Warum macht ihr das so ?

Zweijährige, die um ihre Meinung zur Wochenend­planung gebeten werden. Schulkinder, die im Elternbett schlafen. Neue Schuhe, die das Enkelkind unbedingt für die Waldspielgruppe tragen will – und auch darf. Eltern scheinen sich ­heute mehr denn je nach den Wünschen ihrer Kinder zu richten. Was steckt dahinter?

Von Ümit Yorker (Text) und Irene Meier (Illustration)

Auf dem Küchentisch meiner Schwiegermutter liegt der Hochstuhl, den mein Sohn bei Besuchen jeweils benutzt – zerlegt in seine Einzelteile. «Sollen wir den mitbringen, wenn wir das nächste Mal zu euch kommen?», fragt sie. Obschon sie natürlich weiss, dass auch der jüngste ihrer drei Enkelsöhne sein eigenes Stühlchen zu Hause hat. «Danke, aber wir haben ja schon einen Hochstuhl», sage ich trotzdem (oder trotzig?) – denn ich weiss, was nun kommt: «Eurer ist aber nicht sicher genug.» Die Sicherheit mal wieder. Nirgends klaffen die Ansichten zwischen den grosszügigen, warmherzigen und humorvollen Grosseltern meiner Kinder und mir mehr auseinander, als wenn es darum geht, ab wann ein Kind alleine die Treppe hochsteigen, ein Spiegelei braten oder über die Strasse zum Kiosk darf.
Diskussionsthema Nr. 1, so kam eine repräsentative Umfrage in den USA kürzlich zum Schluss, zwischen Grosseltern und Eltern bleibt aber: das Verwöhnen, oder präziser: die Frage, ob Grosseltern dieselben Regeln geltend machen wie die Eltern. Denn obwohl häufig eine zu grosse Nachgiebigkeit der Grosseltern beklagt wird, sind Eltern auch nicht glücklich, wenn Opa seiner Enkelin mehr verbietet, als sie es selbst tun würden. Zu Spannungen zwischen den Generationen führen laut der Studie ausserdem Mahlzeiten und Medien, Schlafenszeit und Benehmen, aber auch der Umgang mit Social Media oder die Bevorzugung eines Grosskindes.
Die Konfliktlinie zwischen den Generationen verläuft aber nicht unbedingt entlang einer grundsätzlich strikten oder permissiven Haltung. Sowohl wir Eltern als auch die Grosseltern meiner ­Kinder schieben beispielsweise recht konsequent den Riegel vor, wenn dem Kinder­überraschungsei noch zwei Handvoll Gummibären hinterhergeworfen werden sollen. Gleichzeitig hat sich nie jemand von uns daran gestört, dass die Kinder nachts noch lange zu ihren Eltern oder auch den Grosseltern ins Bett schlüpften. Im Gegensatz zu meiner Schwiegermutter kann ich aber schon mal laut werden, wenn meine Söhne zehn Minuten nach Ablauf der abgemachten Zeit noch immer am Handy rumdaddeln. Dafür bleibe ich gelassen, wenn ihre neuen Turnschuhe schon am ersten Tag aussehen, als hätten sie damit sämtliche Hochmoore der Schweiz durchwatet.
Grosseltern, so stellte der kürzlich verstorbene Schweizer Pädagoge Fritz Oser fest, sehen sich denn auch häufig als Gegengewicht: Wo sie den Sohn oder die Schwiegertochter als zu starr erleben in der Erziehung, lassen sie den Enkelkindern öfter etwas durchgehen. Empfinden sie die Eltern aber als zu nachgiebig, bestehen sie sehr wohl auf manchen Regeln. Generell ist man sich, zumindest in der westlichen Welt, aber generationenübergreifend einig: Erziehung ist Elternsache. Grosseltern sollen sich nicht einmischen – und wollen das meist auch nicht. Es ist vielleicht sogar die einzig klare Anforderung an die Grosselternrolle, die sonst ja weder so richtig ausformulierte Pflichten noch Rechte kennt. Wie das idealisierte Bild von Grosselternschaft geht auch die Norm der Nichteinmischung auf die Entstehung der bürgerlichen Familie zurück. Damals wurde den Eltern zum ersten Mal ganz die Erziehungsverantwortung für ihre Kinder überschrieben – und den Grosseltern eine eindeutig positive Rolle im Familiengefüge eingeräumt: Liebevoll sollen sie sich fortan um die Enkelkinder kümmern, ihnen moralischer Kompass sein; es etabliert sich zu jener Zeit das Stereotyp der gütigen und selbstlosen Oma, das bis heute nachwirkt. Was die Grosseltern damals an emotionaler und sozialer Aufwertung erfuhren, verloren sie jedoch an Autorität in der Familie, wie der Schweizer Altersforscher François Höpflinger sagt. Gut zeigt sich das an der Rolle des Grossvaters: Noch bis ins frühe 19. Jahrhundert wird dessen Ideal als Lehrmeister propagiert, dann aber weicht das Bild immer mehr dem eines Märchenonkels. Die Grosseltern sollen für ihre Enkel da sein, so sieht es das bürgerliche Familienideal vor, aber keinesfalls der elterlichen Autorität Konkurrenz machen. So wird den Grosseltern denn bald auch das Attribut altmodisch angeheftet: Es soll dafür sorgen, das Streitpotenzial zwischen den Generationen von Anfang an klein zu halten.
Generationenkonflikte sollten aber nicht überbewertet werden. Nur selten brechen Kinder ganz mit den Erziehungsvorstellungen ihrer Eltern. Viel wahrscheinlicher ist es, dass man vieles aus den eigenen Erfahrungen übernimmt, aber neue Akzente setzt. Gerade in der Schweiz werden viele Werthaltungen auch deshalb weitgehend unverändert von Generation zu Generation weitergegeben, weil es in den vergangenen Jahrzehnten keine gros­sen gesellschaftlichen Umwälzungen gab. In Deutschland hingegen tat sich als Folge der Greuel des Nationalsozialismus zu Beginn der Siebzigerjahre eine regelrechte Kluft auf zwischen den Generationen. Es kam zu einem tiefgreifenden Wertewandel, der die Gesellschaft gerade auch in Erziehungsfragen lange spalten sollte; erst in den späten Neunzigerjahren schloss sich der Graben wieder.
Heute scheinen sich unsere Erziehungsansichten aber ganz unabhängig von Generation oder Geschlecht immer mehr in dieselbe Richtung zu bewegen: hin zu einer grösseren Kindorientierung, zu mehr Verhandeln statt Verordnen, zu mehr Achtung der Bedürfnisse und Rechte der Jungen.
Und die Enkelkinder selbst? Die schätzen an ihren Grosseltern vor allem, dass sie einfach da sind. Das zumindest ist das Ergebnis einer Erhebung von François Höpflinger, Cornelia Hummel und Valérie Hugentobler. Die Beziehung zwischen den beiden Generationen ist dann am besten, wenn sich Grosseltern aufrichtig für ihre Enkel interessieren, mit ihnen diskutieren und basteln, fernsehen und fischen, wenn sie ihre Grosskinder ernst nehmen, aber allzu intime Themen ausblenden. Es macht mit das Besondere an Grosseltern aus, dass sie zwar familiäre Bezugspersonen sind, aber abseits des Alltags von Schule und Beruf und den damit verbundenen Spannungsfeldern stehen. «Gerade Grosseltern, die Einmischung vermeiden», schreiben die drei Forschenden, «scheinen die Wertorientierung der Enkel am nachhaltigsten zu beeinflussen.»
Und manchmal, da bewegt sich die eine Generation auch ganz unverhofft auf die andere zu. Vor einer Weile erzählte mir meine Schwiegermutter von einem Ausflug mit meinen Söhnen und ihrer Schwägerin. «Passt auf, das ist zu gefährlich!», habe diese hinterhergerufen, kaum seien die Kinder einen Hügel hochgeklettert. «Lass sie doch», habe sie der Schwester ihres Mannes da gesagt. «Die können das schon.» Dass auch sie sich damit auf neues Terrain begab – das rechne ich ihr hoch an. •

Konsequent inkonsequent

Text: Karin Dehmer

Endlose Einschlafszenarien, Extrawürste bei Tisch und wüste Kinderflüche, die ignoriert werden. Falls Ihnen, liebe Grosseltern, die folgenden fiktiven Situationen ­­bekannt vorkommen, interessiert Sie vielleicht deren Einordnung aus heutiger erziehungswissenschaftlicher Sicht.

«Das Einschlafszenario zieht sich endlos in die Länge. Zuerst ein Gezeter, bis die Zähne geputzt sind, dann reicht oft eine Gutenacht-Geschichte nicht und später stehen die Kinder mehrmals wieder auf oder sie verlangen, dass man sich neben sie legt, bis sie eingeschlafen sind.»
Gerade hier gibt es sehr unterschiedliche Sichtweisen. Manche Experten sind überzeugt, dass kleine Kinder die Nähe brauchen. Kleine Kinder müssen aber lernen, einzuschlafen, und Eltern müssen sich erholen können – von daher: Wenn Eltern diese enge Begleitung leisten können, ist das schön für das Kind, aber nicht unbedingt nötig. Klare Rituale und Regeln helfen dem Kind, sich zu orientieren und somit auch, sich zu entspannen.

«Ich kann manchmal fast nicht zusehen, welche Extrawürste die Eltern meinen Enkelkindern bei Tisch erfüllen. Oft kochen sie für ihre Kinder verschiedene Sachen, damit alle zufrieden sind. Noch schlimmer ist es im Restaurant. Was da alles extra und ohne dies und ohne das bestellt werden darf, und schlussendlich haben es dann die Kinder trotzdem nicht gern.»
Wichtig ist, dass Kinder Freude am Essen und ein unverkrampftes Verhältnis dazu entwickeln. Wenn sie dazu gezwungen werden, Nahrungsmittel zu essen, die sie nicht gern haben, oder den Teller leer zu essen, kann ihnen die Lust am Ganzen vergehen. Zudem ist das gemeinsame Essen oft ein wichtiger und schöner Moment im Familienalltag, der nicht mit Zwängen und Streitereien belastet werden sollte. Besser als dem heiklen Kind täglich Extrawürste zu kochen, wäre es, auf dem Tisch Alternativen wie Brot, Früchte oder rohes Gemüse anzubieten. Bei dieser zwar sättigenden, aber eher mageren Auswahl probiert das Kind vielleicht eher etwas vom regulären Menü.

«Meine Kinder haben auch getrotzt oder Wutanfälle gehabt. Nach ein paar Mal gut zureden habe ich sie jeweils ignoriert, bis sie sich wieder beruhigt haben. Heute machen die Eltern ein Riesentheater. Da werden dem Kind Fragen gestellt, mitten im Wutanfall, die es gar nicht richtig beantworten oder einordnen kann: «Was fehlt dir?», «Wie hast du dir das und das denn vorgestellt?» Auch lassen sich die Eltern mit Schimpfwörtern eindecken, ohne dass dies Konsequenzen hat für das Kind.»
Wenn kleine Kinder trotzen, ist das wie ein Systemzusammenbruch. Es kann die Gefühle nicht mehr kontrollieren oder einordnen. In einem solchen Moment das Kind zu ignorieren oder zu schimpfen, ist nicht das Richtige. Trost ist dann sehr wichtig. In Momenten grosser Verzweiflung ist das ja auch, was wir Erwachsenen brauchen. Sind die Kinder allerdings älter und benutzen wüste Schimpfwörter, ist Ignoranz keine gute Idee. Man signalisiert den Kindern sonst, dass es okay ist. Eltern haben schon die Pflicht, den Kindern die Regeln beizubringen, die in einer Gesellschaft gelten.

«Meine Enkelinnen sind achtjährige Zwillinge. Sie dürfen bei der Ferienplanung mitreden. Letztes Jahr wollten sie unbedingt wieder auf den Campingplatz, auf dem sie im Jahr zuvor gewesen sind. Ihre Eltern wären lieber woanders hingefahren. Schliesslich haben sie einen Kompromiss gefunden: Eine Woche auf dem Campingplatz, den die Kinder unbedingt wollten, und in der zweiten Woche der Ort, den die Eltern ausgesucht haben. Ich finde das einerseits sehr schön, wie die Wünsche der Kinder berücksichtigt werden, andererseits frage ich mich, wie sie später im Leben damit umgehen werden, wenn etwas nicht so läuft, wie sie es sich vorstellen?»
Eltern sollten sich nicht nach den Wünschen der Kinder verbiegen und gleichzeitig nicht den ­Kindern auf autoritäre Weise immer den Eltern­willen aufzwingen. Die Kinder in Familien­entscheide einzubeziehen, ist wichtig. Auf diese Weise lernen Kinder zu argumentieren, auf die Wünsche anderer Rücksicht zu nehmen und ­Kompromisse zu suchen.