleibt im Raum stehen. 

Jonas verfolgt aus dem Gefängnis heraus das Ziel, auf Bewährung entlassen zu werden. Dazu könnte es frühestens in einigen Jahren kommen. Seinen Anwalt finanzieren ihm die Eltern nicht: «Es widerspräche unserem Bedürfnis, die vier Kinder gerecht zu behandeln.» Das Leben von Jonas’ Geschwistern sei ohnehin gezeichnet. Dennoch stehen alle drei zu ihm, besuchen ihn oft. Versuchen die Fäden zu halten. 

Wenn die Eltern bei ihrem Sohn sind, ungefähr alle zwei Wochen, meist zusammen mit der Enkelin – wie fühlt sich das an? Der Vater schliesst beim Erzählen die Augen. «Im Gefängnis gibt es diese Schleuse auf dem Weg hinein und hinaus. Sie macht die Trennung so fassbar. Wir gehen, er muss bleiben. Wir haben einander, er ist allein. Ihn zurückzulassen, in diesem emotionalen Loch, ist jedes Mal schwer.» 

«Schuld und Scham sind grosse Themen», sagt Lilo. Viele in ihrem Bekanntenkreis hätten sich abgewandt. Und sogar eine Frau, die sie aus der «Gefängnis-Bubble» flüchtig kenne, habe nicht grüssen wollen, als sie einander in der Fussgängerzone ihrer Stadt mal über den Weg liefen. So gross kann das Tabu sein, selbst unter Betroffenen. «Das ist mir eingefahren.» Angehörige von Inhaftierten zu sein, macht einsam. Wer für einen Straftäter einsteht, macht sich keine Freunde – auch wenn es der eigene Sohn ist. Und viele erleben, dass ihnen das Gefühl vermittelt wird, sie trügen eine Mitschuld. Nach Jonas’ Delikt wird das Paar oft als Erstes gefragt, wenn jemand von den Umständen der Familie erfährt. «Doch unser Thema ist ein anderes», sagt Lilo. «Wie leben wir mit der gewaltigen Trauer in uns drin? Wie leben wir ohne unseren Sohn, Bruder und Vater, den wir gernhaben?» •

Alle Namen von Familienmitgliedern sind geändert.


Überblick

In der Schweiz gibt es geschätzt 60 000 Menschen, die Angehörige im Gefängnis haben – davon 9000 Kinder, deren Vater oder Mutter inhaftiert sind. Das Thema Angehörige im Justizvollzug rückt seit einigen Jahren in den gesellschaftlichen Fokus. 2018 hat der Europarat in einer Empfehlung bekräftigt, dass Kindern inhaftierter Väter oder Mütter die gleichen Rechte zustehen wie allen anderen. Das heisst, der Staat muss gewährleisten, dass ein betroffenes Kind regelmässigen Kontakt zu diesem Elternteil erlebt und vor Diskriminierung geschützt wird. 

In der Westschweiz unterstützt die Stiftung Relais Enfants Parents Romands (REPR) bereits seit über zwanzig Jahren die Familien von Inhaftierten. Seit 2018 existiert der Verein «Perspektive Angehörige und Justizvollzug», um die Angehörigenarbeit zu fördern und landesweit zu vernetzen. 2022 wurde eine Infostelle des Vereins Team72 neu lanciert, 2023 startete die ökumenische Beratungsstelle ExtraMural im Kanton Zürich. Im Juni 2023 erschien die erste Studie zur Situation von Kindern mit einem inhaftierten Elternteil in der Schweiz (Zürcher Fachhochschule ZHAW). Diese zeigte erstmals wissenschaftlich auf, wie schwer Familien von der Inhaftierung eines Angehörigen betroffen sind. Kurz darauf wurde der vielbeachtete Film «Mitgefangen» im SRF ausgestrahlt.

Infos und Anlaufstellen

angehoerigenarbeit.ch

team72.ch/infostelle-fuer-angehoerige

extramural.ch

Der Dokumentarfilm «Mitgefangen» 

ist kostenlos zu streamen unter playsuisse.ch


«Wir verzeichnen immer mehr Anfragen»

Nachgefragt bei Ivana Mehr, Leiterin der Angehörigen-Beratungsstelle ExtraMural

ExtraMural ist ein Pilotprojekt der reformierten und katholischen Landeskirchen des Kantons Zürich. Wie fällt Ihre Bilanz nach zwei Jahren aus?

Ivana Mehr: Überwältigend positiv. Ein Beispiel, das mich kürzlich sehr berührt hat: Eine junge Frau stiess neu zu unserer Gesprächsgruppe für Angehörige von Inhaftierten. Ihre Mutter war bis 2019 im Gefängnis gewesen. Erst jetzt, sechs Jahre später, hat sie das Vertrauen und einen Raum gefunden, um über ihre Erlebnisse und Emotionen zu sprechen. Was mich ebenfalls freut:
Wir sind immer besser vernetzt im Apparat von Justizvollzug und Wiedereingliederung. 

Besonders nach der ersten Verhaftung einer delinquenten Person ist der Schock für die Familienmitglieder gross: Mit wem kann ich sprechen? Wie kontaktiere ich meinen Partner, meine Tochter im Gefängnis? Was sage ich den Kindern und anderen Verwandten? Wer bezahlt jetzt
die Rechnungen? Hat man da als Betroffene überhaupt Kapazität,
eine Fachstelle zu kontaktieren?

Einerseits verzeichnen wir viel mehr Anfragen, seit unser kostenloses und vertrauliches Beratungsangebot auf den Webseiten der Gefängnisse im Kanton Zürich aufgeführt ist. Anderseits will unser neues Projekt «infoBus» genau dies: Unterstützung direkt vor die Gefängnistore bringen. Zusammen mit dem Verein Team72 planen wir ein aufsuchendes Angehörigenmobil, welches neben der Justizvollzugsanstalt Pöschwies – wo bereits eine Testphase stattfand – auch Untersuchungsgefängnisse im Kanton «anfahren» kann. So erreichen wir Angehörige in der Phase ihrer grössten Belastung. 

Sie produzieren zusammen mit
einer Filmemacherin Erklärvideos für Kinder, deren Vater oder Mutter inhaftiert ist. Warum?

Kinder haben eine ausgeprägte Fantasie, und was sie sich unter einem Gefängnis vorstellen, ist manchmal schlimmer als die Realität: Muss meine Mutter auf dem Boden schlafen? Isst mein Vater aus einem Blechnapf? Gemäss einer Studie fehlt es in der Schweiz an kindgerechten Informationen über den Haftalltag. Mit den Erklärvideos helfen wir, diese Lücke zu schliessen. Die vier Kurzfilme beleuchten einmal das Basiswissen: Warum kommt man überhaupt ins Gefängnis? Wie unterscheiden sich die Vollzugsarten? Zweitens: Wie läuft ein Besuch im Gefängnis ab, was darf ich mitnehmen, was nicht und warum? Weiter das Leben im Gefängnis: Was tun Inhaftierte den ganzen Tag? Was ist am schwierigsten für sie? Wie können wir in Kontakt bleiben? Und schliesslich geht es um den Umgang mit eigenen Gefühlen, mit Stigma und Tabu – aber auch um die Rechte, die das Kind hat.


Dieser Artikel erschien im Grosseltern-Magazin 02/2025.