«Ein Rivella» oder «ein Rivella, bitte»? Welchen Unterschied macht das kleine Zauberwort mit den fünf Buchstaben, das allen Kindern von früh auf eingetrichtert wird? Wozu die ganze Mühe, wenn doch auch ohne «Bitte» sonnenklar ist, dass ich ein Rivella will? Erstens ist es ein geschickter Weg, um zu einem ­Ziel zu gelangen, das ich ohne Hilfe nicht erreichen könnte. Wenn ich nicht selber zum Kühlschrank komme, dann hilft es, die allmächtige Hüterin des Rivellas mit einem «Bitte» milde zu stimmen. Zugegeben: Sich einzugestehen, dass man auf Hilfe angewiesen ist, ist nicht einfach. Das ist auch der Grund, warum es nicht nur Kindern schwerfällt, das Zauberwort zu benutzen. Seine Grenzen zu kennen, ist aber keine Schande. Im Gegenteil: Auf die Fähigkeit, zu erkennen, wann es nicht ohne Unterstützung geht, darf man stolz sein. Zweitens ist «bitte» zu sagen eine Frage der Höflichkeit. Das gilt insbesondere in jenen Fällen, wo ich eigentlich die Macht hätte, jemandem etwas zu befehlen. «Räum dein Zimmer auf!» klingt ganz anders als «Bitte räum dein Zimmer auf». Höflichkeit ist dabei keine Floskel, sondern ein «Bestreben, gegen niemand Verachtung und Geringschätzung im Umgang zu zeigen», wie der englische Philosoph John Locke es treffend beschrieben hat. Zimmeraufräumen geht viel leichter, wenn mir die Grosseltern nicht bei jeder Gelegenheit ihre Macht unter die Nase reiben. Wer es ausprobiert, wird sehen: Wie von Geisterhand kommt das Rivella schneller auf den Tisch und wie durch ein Wunder wird das Zimmer eher aufgeräumt. «Bitte» ist eben doch ein Zauberwort.

Urs Siegfried, Initiator und Leiter des Zürcher Philosophie Festivals, hat erst
Geschichte und Betriebswirtschaft studiert, bevor er die Philosophie für sich entdeckte.
Fürs Grosseltern-Magazin beantwortet er jeden Monat eine Kinderfrage.
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Bisher erschienene Antworten von Urs Siegfried auf philosophische Kinderfragen:
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Dieser Artikel stammt aus dem Grosseltern-Magazin 10/2018